Sachbuch Familie geht doch

Europa fehlen die Kinder. Im Wahlkampf herrscht dazu dröhnendes Schweigen. Aus Unwissenheit? Pessimismus? Lektüretipps für Politiker

Einer, der Politikberatung zur Kunst erhebt, ist natürlich Paul Kirchhof, Verfassungsrichter a. D. und Vorkämpfer einer Neubewertung des Familienglücks, der Steuerexperte Kirchhof, das Kompetenzwunder dieses Wahlkampfes. Man stelle sich vor, wie der Professor vor Dr. Merkel die neueste Veröffentlichung des Soziologen Franz-Xaver Kaufmann zur Demografie seziert: »Exponentielle Entwicklung«, sagt er leise, »nicht linear!« Hier multiple Faktoren – Rückgang der Kinderzahl um 1915, erneut 1930, Verschiebung der Kinderwünsche ab 1960 in einer abgeschmolzenen Frauengeneration, dort der Effekt: »dramatischer Anstieg der Kinderlosigkeit«. Gleichzeitiges Absinken der Kinderzahl in den Familien, erneut Verstärkung durch Ausfall nicht geborener Elterngenerationen – im Resultat? »Implosion!« Man muss nicht Klassenbeste sein, um zu verstehen, was es bedeutet, wenn »1000 Frauen nur noch 667 Töchter und 444 Enkelinnen und 296 Urenkelinnen bekommen«, wie Kirchhof die Studie Kaufmanns, zitieren könnte. Ergänzend: dass es in einer kindentleerten Gesellschaft schwierig ist, sich für Kinder zu entscheiden – Freiheit, könnte der Jurist sich selbst zitieren, beinhalte ja auch die Freiheit, einen Lebensweg zu wählen, ohne Nachteile befürchten zu müssen. Wenn das eine aus dem Osten nicht versteht?

Welche Worte würde Schröder verstehen? »Investitionsstau« könnte man dem einstigen VW-Vorstandsmitglied vorhalten: Entwicklungsrückstand drei Jahrzehnte! 2500 Milliarden Euro nicht getätigte Investitionen! Verfrühstückt das Geld, das wir für Bildung und Erziehung der Jugend hätten ausgeben müssen, umgesetzt in Zweitwagen, Marmorküchen, Erlebnisurlaub – Resultat: Humankapital unterfinanziert, zu klein und zu schlecht qualifiziert, Standort abgehängt, Abwanderung der Firmen, pardon: Familien. Ein gutes Tausend junger Ärzte ist ja schon mit seinen Familien in Richtung Schweden verschwunden. Die Privatschulen Englands profitieren vom Exodus der Kinder des deutschen Bildungsbürgertums. Nach Frankreich lockt man unsere Elite mit Begrüßungsgeldern von 800 Euro pro Baby, Steuerfreiheit ab dem dritten Kind, generösen Rentenzuschlägen für Erziehende, es herrscht ja, Herr Kanzler, Freizügigkeit in Europa. Gefrierendes Lächeln. »Autos fahren keine Autos!«, könnte man kühl nachlegen. Oder gleich Kaufmanns rotes Büchlein in die erschöpfte Führungshand drücken, das so elektrisierend wirken müsste wie einst die Mao-Bibel. Weil es genau so radikal ist, trotz des braven Untertitels: Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen .

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Das sind natürlich Träume, Leute wie Paul Kirchhof oder Franz-Xaver Kaufmann könnten ihr gesammeltes Wissen ausgerechnet der Politikspitze vermitteln. Oder sie zum Lesen verführen. Kaufmann spricht vom »bescheidenen Versuch eines Sozialwissenschaftlers, andere Menschen durch individuelle Lektüre davon zu überzeugen, daß ein Bevölkerungsrückgang … zu schwerwiegenden ökonomischen, sozialen und politischen Problemen für ein Gemeinwesen führen würde«. Als da wären: Rückgang des Wachstums, Polarisierung der Lebensformen, Exklusion ganzer Bevölkerungsgruppen. Das mag wie Katastrophismus klingen, eine Tonart, die der politische Diskurs nur duldet, wenn es um Arbeit geht oder Windräder. Aber Kaufmann ist keiner, der sich in Erregung schreibt, höchstens spricht er vom »Leitbildcharakter« der Kinderlosigkeit.

Es ist ein wissenschaftliches Buch, und es zielt auf politische Handlung. Deren Rahmen wäre von globaler Dimension im Hinblick auf ähnlich bedrohliche Entwicklungen in China oder Japan (oder konkurrierende in so genannten Drittweltländern). Hier werden dicht gedrängt alle bislang ignorierten Fakten versammelt, weshalb der Kaufmann hinfort ein gutes Nachschlagewerk sein wird für alle, die bei der Kinderfrage mitdebattieren wollen. Gut, weil er die gängigen Schlagwörter wie »Bevölkerung« oder »alternde Gesellschaft« oder »Geburtenrate« oder »Humankapital« auf ihre weichen Ränder hin untersucht und damit ganze Problemfelder neu auffächert.

