Deutschland Auf und nieder, immer wiederSeite 2/2
Manchmal überwindet man an einem Tag so viele Höhenmeter wie in den Alpen. Tausend zum Beispiel, nur dass man nicht mal 400 Meter hoch hinauskommt. Vor Jahrmillionen hat die Natur das Rheintal gefaltet. Das hat sie ziemlich gründlich gemacht. Auch ein Mittelgebirge raubt den Atem, wenn man in unerwarteter Mittagsglut durch aufgelassene Weinberge, an alten absterbenden Apfel- und Kirschbäumen vorbei versucht, in stoischer Gelassenheit gleichmäßig atmend steil bergan zu stapfen, manches Mal hart an der Abbruchkante. Nur Ziegenherden und Mountainbiker sind unterwegs hoch über der Rheinschleife bei Boppard.
Auf den letzten 90 von 320 Kilometern wird’s gemütlicher
Doch der Rheinsteig kann auch unvermittelt lieb und zahm sein, gerade dann, wenn man mit einer Herausforderung rechnet. Plötzlich wird er zum schmalen Trampelpfad durch Wiesen, lässt sich auf der einen Seite von Feldern begleiten, und auf der anderen präsentiert er das mittlere Rheintal so schön, dass man alle Romantiker und japanischen Touristen versteht und auch die Unesco mit ihrem Weltkulturerbe-Prädikat. Selbst wenn sich am Spitznack die Loreley nur von der Seite zeigt.
»Ein Premium-Wanderweg inszeniert Erlebnisse«, sagt Rainer Braemer. An Rainer Braemer führt kein Weg vorbei, wenn es ums Marschieren geht. Seit Jahren untersucht er, was die Wandersleute wünschen. Er hat die Leitlinie für den Rheinsteig vorgegeben, denn es gibt Kriterien für den optimalen Wanderweg. Er darf nicht an verkehrsreichen Straßen entlangführen und nicht durch zu dicht besiedelte Gebiete, Minuspunkte gibt es für Lärm und den Ausblick auf Industriegelände, ein Plus heimsen »Dominanzpunkte und Raumeffekte« wie Burgen und alte Stadtkerne ein. Der durchschnittsdeutsche Wanderer, der übrigens kaum mehr geschlossen marschiert, sondern individuell spaziert, setzt seinen Fuß lieber auf Mulch und Schotter als auf Asphalt, mag keine breit geteerten Forstwege, sondern Trampelpfade wie aus Pfadfinderzeiten. Der Rheinsteig, am 8. September feierlich eröffnet, wird in den nächsten Wochen auf seine Tauglichkeit als Premiumweg untersucht. Doch Rainer Braemer weiß jetzt schon: »Es ist der deutsche Leitweg. Wäre er ein Dampfer unten auf dem Rhein, dann wäre er das Flaggschiff.«
Die letzten 90 Kilometer führen durch den hessischen Rheingau. Hier darf auch der Genusswanderer sich freuen, wenn er sich einklinkt in einen staubnormalen meterbreiten Pfad, durch Weinberge latscht, sich umdreht, plötzlich den Rhein aufblinken sieht und ein paar Hochäuser aufragen, die das ZDF sein müssen, der Mainzer Lerchenberg.
Das seit Tagen latente Gefühl bestärkt sich endgültig: Dieses Stück Deutschland ist verflixt schön und jede Strapaze wert. Doch gerade jetzt, da muss er noch mal aufmucken. Der Weg kommt aus dem Wald. In einer Mulde, perfekt für ein Zisterzienserkloster, liegt Eberbach. Es kann nicht mehr weit sein. Doch wo es eine unbequeme Strecke gibt, der Rheinsteig nimmt sie und pirscht sich unvermutet mit einem Umweg an. Er bleibt eben hinterhältig.
- Datum 08.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.09.2005 Nr.37
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