AutoDie Vollgasdroge

Staus? Spritpreise? Umwelt? Egal! Die Industrie setzt auf die Lust an der Raserei von 

Tempo 300 ist nichts für den Bugatti EB 16.4 Veyron. Erst ab 380 Kilometern pro Stunde wird er etwas zäh«, stellte bewundernd fest. Die ersten Testpiloten der furchterregenden Rakete von Volkswagen, die im September dem Volk vorgestellt wird, waren aufgeregt wie Schulkinder, hatten feuchte Hände und trugen einen Schutzhelm. Sie jonglierten hilflos mit ihren altbewährten Testkriterien. Ist er spurtreu? Hilft der aufgerichtete Heckflügel effektvoll beim Bremsen? Was verbraucht er? (Einen Liter auf einen Kilometer). Wie lange komme ich mit einer Tankfüllung aus? (Bei Topspeed: zwölf Minuten.) Im Mai 2005 auf der VW-Teststrecke in Ehra-Lessien bei Wolfsburg schließlich jubelte die Fachwelt: »Geknackt!« Der Bugatti hatte als erstes für die Straße zugelassenes Serienfahrzeug der Welt die 400 km/h-Marke geschafft.

400 Kilometer pro Stunde, 111 Meter in der Sekunde oder Mach 0,3 auf einer deutschen Straße – das klingt komplett durchgeknallt. An manchen Tagen addieren sich hierzulande die Staus zu einer Strecke von 1000 Kilometern. Schon ist die Hälfte des Autobahnnetzes tempolimitiert. Seit der Osterweiterung verstopfen zusätzliche Lkw-Geschwader die Straßen. Die Spritpreise erreichen in absehbarer Zeit das Niveau, dessen Erwähnung 1998 die Grünen die letzten Sympathien im Autofahrervolk gekostet hatte. In dieser Situation bringt Volkswagen ein Auto, das schneller ist als ein startendes Passagierflugzeug. Der neue Airbus A380 hebt bei 260 Kilometern pro Stunde schon ab.

Der Hyper-VW ist kein Einzelfall. Andere sind ihm dicht auf den Fersen. Die schwedische Firma Koenigsegg hat einen Renner gebaut, der wahrscheinlich ebenso schnell ist. Chrysler schraubt an einem weiteren Mitglied des »Clubs der 400er« (Spiegel). Die 300er dagegen sind schon längst kein Club mehr, sondern ein mitgliederstarker Verein. Mehrere Dutzend Modelle von Porsche, Ferrari, Maserati, Aston Martin, Bentley und so weiter sind auf dem Markt. Knapp unter der 300-Marke jagen sich Phaeton und Maybach, dicht gefolgt von schon weniger auffälligen Autos wie Audi A8 und Passat extraheiß. Doch die automobile Oberschicht muss Acht geben: 250 läuft schon der Golf R32. Und ebenfalls 250 Kilometer pro Stunde erreicht eine furchterregende Sportversion des Renault Clio V6. Das ist ein Kleinwagen! Die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt (15. bis 25. September, Motto: »Faszination Auto«) wird den Geschwindigkeitskonsumenten weitere Rauschmittel zur Verfügung stellen. Etwa eine Corvette, die für vergleichsweise lächerliche 80000 Euro 319 Kilometer pro Stunde schnell ist.

Das deutlichste Signal der automobilen Entfesselung allerdings kommt ausgerechnet aus Rüsselsheim. Auf der IAA wird Opel den Vectra OPC (Opel Performance Center) präsentieren: 260 fährt der. Klingt wenig sensationell, markiert aber das Ende einer Selbstbeschränkung.

Denn seit den Achtzigern existiert eine »freiwillige Selbstbeschränkung« der deutschen Großserienhersteller: 250 Kilometer pro Stunde reichen, darüber wird »abgeregelt«. Was damals unter anderem die Entscheidung zugunsten eines allgemeinen Tempolimits abwehren sollte, gilt offiziell heute noch, steht jedoch inzwischen ganz offensichtlich zur Disposition. Porsche war ohnehin nie dabei, seinen Carrera GT kann man mit 330 Sachen aus Zuffenhausen abholen. Mercedes umgeht die Selbstbeschränkung seit langem, indem enthemmte Autos gegen Aufpreis über die eigene Tuning-Abteilung AMG verkauft werden. Bentley und Lamborghini sind ohnehin schneller als 300 Kilometer pro Stunde. BMW verkündete jüngst öffentlich, dass die bärenstarken M5 und M6 bei Bedarf demnächst auch »entregelt« erhältlich sind; statt bisher 250 rennen sie dann über 300. Wenn nun auch noch Opel losspurtet, gibt es bald kein Halten mehr.

Dabei sind – angesichts des Verkehrsgeschehens auf unseren Straßen – diese Zahlen eigentlich theoretische Werte. Ein Bugatti ist ja nicht im Ernst ein fahrbarer Untersatz im Dienste der Mobilität. 1001 PS müssen es sein, um Gottes willen keine 998. Natürlich muss er eine Million Euro kosten. Und als magische Marke unverzichtbar: die 400. So schnell ist er und keinen Deut langsamer. Klarer als jedes andere zeigt dieses Auto, was es in Wahrheit ist: schieres Symbol.

