Der Wahlkampf 2005 könnte ein trauriger Triumph der Popkultur über den Verstand werden. Anfang des Jahres war die Lage des Landes so desaströs, dass die Bürger lieber bemerkenswert unbeholfene Politiker wie Peter Harry Carstensen in Schleswig-Holstein oder Jürgen Rüttgers in NRW wählten als jene noch immer wirkungsästhetisch virilen Politiker der SPD oder der Grünen. Es schien, als ob weite Teile des Bürgertums verstanden hätten, dass Geschmacksentscheidungen in der Politik selbstmörderisch geworden sind.

Doch mit dem Coup von Gerhard Schröder und Franz Müntefering, am Abend der großen Niederlage in NRW Neuwahlen anzukündigen, begann die Rückkehr der Gesten und Effekte. Aus dem Debakel sollte zumindest die Person des Souveräns gerettet werden. Die Medien registrierten dankbar: Dem Sieger Rüttgers wurde die Show gestohlen. Die hatte sich auch Joschka Fischer im Visa-Untersuchungsausschuss nicht nehmen lassen. Kanzler und Vizekanzler beweisen in Zeiten der Krise weniger reale Führungsstärke als vielmehr die Kompetenz, den Look von Führungsstärke zu kommunizieren. Sie haben gelernt, dass es in einer postmodernen Welt weniger um die richtigen Argumente als um die richtigen Marketingvorschläge für Argumente geht.

So gewannen sie die Wahl 1998 gegen den verstaubten Kohl und 2002 gegen den stotternden Stoiber. Doch schon da war diese Regierung eigentlich am Ende. Nur die Flut, gepaart mit Schröders Nein zum Irak-Krieg, sicherte einen knappen Erfolg. Der Fluch der Bürgerlichen scheint sich 2005 fortzusetzen. Frau Merkels Schweißflecken in Bayreuth, ihre Karstadt-Turnschuhe, ihre getunte, aber noch fragile Eleganz zeigen ihr Fremdeln im Land der coolen Bilder.

Schröder dagegen gab sich sogar noch im TV-Duell mit der schlau minimalistisch argumentierenden Herausforderin am vergangenen Sonntag selbstsicher und staatsmännisch – angesichts von knapp fünf Millionen Arbeitslosen und Nullwachstum ein Spektakel virtuoser Weltflucht. Schröder scheint vergessen zu haben, dass er es war, der Neuwahlen wollte, um nicht von seiner eigenen Partei durch die Hintertür aus dem Kanzleramt gejagt zu werden. So sehr er auch in den Medien als Popstar brilliert – seit Hartz IV ist er im Kabinett wie in der SPD zum Spielen der Luftgitarre verdammt.

Die Generation Zuversicht leidet unter Rot-Grün – und votiert doch dafür

Das alles wäre nicht so schlimm, würde nicht jene kulturelle Differenz der Show-Profis gegenüber den Show-Epgionen von Union und FDP jene bis ins Mark verunsicherten Jungbürger davon abhalten, das zu wählen, was ihren Interessen entspricht. Die Hälfte der Deutschen ist unentschieden, was sie wählen soll, besonders die Jungen der "Generation Zuversicht" (stern). Obwohl sie liberal denken, fühlen, handeln und träumen, fühlen sie sich durch das Personal der bürgerlichen Parteien nicht vertreten. Sie jammern über ihr ewiges Praktikantendasein, Arbeitslosigkeit, lausige Aufträge und wissen auch, dass dies mit der Wirtschaftspolitik von Rot-Grün zu tun hat. Und dennoch stöhnen sie: "Die anderen kann ich nicht wählen, die sind zu eklig, das bringe ich nicht über mich." Vorgebracht wird dies von intelligenten Menschen, die ihre inneren Widersprüche realisieren und Oberflächlichkeit geißeln. Doch politisch kultivieren sie genau dies. Scheinbar kann kein Vertreter der bürgerlichen Parteien diese Menschen zur Wahrung ihrer Interessen ermuntern.

Auf den ersten Blick diktiert Pop das Primat der Oberfläche. "If you judge a book by the cover", sangen 1981 ABC in ihrem Hit Look of Love, "then you’d judge the look by the lover." Die so genannte Poplinke, der intellektuelle Flügel der Popkultur, versuchte in einer Zeit politischer Stagnation durch einen anderen Stil fortschrittliches Bewusstsein zu demonstrieren. Mehrere Generationen von Dichtern, Popmusikern und Feuilletonisten wurde durch die pointierten Ideen des Boheme-Marxismus und dessen Vordenker Diedrich Diederichsen geprägt. Die Endmoräne jener Inspirationsquelle findet sich in Artikeln der Süddeutschen Zeitung, in denen Angela Merkel für unwählbar gilt, weil sie sich für Wagner interessiert und die falsche Beatles-Platte mag. Angesichts gravierender ordnungs- und gesellschaftspolitischer Antagonismen Plattencover und Frisuren zu Kriterien einer Wahlentscheidung zu machen, lässt Pop antiaufklärerisch werden – etwas, das er nie war.