Die Ortsangabe ist präzise: Ower bei Romsey, Hampshire, United Kingdom. Dann wird es vage: "Off Whitemoor Lane". Man muss irgendwann tatsächlich, und zwar auf der Höhe eines Cricket-Platzes, die Whitemoor Lane verlassen und dann ganz mutig sein. Holperweg, Kuhwiesen, noch eine Kurve, noch eine Ecke, und erst wenn man jede Hoffnung fahren lässt und nur noch mit zornigen Bullen, Räubern oder Moorlöchern rechnet, ist man da. Bei Keith Roach, der britischen Karosseriebaulegende, seinem Cottage, seinen flachen Schuppen. Wer sich so versteckt, erwartet keine Laufkundschaft. Der Karosseriebaubetrieb Roach Manufactoring ist ein Spezialbetrieb, den Namen Roach flüstern sich die Eingeweihten zu. Die Kunden sind keine Opas mit Parkplatzbeulen – hier lassen reiche britische Snobs ihre Oldtimer restaurieren.

Der Legende nach waren die deutschen Silberpfeile aus unlackiertem Alu

Oder reiche Ingolstädter. Noch zwei Ecken, ein Hinterhof, ein schäbiges Tor schwingt auf, und der Maestro zeigt seinen jüngsten Schatz: einen Auto-Union-Rennwagen Typ D, letzte Vorkriegsversion. Neu. Silbern schimmernd, umwerfende Linien. Schön. Atemberaubend schön. Eine Arbeit im Auftrag des Auto-Union-Erben Audi. Mit dem Boliden von 1939 galt es, eines der aufregendsten Grand-Prix-Rennautos aller Zeiten detailgetreu nachzubauen, und zwar praktisch ohne Pläne und exakte Vorbilder. Eigentlich nur mit ein paar historischen Fotos in der Hand. Damit das einzige wenigstens ähnliche Original, das Audi noch hat, nicht bei Oldtimer-Rennen zuschanden gefahren wird. Und die Nachwelt so zumindest gelegentlich erleben kann, was es heißt, wenn ein 500-PS-Silberpfeil Vollgas gibt.

An den Wänden, wie in allen Schrauberbuden, nackte Mädchen. Eine Dartscheibe. Und ein altes Poster: "Während der Rekordwoche vom 25. bis 29. Oktober 1937 erkämpfte Bernd Rosemeyer auf Auto Union zwei neue Weltrekorde und 13 internationale Klassenrekorde. Zum ersten Mal in der Welt wurden auf einer Verkehrsstraße über 400 km/h erreicht." Auto-Union-Rennwagen erinnern an die große Zeit des deutschen Autorennsports, als das Markenzeichen Silberpfeil noch nicht DaimlerChrysler gehörte, sondern als alle deutschen Rennwagen so hießen (die Legende sagt, die Deutschen hätten ihre Autos unlackiert, in silbern glänzendem Alu an den Start geschickt, um Gewicht zu sparen). Silberpfeil wurde damals zum Synonym für Rekordfahrzeug. Es gab Jahre, da siegten ausschließlich deutsche Autos in Grand-Prix-Rennen. Entweder Mercedes. Oder die seinerzeit auch optisch sehr auffälligen Renner der jungen Firma Auto Union.

"Rennungeheuer! Flugzeugrumpf auf vier Rädern!", schimpften damals die Zeitungen. Denn während Mercedes, Alfa Romeo, Bugatti, Maserati und so weiter den Fahrer bei den Hinterrädern platzierten, saß bei Auto Union der Pilot vor dem Motor, nahe den Fronträdern. Der Rennwagen schien rückwärts zu fahren. Das Konzept eines solchen "Mittelmotors" geht auf den berühmten Konstrukteur Ferdinand Porsche zurück, der später den Volkswagen entwickelte.

Die Umpositionierung des Motors hatte zwei gegenläufige Effekte: Einerseits brachte mehr Gewicht auf der Hinterachse die enormen Motorleistungen von bis zu 500 PS besser auf die Straße; andererseits galt das Fahrzeug aber auch als tückische "Heckschleuder": Es übersteuerte stark, das Heck brach aus, die Fuhre landete mit Glück im Gras. Wer jedoch solche Autos beherrschte, hatte alle Chancen, zum Volkshelden zu werden. Die bekanntesten Heroen hießen damals Hans Stuck, Bernd Rosemeyer und Tazio Nuvolari.

Auf der Werkbank des Karosseriebauers liegt ein Packen historischer Fotos. Keith Roach deutet auf eine Detailaufnahme. Die Schweißnähte und Verschraubungen im Vorderachsenbereich des Originals sind auf dem Foto nur verschwommen zu erkennen: "Aber das waren oft die einzigen Informationen, mit denen wir konstruieren konnten."