Zufällig kam er zum Thema Klima, das betont er immer wieder. Als müsste er etwas klarstellen. "Ich bin kein Gutmensch", sagt er, "ich hatte nie etwas mit Ökologie zu tun." Er habe eigentlich keinerlei Sendungsbewusstsein auf diesem Gebiet. Dieses "eigentlich" betont Hans Joachim Schellnhuber auf eine Weise, als wollte er sagen: Mein Gott, hätte ich nur die Finger von diesem Klima gelassen.

Schellnhuber ist Wissenschaftler, einer der renommiertesten des Landes. Der 55-Jährige ist Leiter des Instituts für Klimafolgenforschung in Potsdam und Research Director im Tyndall Centre for Climate Changes in der Nähe von London. Die Queen hat ihn im letzten Herbst für seine wissenschaftlichen Verdienste zum Commander of the Empire ernannt. Er ist Mitglied der National Academy in den USA. Schellnhuber sagt, die Klarheit der Wissenschaft habe ihn immer fasziniert. Am besten könne er sich konzentrieren, wenn er die Augen schließe und sich wissenschaftliche Strukturen vorstelle, Formeln, Fragen, Systeme. Er sagt: "Ich liebe es, Lösungen zu finden."

Man könnte ihn eine Kassandra nennen. Als er damals, im Sommer 2002, bei Sabine Christiansen die gewaltige Flut in Ostdeutschland wissenschaftlich einordnen sollte, meinte er, dies sei nur ein winziger Vorgeschmack dessen, "was uns allen in den nächsten Jahren blühen wird". Der Horrorsturm, der New Orleans und angrenzende Bundesstaaten so katastrophal verwüstet hat, löst bei ihm ein betretenes Achselzucken aus. Natürlich seien die Folgen dieses Hurrikans grauenvoll. "Die armen Menschen, die alles verloren haben", bedauert er, und "diese schöne Stadt New Orleans". Aber im Grunde müsse man auch angesichts dieser Katastrophe festhalten, dass Katrina keine Überraschung gewesen sei.

Natürlich könne niemand seriös behaupten, Katrina sei eine direkte Folge des Klimawandels. Klima bedeute immer die Summe bestimmter Ereignisse, und zwar über eine längere Zeit. Und doch, sagt Schellnhuber, müsse man eben genau diesen Zusammenhang ziehen. Erst unlängst habe eine neue Studie des amerikanischen Meteorologen Kerry Emanuel den Zusammenhang zwischen der Klimaerwärmung und der Heftigkeit der Hurrikane aufgezeigt.

Schellnhuber versucht es auf eine vereinfachte Formel zu bringen: Durch die Erderwärmung sei sowohl mehr Feuchtigkeit als auch mehr Energie in der Luft, was dazu führe, dass Regenfälle und Stürme und Gewitter erheblich an Gewalt zulegen. Diese Intensivierung werde noch verschlimmert durch das Ansteigen der Meerespegel, was vor allem für die großen Küstenstädte enorme Probleme aufwerfe. Schellnhuber sagt: Nach höchst verschiedenen wissenschaftlichen Voraussagen betrage die Klimaerwärmung noch in diesem Jahrhundert zwischen 1,5 und sechs Grad. "Damit wir uns richtig verstehen", sagt er, "1,5 Grad sind schon sicher. Wir sagen: Damit ist das System bereits geladen. Auch in diesem Fall werden die Auswirkungen massiv sein. Wenn die Sechs-Grad-Prognose eintritt, wird unsere Welt eine andere sein."

Der Klimawandel habe verschiedene Gesichter, fährt Schellnhuber fort. Zum Beispiel in den Monsun-Gebieten in Indien und Bangladesch: Sein Potsdamer Institut habe in einem eigenen Forschungsprojekt unter Leitung der Physikerin Kirsten Zickfeld herausgefunden, dass die schlimmen Regenfälle der letzten Jahre, die Tausende von Menschenleben gefordert hatten, möglicherweise stark abnehmen werden. Dies habe mit einem Wechselspiel zwischen dem CO2-Ausstoß zu tun, der den Regen befördert, und der starken Luftverschmutzung, die den Regen reduziert. Aber auch die Abnahme des Monsuns sei keine gute Nachricht, da ganze Landstriche vertrocknen würden. Beide Klimaextreme, sagt Schellnhuber, seien ein Desaster für die Menschen. Wenn er so redet, hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit dem österreichischen Schauspieler Oskar Werner; auch wegen seiner leicht südlich gefärbten Sprache. Er stammt aus einem kleinen Dorf in Niederbayern, aus einer Bauernfamilie.

Er hatte Theoretische Physik studiert, schon ein paar Jahre klassische Forschung hinter sich, als er die Gelegenheit bekam, Mitte der achtziger Jahre am Institut für Theoretische Physik im kalifornischen Santa Barbara zu arbeiten. Dort begegnete er Nobelpreisträgern wie Walter Kohn und Forschern wie Mitch Feigenbaum, die sich damals mit einem neuen Gedankenfeld beschäftigten: der Chaos-Theorie, die im Kern zu entschlüsseln versucht, wie komplexe Systeme zusammenwirken und wie das Spannungsfeld zwischen Chaos und Stabilität funktioniert. Schellnhuber sagt, wer komplexe Systeme verstehen wolle, komme zwangsläufig zum Klima, "weil es eben eines der kompliziertesten und überraschendsten Systeme überhaupt ist". Zunächst war für ihn alles nur eine mathematische Aufgabe.