Was ist gemeint mit »alternder Gesellschaft«? Doch das Ausbleiben der Kinder. Wäre es nicht wahrhaftiger, von »Unterjüngung« zu reden?

Was bedeutet »Bevölkerung« in Hinsicht der schwindenden von Nationalstaaten, welches wäre der Solidarhorizont, innerhalb dessen wir agieren, wo liegen noch kollektive Interessen, was wäre der normative Rahmen für Handlungen? Der demokratische Rechtsstaat, wohl wahr, mit seinem Anspruch auf Gerechtigkeit und Wohlfahrt – aber wie verändern sich diese Parameter, wenn sich die Bevölkerung verändert, zum Beispiel durch Ausdünnung des Nachwuchses? Kaufmann offeriert Antworten auf solche Fragen, aber ihr größter Charme liegt darin, dass sie zum Selberdenken auffordern, etwa darüber, welches Verhältnis denn besteht zwischen der Zahl der Kinder einer Gesellschaft und ihrem Vermögen, die Zukunft zu gestalten.

Der »gesellschaftliche Fortschritt«, schreibt Kaufmann, »braucht nicht nur Arbeitskräfte, sondern ebenso kompetente Konsumenten, verantwortliche Eltern, partizipationsfähige Bürger und aktive Mitglieder der Zivilgesellschaft«. Es gehe um Daseinskompetenz. Sehr wahr. Hat nicht erst Jutta Allmendinger von der Bundesagentur für Arbeit moniert, die Vermittlung Arbeitsloser im Rahmen der Hartz-IV-Reformen liefen ins Leere, weil sich schlecht geschulte Menschen nicht vermitteln ließen? So erhält die schrille Klage, es fehlten »die Köpfe« in der Politik, einen zynischen Unterton. Es fehlen Millionen. Nicht weniger skandalös unser Umgang mit den Köpfen, die uns anvertraut sind – mangelnde Förderung, lückenhafte Beschulung, fehlende Lehrstellen, keine Plätze in den Hörsälen, das Abdrängen von immer mehr Kindern in die Bedürftigkeit. Die Exklusion, modisches Thema der Soziologie, der Absturz aus der Mitte der Gesellschaft in verelendete Randzonen, wie es der Arbeitsplatzverlust mit sich bringt, war für Kinder und ihre Mütter schon immer drohend gegenwärtig.

Kaufmanns Studie benennt scharf die Verengung des wissenschaftlichen und politischen Diskurses. Die Ausklammerung der Bevölkerungsfragen in der Soziologie: »Wirklichkeitsverlust!« Der Ökonomie gelte die Erziehung von Kindern beharrlich als Privatvergnügen, obwohl Theodore W. Schultze doch 1979 für seine Arbeit In Menschen investieren den Nobelpreis erhielt. Was, wenn Eltern etwa das Geld für die Bildung ihrer Kinder in Aktienfonds versenken würden, für ihre Rente? Noch in Regierungsberichten über Demografie findet Kaufmann als blinden Fleck die ausgesparte Frage nach der Jugend. Er spricht von der »sinkenden Anpassungsfähigkeit« einer alternden Gesellschaft.

Kaufmanns Lösungsvorschläge sind leise. Neubewertung der volkswirtschaftlichen Leistung der Erziehung, Anpassung der Abgaben Kinderloser. Ein Kindersoli auf die Einkommensteuer. Die Bühne der Familiendiskussion beherrschen Leute wie Ulrich Deupmann mit seinem Pamphlet Die Macht der Kinder!, wo vom Herumreißen des Ruders gedröhnt wird oder davon, was man sich nicht nicht mehr gefallen lassen wolle. Vielleicht braucht eine Gesellschaft, die über die Kinderfrage ins Trudeln gerät wie keine andere, solche Literatur. Wohin sonst mit der Wut über Leute, die mit Phlegma die explodierenden Armutszahlen einer Jugend hinnehmen, die man gleichzeitig für den Zahnersatz der Älteren verpflichten möchte bei Auflage, ihrerseits natürlich auf solchen Luxus zu verzichten? Wohin mit der Verstörung derer, denen eine ausgefuchste Familienfeindlichkeit nahe zu legen schien, auf Kinder zu verzichten, bei gleichzeitiger Behauptung der Freiwilligkeit der Entscheidung, die nun verteidigt werden will, vor sich und anderen? Auch daraus ist eine Literaturgattung entstanden, für die Meike Dinklages Buch Der Zeugungsstreik ein Beispiel ist – eine Kollektion von Selbstzeugnissen im Stile von »Ich bekenne«, quasireligiöses Schrifttum, mal männlich-trotzig wie hier, mal weiblich-amüsant inszeniert als Tischgespräch wie in Viola Roggenkamps Frau ohne Kind . Männer jammern, ihre Mutter hätte die Freundinnen nie beachtet. Kinderlose Frauen hadern: »Ich, die Mutter in mir, wäre eine viel bessere Mutter als die Mütter, die ich beobachte.« Ein Mann klagt: »Meine Kinderlosigkeit ist aus Mangel entstanden, aus dem Mangel an Weltvertrauen.« Tonlagen, die unsere Nachbarn mit Sorge beäugen.