Die immer höheren potenziellen Geschwindigkeiten haben eher mit Prestige und symbolischen Auftritten zu tun als mit tatsächlichem High-Speed-Rasen. Es gibt eine Hand voll Teststrecken und Salzseen, da kann man 400 Kilometer pro Stunde fahren. Und doch besteht die Möglichkeit, dass Hochgeschwindigkeitsfahrer Symbolcharakter und Alltagsnutzen verwechseln und tatsächlich so schnell wie möglich fahren. Ein Tempo jenseits der 250 bedeutet jedoch für den Fahrer eine völlig neue Herausforderung. Alfred Fuhr, Verkehrssoziologe beim Automobilclub AvD, weist auf den »Tunnelblick« hin, bei dem sich »der Horizont optisch zusammenzieht«. Informationen, die zu schnell hintereinander im Gehirn eintreffen, würden ausgeblendet. Ein eher harmloses Beispiel: Unterbrochene Linien verschmelzen in der Wahrnehmung zu einer durchgezogenen Linie. Schon weniger harmlos: Eine Brückendurchfahrt wird bei Tempo 300 zum schwarzen Loch, das man tunlichst treffen sollte.

Bei einem Tempo zwischen 250 und 300 km/h bekommt Autofahren einen anderen Charakter. Fuhr: »Das ist Raumfahrt!« Der Verkehrssoziologe hat darum jüngst eine Art »Geschwindigkeitsführerschein« ins Gespräch gebracht. Fuhr denkt dabei nicht an Schulbank oder Rasertest, eher an ein attraktives Angebot, das dem »Habitus der Zielgruppe entgegenkommt«: »Wir machen dich mit den Möglichkeiten des Fahrzeugs vertraut, das du letztlich nie ganz beherrschen kannst.«

Die Idee ist älter. Schon der Düsseldorfer Helmut Becker, ehemaliger Ferrari-Importeur (»Auto Becker«), der in den achtziger Jahren den Tag der Richtgeschwindigkeit erfand (8. März), wollte sich seinerzeit für eine Gesetzesinitiative zugunsten eines Spezialführerscheins für Ferrari-Fahrer stark machen. Leider war Becker bald danach pleite. Im Ansatz existiert der Ferrari-Lappen jedoch heute schon. Es gibt in Deutschland nämlich überraschend viele »Ferrari-Fahrschulen«. In Balve bei Iserlohn bietet Henning Swirski seinen Ferrari-Testarossa als Fahrschulauto an, mit Zusatzpedalen für den Fahrlehrer. Die Remscheider Firma s+f concepts, deren Chef übrigens bei Auto Becker gearbeitet hat, verleiht den F 360 Modena angeblich schon an 100 Partnerfahrschulen. Neben der Doppelpedalerie ist im Fahrschul-Ferrari ein Pedal installiert, das bei Bedarf das Gaspedal sperrt – für den Fall, dass der Fahrschüler die Kontrolle über seine Dopaminproduktion verliert. Leider behaupten schlechte Menschen, den Ferrari-Fahrschulen gehe es nur ums Image. Dafür spricht, dass die Fahrschüler meist nur eine einzige Ferrari-Stunde haben. Dann geht’s mit einem Opel Corsa weiter.

Seinen Hochgeschwindigkeitslappen kann man auch in Porsches »Sportfahrschule« machen. In Leipzig verfügt der Zuffenhausener Hersteller über ein weitläufiges Übungsareal, um Fahrer in die Lage zu versetzen, ein ausbrechendes Heck wieder einzufangen. Ansonsten schult man auf der Nordschleife des Nürburgrings, in Mugello oder Magny-Cours. Drei Tage 2400 Euro, und wer fein Flaggen- und Ernährungskunde lernt, hat den höchsten nationalen Rennführerschein, die A-Lizenz, schon in der Tasche. Alfa Romeo, Maserati, BMW oder Mercedes bieten ähnliche Fahrtrainings an. Wie viele echte Neukunden sich allerdings bei einem Trainingslehrgang mit ihren neuen Raketen vertraut machen, darüber schweigen die Hersteller. Stattdessen ist verdächtig oft die Rede von »Incentive-Reisen« – viele Fahrtrainings sind offenbar ein Abenteuertrip für verdiente Firmenmitarbeiter.

Alfred Fuhr schwebt bei seiner Idee eines Geschwindigkeitsführerscheins eine Art Initiation vor. Ein intensives Training des Novizen zunächst; danach eine schnelle Runde mit einem Rennfahrer wie Walter Röhrl am Steuer. Schwankend und blass nimmt der Initiand die Hochgeschwindigkeitslizenz in Empfang. Wie mit solchen Ritualen umzugehen ist, kann man übrigens von Porsche lernen. Dort werden die Fahrzeugschlüssel gern mit der Bemerkung überreicht, dass Fahrer dieser Marke den Schlüssel stets in der Linken tragen. Grund: Der Hersteller montiert das Zündschloss hartnäckig links vom Lenkrad. Der echte Porsche-Owner ist somit an der Bar zu erkennen.

So betrachtet ist die Hochgeschwindigkeitslizenz mitnichten eine Verlockung zum Rasen. Eher ein sanftes Mittel der Integration. Und das 400 km/h-Auto im Freitagabendstau auf der A1 zwischen Hamburg und Bremen ist auch nicht mehr Inbegriff ausgebremster Raserei. Denn Bugatti und Stau passen wunderbar zusammen. Selbst im erzwungenen Stillstand funktioniert das Symbol noch uneingeschränkt. Nicht nach dem präpotenten Macho-Motto: Ich könnte, wenn ich wollte. Viel sublimer, ja feinsinnig. Etwa so: Ich könnte, wenn ich könnte!

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