ZEIT Kochwettberwerb Das Hennenrennen

Wolfram Siebeck hat entschieden: Aus mehreren hundert Einsendungen – ein Huhn war Pflichtzutat – hat er jene Menüs ausgewählt, die er sich und seiner Jury vorkochen lassen möchte

Diesmal hat ein einziger Wäschekorb gereicht für die Einsendungen zum Kochwettbewerb. Den allerdings musste ich mir von der SPD borgen. Es ist eine 1998er Sonderanfertigung für die Anträge auf Mitgliedschaft in der Regierungspartei. Also so groß wie das neue Stadion von Bayern München. Einige Stehplätze sind noch frei.

Ansonsten: Hühnerrezepte, so weit das Auge rollt. Und fast alle kamen kurz vor Einsendeschluss. Das macht Eindruck, denn es lässt darauf schließen, dass sie es immer wieder geübt haben, das Menü mit dem Huhn. Vielleicht waren die Leser auch nur so rücksichtsvoll, mit ihren Menüvorschlägen zu warten, bis ich den XXL-Wäschekorb hatte.

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So greift eins ins andere: die Leser, die Hühnerrezepte, die Neuwahlen und der deutsche Fußball. Darum werden wir von den anderen so beneidet!

Nicht zu beneiden war allein das Duo B. und W. Siebeck. Wir mussten sie alle lesen, diese Aufmarschpläne der Hühnerkocher, ihre Strategien zur Zerschlagung der Röhrenknochen. Ich verfolgte das Schicksal der Bresse-Hühner vom pochierten Ei bis zur Hühnerleber mit Walnüssen im Salat.

Wie alle historischen Großereignisse sind die entscheidenden Schlachten an Ortsnamen gebunden. Ich erinnere an Cannae und Canossa, an Waterloo und Wounded Knee. Diesmal sind es Namen wie KaDeWe, Frankfurter Kleinmarkthalle und Biobauernhof, die in den Hühnerschulen der Zukunft ehrfurchtsvoll genannt werden.

Das ist nämlich der erste Eindruck und das erfreulichste Resümee dieses Wettbewerbs: Wer mit Anspruch kochen will, sucht ein Huhn, das keinesfalls aus den Hühnerbatterien der Großzüchter stammen darf. Die Überlegenheit des Bresse-Huhns wird von erfahrenen Amateurköchen nicht mehr infrage gestellt.

Kein Zweifel, Deutschlands Genießer haben sich zu Kennern entwickelt. Ob sie auch Könner sind, wenn sie ihre Kenntnisse am Herd beweisen müssen, wird sich am Ende unseres Kochwettbewerbs herausgestellt haben. Oder auch nicht. Denn Kenntnisse kann man sich auf verschiedene Arten aneignen. Das Lesen von Kochbüchern gehört dazu; die Beherrschung des typischen Jargons; das Kopieren bestimmter Gerichte im Maßstab 1:1.

Aber wie es dann schließlich schmeckt, das ist der Punkt, an dem Könner erkannt und Hochstapler entlarvt werden.

Das Interessanteste an den Kochwettbewerben der ZEIT ist die sich dabei ergebende Übersicht über den gesamtdeutschen Stand unserer Kochgewohnheiten. Und da hat sich diesmal eine auffällige Veränderung ergeben. Waren es früher überwiegend Urlaubserlebnisse aus Südeuropa, die den Speiseplan der Deutschen bestimmten, so scheint da ein Wechsel in den Hitlisten eingetreten zu sein. Kaum jemand schwärmt noch von italienischen Osterien und provenzalischen Auberges. Stattdessen liegt der Schwerpunkt der eingesandten Rezepte eindeutig bei der asiatischen Küche. Mit den Bergen von Zitronengras, die dabei verkocht wurden, könnte man die Dächer mehrerer Friesenhäuser decken, und die Menge der geriebenen und zerhackten Ingwerwurzeln müsste jeden Gemüsehändler dankbar auf die Knie zwingen.

Nun ist das nicht so verwunderlich, da ja das Menü irgendwo ein Huhn enthalten sollte. Und womit lassen sich Hühner am besten würzen? Nicht mit Zwiebeln, nicht mit Petersilie, sondern – wenn man von den blödsinnig teuren Trüffeln einmal absieht – mit Zitrone, Curry, Chili, Zimt, Koriander, Kurkuma, Kokosmilch und was der Orient sonst an Gewürzen bereithält.

Einen nicht zu kleinen Teil der exotisch angehauchten Rezepte verdanken wir aber nicht den Billigflügen nach Fernost, sondern einer exotischen Verwandtschaft. Die große Zahl der gemischten Ehen unter den ZEIT- Hobbyköchen ist neu und erfreulich. Dabei liegt die Türkei eindeutig vorn, aber auch Perserinnen, Ungarinnen und Frauen aus Nordafrika sind deutschen Männern in die Ehe gefolgt und frischen nun unsere biedere Küche auf. Hier, in den Pfannen und Töpfen deutscher Familien, ist Multikulti Realität geworden.

Es wundert mich nur, dass kein Rezept mit Anleihen bei der Grönland-Küche dabei war und dass aus Spanien zwar eine einzige Paella kam, dabei aber nicht einmal Chorizo verwendet wurde.

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