Fahrrad Strychnin und Steroide

Radrennfahrer schrecken vor nichts zurück. Sie rasieren sich die Beine, schlucken seltsame Dinge und strampeln in der Sauna

B evor wir übers schneller werden auf dem Rad reden, müssen wir uns erst einmal ganz langsam einer grundlegenden Frage nähern: Was heißt hier überhaupt schnell? Mancher Klappradfahrer ist schon froh, wenn er bergab mit Rückenwind 25 km/h erreicht. Wenn dann plötzlich eine 90-Grad-Kurve mit Rollsplit auf dem Asphalt erscheint, kann auch das schon viel zu schnell sein. Geschwindigkeit ist relativ.

Seit dem 19. Juli 2005 steht der offizielle Stundenweltrekord des Internationalen Radsportverbands UCI bei 49,7 Kilometern. So weit ist der Tscheche Ondrej Sosenka auf der hölzernen Radrennbahn von Moskau in 60 Minuten gefahren, immer im Kreis herum. »Es war die Hölle«, sagte er hinterher, »nach 50 Minuten haben mich Krämpfe gequält.« Aber hat nicht schon vor mehr als 20 Jahren, am 18. Januar 1984, der Italiener Francesco Moser unter großem medialen Getöse als erster radelnder Mensch die Schallmauer von 50 Stundenkilometern durchbrochen? Der Brite Chris Boardman schaffte sogar 56,375 km/h, das war 1996. Aber er hing dabei wie ein Affe überm Schleifstein auf seiner futuristischen Spezialrennmaschine, sodass man gar nicht mehr wusste, wem das Höllentempo nun zu verdanken war, dem Menschen oder der Maschine. Damit Geschwindigkeit nicht bloß eine Frage des Budgets wird, hat die UCI das Reglement geändert: Als Weltrekord wird seit dem Jahr 2000 nur noch anerkannt, was auf einem »Standardrad« mit gleich großen Rädern vorn und hinten und einem normalen Rennlenker gefahren wird. So ein Rad hat noch keiner schneller gefahren als Sosenka.

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Natürlich kann jeder Radler noch schneller sein: bergab. Auf der Internet-Seite www.rst.mp-all.de/bergab.htm habe ich ausrechnen lassen, dass ich mit meinen 82 Kilogramm auf einem 10 kg schweren Rad den Hamburger Waseberg (16 Prozent Gefälle) mit 108 Stundenkilometern hinunterrasen könnte! Leider hat der Waseberg an seinem Ende eine ganz gemeine Kurve, und lang genug ist die Straße auch nicht.

Zwei Faktoren verhindern den unbegrenzten Geschwindigkeitsrausch: der Luftwiderstand und das Gewicht. Neben der windschnittigen Haltung ist vor allem Leichterwerden ein Mittel, schneller zu sein. Deshalb feilen die Fahrradindustrie und private Tüftler an immer filigraneren Maschinen. Es gibt Rahmen aus Karbon, die nur noch ein knappes Kilogramm wiegen, und Rennräder, die leichter als 4 kg sind. Doch gewinnen lässt sich so nichts mehr. Um der kostspieligen Material-Magersucht Einhalt zu gebieten, hat die UCI das Mindestgewicht für Räder im Wettkampf auf 6,8 kg festgelegt.

Ein Rad um ein Kilogramm abzuspecken, kann Tausende von Euro kosten. Billiger und leichter ist es, wenn der Fahrer selbst abnimmt. Nicht zufällig sind die meisten Radprofis spindeldürre Hungerhaken. Wie schwer auch sie mit den Pfunden zu kämpfen haben, lesen wir jedes Frühjahr in den Geschichten über das Gewicht unseres Lieblingsradlers Jan Ullrich. Auf der erwähnten Homepage gibt es auch ein Formular für den Radler-Gewichtscheck. Mein BMI, mein Body-Mass-Index, liegt noch im Normalbereich. Dennoch werde ich freundlich ermahnt: »Als Radsportler sollten Sie 6,6 kg abnehmen!« Der vielleicht erfolgreichste Radrennfahrer aller Zeiten, der fünfmalige Tour-de-France-Sieger Eddy Merckx, hat neulich verraten, wie er sein Gewicht abkochte: Auf der Rolle – in der Sauna!

Für Hobbyfahrer gibt es neben Diät und angemessener Kleidung (vermeiden Sie Regencapes, wir sind ja nicht beim Segeln) ein einfaches Mittel, schneller zu werden: mehr trainieren. Ein Profi bringt es auf 40000 Trainingskilometer im Jahr. Sagen Sie nicht, dafür hätten Sie keine Zeit. Kurt Stöpel, immerhin Zweiter bei der Tour de France 1932, war Bürobote. Er trainierte täglich von 3.00 bis 9.00 Uhr in der Frühe; dann musste er seinen Dienst antreten. Wenn Sie ordentlich trainieren, können Sie vielleicht irgendwann eine größere Übersetzung treten. Wer bei einem vorderen Kettenblatt mit 53 und hinten mit 12 Zähnen vom Fleck kommt, schafft pro Pedalumdrehung neuneinhalb Meter. Bahnradfahrer treten bis zu 160 Umdrehungen pro Minute und erreichen dabei im Schnitt 60 km/h – das aber selten länger als ein paar Minuten.

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