popmusik An der LuftgitarreSeite 3/3
Doch abseits der alten ideologischen Bastionen gibt es Verschiebungen. Die Bravo hat Papst Benedikt XVI. ein Riesenposter gewidmet, der eher spröde Bundespräsident Horst Köhler wird auch von jungen Deutschen verehrt. Immer mehr Jugendliche haben die mediokre Show vermeintlich fortschrittlicher Beharrungskünstler satt. Auch bei Popmusikern taucht ein neuer, kühler Pragmatismus in der Betrachtung der Welt auf. Wenn Elektropunkerinnen wie die in Berlin lebende Kanadierin Peaches über die Faulheit der verwöhnten bundesrepublikanischen Jugendlichen staunen, wenn die linken Journalisten des New Yorker die Feistigkeit des Rebellentums in Hans Weingartners Film Die fetten Jahre sind vorbei kopfschüttelnd rezensieren, wenn ein Rapper wie Sido offen bekennt, dass in seinem Berliner Ghetto der Missbrauch von Sozialhilfe ein Sport ist, von dem sich gut leben lässt – dann wird deutlich, dass altlinke Positionen von Teilen des Pop keine Unterstützung mehr erhalten.
Wie sähe Pop in Deutschland aus, der unangepasst, mutig, rebellisch wäre? Wenn Blumfeld auf dem Parteitag der FDP Diktatur der Angepassten singen würde. Es würde für beide Seiten eine Herausforderung und Zumutung bedeuten, aber eben auch eine fruchtbare Dynamisierung verklebter Fronten. Versteht man Pop und seine Sehnsucht nach ungebremstem Freiheitsdrang essenzialistisch (und nicht phänomenologisch), dann gibt es für seine Anhänger nur eine Wahlempfehlung: die FDP. Die Skepsis der Liberalen gegenüber Bürokratie und Staat, Kollektiven und überkommenen Traditionen ist popkompatibel. Anders als die von Angela Merkel erfolgreich liberalisierte Volkspartei CDU hat die FDP keine Angst vor dissidenten Positionen. Sie steht für eine sich ausdifferenzierende Gesellschaft und damit für mehr Polarisierung. Sie steht für einen Kapitalismus mit mehr Chancen für alle – der freilich auch mehr Risiken birgt. So wird beiläufig das no risk, no fun der Popkultur bedient.
Schon jetzt wird der FDP mit dem Fegefeuer jener »Bock auf Rock«-Traditionalisten aus den Gewerkschaften gedroht. Vor diesem Hintergrund verdienen Westerwelle, Niebel und Gerhardt von den Individualisten der Generation Golf Solidarität für den Kampf gegen die sich »links« wähnenden Neokonservativen aus den Gewerkschaften und linken Parteien. Es ist falsch, die weniger schlimme Oberfläche zu wählen. Diese Wahl sollte nicht von der Stilpolizei des Pop entschieden werden, sondern von seiner Seele: dem Traum vom Reich der Freiheit.
Ulf Poschardt, geboren 1967, war Chefredakteur des SZ-Magazins und Mitglied der Chefredaktion der Welt am Sonntag . Zuletzt veröffentlichte er das Buch Über Sportwagen (Merve Verlag)
- Datum 08.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.09.2005 Nr.37
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