Sachbuch Familie geht dochSeite 2/2
Kaufmanns Lösungsvorschläge sind leise. Neubewertung der volkswirtschaftlichen Leistung der Erziehung, Anpassung der Abgaben Kinderloser. Ein Kindersoli auf die Einkommensteuer. Die Bühne der Familiendiskussion beherrschen Leute wie Ulrich Deupmann mit seinem Pamphlet Die Macht der Kinder!, wo vom Herumreißen des Ruders gedröhnt wird oder davon, was man sich nicht nicht mehr gefallen lassen wolle. Vielleicht braucht eine Gesellschaft, die über die Kinderfrage ins Trudeln gerät wie keine andere, solche Literatur. Wohin sonst mit der Wut über Leute, die mit Phlegma die explodierenden Armutszahlen einer Jugend hinnehmen, die man gleichzeitig für den Zahnersatz der Älteren verpflichten möchte bei Auflage, ihrerseits natürlich auf solchen Luxus zu verzichten? Wohin mit der Verstörung derer, denen eine ausgefuchste Familienfeindlichkeit nahe zu legen schien, auf Kinder zu verzichten, bei gleichzeitiger Behauptung der Freiwilligkeit der Entscheidung, die nun verteidigt werden will, vor sich und anderen? Auch daraus ist eine Literaturgattung entstanden, für die Meike Dinklages Buch Der Zeugungsstreik ein Beispiel ist – eine Kollektion von Selbstzeugnissen im Stile von »Ich bekenne«, quasireligiöses Schrifttum, mal männlich-trotzig wie hier, mal weiblich-amüsant inszeniert als Tischgespräch wie in Viola Roggenkamps Frau ohne Kind . Männer jammern, ihre Mutter hätte die Freundinnen nie beachtet. Kinderlose Frauen hadern: »Ich, die Mutter in mir, wäre eine viel bessere Mutter als die Mütter, die ich beobachte.« Ein Mann klagt: »Meine Kinderlosigkeit ist aus Mangel entstanden, aus dem Mangel an Weltvertrauen.« Tonlagen, die unsere Nachbarn mit Sorge beäugen.
Als Nachsitzen in familienpolitischer Zuversicht hatte der Nordische Ministerrat in diesem Frühjahr in Berlin eine kleine Konferenz organisiert. Der Generalsekretär Per Unckel erinnerte an die Strategie von Lissabon (2003), Europa wolle angesichts der Gefahr von Schrumpfung und Vergreisung handeln. Die finnische Finanzministerin für besondere Aufgaben, Ulla-Maj Wideroos, erklärte, auch zu Hause werde die Zahl der Erwerbstätigen bis zum Jahre 2050 um eine Million Menschen schrumpfen. Wie ließe sich so ein Wohlfahrtsstaat erhalten, fragte sie – die globalisierte Wirtschaft habe ja Möglichkeiten auszuweichen, nach China oder Mexiko. Die Daheimbleiber aber stünden doch vor der Frage: »Wie ist eine Marginalisierung Europas abzuwenden?« Ihre Antwort: nur durch hoch kompetente Arbeitnehmer.
Den neuen Kaufmann kennen die Finnen noch nicht, aber sie haben längst Maßnahmen ergriffen; eine der harmlos erscheinenden ist ein Gesetz zum Erziehungsurlaub, das Vätern zwei Wochen Urlaub schenkt, sofern sie schon zwei Wochen der Erziehungszeit übernommen haben. Wie bei Reformen üblich, waren alle dagegen. Dann brach bei der Feuerwehr der Notstand aus, weil ein Viertel der Männer umgehend zur Erziehung ausrückte. Heute nehmen 20 Prozent der finnischen Väter Erziehungsurlaub (bei uns blamable 5 Prozent), die Geburtenrate steigt erwartbar, längst ist erwiesen, dass die Entscheidung für dritte oder vierte Kinder vom familialen Engagement des Vaters abhängt.
Nun, es gibt auch in Deutschland Hoffnung. In dem Buch Karriere und Kind erzählen Wissenschaftlerinnen, wie sie und ihre Männer Familienleben gleichberechtigt managen. Frauen behaupten, ihre engagierte Berufstätigkeit sei ein wichtiger Beitrag zur Erziehung. Vätern fühlen sich durch ihre Trotzkinder für den Umgang mit Kollegen geschult. Familie geht also! Binnen Jahresfrist könnte es bei uns einen Babyboom geben, hat das Berlin-Institut für Bevölkerungsfragen errechnet, etwa 700000 Kinder mehr, würden wir den Millionen von jungen Menschen, die sich ihre Kinderwünsche erfüllen möchten, jetzt und sofort unter die Arme greifen. Wie? Nun, das nordische Rezept gegen die Schrumpfung der Gesellschaft behält jeder, der bis drei zählen kann: 1. Statt Subvention der Hausfrauenehe eine Individualbesteuerung, für mütterliche Erwerbstätigkeit. 2. Ganztagsplätze überall. 3. Ein Gesetz, das im Erziehungsurlaub die partnerschaftliche Elternschaft einübt.
Die beiden Kernfragen der Familienpolitik lauten allerdings genau so, wie sie Anders Teljebäck, Staatssekretär im Stockholmer Wirtschaftsministerium, den Kollegen im Spreebogen stellte: Was wollen Sie? Und: Wollen Sie es wirklich tun?
Schrumpfende GeselschaftFamilienpolitikSachbuchVom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen; Edition SuhrkampFranz-Xaver KaufmannBuchSuhrkamp Verlag2005Frankfurt a. M.10270Karriere und KindFamilienpolitikSachbuchErfahrungsberichte von WissenschaftlerinnenNicola Biller-Adorno et al.BuchCampus Verlag2005Frankfurt a. M.24,90328Die Macht der Kinder!FamilienpolitikSachbuchKinder sind unsere Zukunft: wirtschaftlich, sozial, politischUlrich DeupmannBuchS. Fischer Verlag2005Frankfurt a. M.16,90237Der ZeugungsstreikFamilienpolitikSachbuchWarum die Kinderfrage Männersache istMeike DinklageBuchDiana Verlag2005München17,90256Frau ohne KindFamilienpolitikSachbuchGespräche und Geschichten – eine TafelrundeViola RoggenkampBuchEuropa Verlag2004Hamburg17,90240- Datum 08.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.09.2005 Nr.37
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