Als Nachsitzen in familienpolitischer Zuversicht hatte der Nordische Ministerrat in diesem Frühjahr in Berlin eine kleine Konferenz organisiert. Der Generalsekretär Per Unckel erinnerte an die Strategie von Lissabon (2003), Europa wolle angesichts der Gefahr von Schrumpfung und Vergreisung handeln. Die finnische Finanzministerin für besondere Aufgaben, Ulla-Maj Wideroos, erklärte, auch zu Hause werde die Zahl der Erwerbstätigen bis zum Jahre 2050 um eine Million Menschen schrumpfen. Wie ließe sich so ein Wohlfahrtsstaat erhalten, fragte sie – die globalisierte Wirtschaft habe ja Möglichkeiten auszuweichen, nach China oder Mexiko. Die Daheimbleiber aber stünden doch vor der Frage: »Wie ist eine Marginalisierung Europas abzuwenden?« Ihre Antwort: nur durch hoch kompetente Arbeitnehmer.

Den neuen Kaufmann kennen die Finnen noch nicht, aber sie haben längst Maßnahmen ergriffen; eine der harmlos erscheinenden ist ein Gesetz zum Erziehungsurlaub, das Vätern zwei Wochen Urlaub schenkt, sofern sie schon zwei Wochen der Erziehungszeit übernommen haben. Wie bei Reformen üblich, waren alle dagegen. Dann brach bei der Feuerwehr der Notstand aus, weil ein Viertel der Männer umgehend zur Erziehung ausrückte. Heute nehmen 20 Prozent der finnischen Väter Erziehungsurlaub (bei uns blamable 5 Prozent), die Geburtenrate steigt erwartbar, längst ist erwiesen, dass die Entscheidung für dritte oder vierte Kinder vom familialen Engagement des Vaters abhängt.

Nun, es gibt auch in Deutschland Hoffnung. In dem Buch Karriere und Kind erzählen Wissenschaftlerinnen, wie sie und ihre Männer Familienleben gleichberechtigt managen. Frauen behaupten, ihre engagierte Berufstätigkeit sei ein wichtiger Beitrag zur Erziehung. Vätern fühlen sich durch ihre Trotzkinder für den Umgang mit Kollegen geschult. Familie geht also! Binnen Jahresfrist könnte es bei uns einen Babyboom geben, hat das Berlin-Institut für Bevölkerungsfragen errechnet, etwa 700000 Kinder mehr, würden wir den Millionen von jungen Menschen, die sich ihre Kinderwünsche erfüllen möchten, jetzt und sofort unter die Arme greifen. Wie? Nun, das nordische Rezept gegen die Schrumpfung der Gesellschaft behält jeder, der bis drei zählen kann: 1. Statt Subvention der Hausfrauenehe eine Individualbesteuerung, für mütterliche Erwerbstätigkeit. 2. Ganztagsplätze überall. 3. Ein Gesetz, das im Erziehungsurlaub die partnerschaftliche Elternschaft einübt.

Die beiden Kernfragen der Familienpolitik lauten allerdings genau so, wie sie Anders Teljebäck, Staatssekretär im Stockholmer Wirtschaftsministerium, den Kollegen im Spreebogen stellte: Was wollen Sie? Und: Wollen Sie es wirklich tun?

Schrumpfende GeselschaftFamilienpolitikSachbuchVom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen; Edition SuhrkampFranz-Xaver KaufmannBuchSuhrkamp Verlag2005Frankfurt a. M.10270Karriere und KindFamilienpolitikSachbuchErfahrungsberichte von WissenschaftlerinnenNicola Biller-Adorno et al.BuchCampus Verlag2005Frankfurt a. M.24,90328Die Macht der Kinder!FamilienpolitikSachbuchKinder sind unsere Zukunft: wirtschaftlich, sozial, politischUlrich DeupmannBuchS. Fischer Verlag2005Frankfurt a. M.16,90237Der ZeugungsstreikFamilienpolitikSachbuchWarum die Kinderfrage Männersache istMeike DinklageBuchDiana Verlag2005München17,90256Frau ohne KindFamilienpolitikSachbuchGespräche und Geschichten – eine TafelrundeViola RoggenkampBuchEuropa Verlag2004Hamburg17,90240
 
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