Als der erste Homo sapiens noch zu Fuß die afrikanische Savanne erkundete, schlummerte bereits eine bemerkenswerte Eigenschaft in ihm, für die er noch keine Verwendung hatte. Er war für weit höhere Geschwindigkeiten gerüstet, als er jemals in seinem Leben als Fußgänger kennen lernen sollte. Erst heute, einhunderttausend Jahre später, nutzen wir unsere physische und psychische Hochgeschwindigkeitstauglichkeit – täglich.

Ob im Auto oder im Flugzeug, das menschheitsgeschichtlich beispiellose Tempo überfordert uns noch lange nicht. Selbst im Formel-1-Renner und jenseits der Schallmauer können wir überleben. Mehr noch, die Psyche des modernen Menschen sucht geradezu den Rausch der Geschwindigkeit und der Beschleunigung. Eine ganze Industrie lebt davon: Sportwagenhersteller, Motorradbauer und Achterbahnbetreiber. Die besorgen dem Publikum mit Kingda Ka in New Jersey gerade den ultimativen Kick: von null auf 205 Stundenkilometer in 3,5 Sekunden. Was aber lässt uns bei diesem Tempo juchzen?

Schnelligkeit bedeutet für den Menschen eine doppelte Herausforderung. Der gesamte Körper muss die Beschleunigung bewältigen – Auge und Hirn müssen bei hoher Geschwindigkeit die Flut der Bilder verarbeiten. Die Beschleunigungsforschung konzentriert sich im Wesentlichen auf Piloten. Kampfpiloten erleben das bis zu Sechsfache der Erdbeschleunigung. Damit die Körperflüssigkeiten nicht an die falschen Stellen gepresst werden, sind umfangreiche Schutzmaßnahmen nötig (siehe auch Seite 34). "Wichtig ist dabei die Zeit der Einwirkung", sagt Norbert Luks vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Bei einem Aufprall mit dem Auto gegen einen Betonpfeiler wirkten Kräfte, die das 50fache der Erdbeschleunigung betragen können. Das sei auszuhalten, wenn die Belastung nur Millisekunden dauere. "Lässt sich jemand aber in einer Zentrifuge stundenlang im Kreis herumwirbeln, kann das die Herz-Kreislauf-Steuerung völlig durcheinander bringen", sagt er. Anschließend müsse der Betreffende sich erst einmal mit schwerer Übelkeit einen halben Tag hinlegen.

Menschen reagierenoffenbar sehr unterschiedlich. "Dem einen wird schlecht", sagt Luks, "der andere findet es toll." Das wirkt sich auch auf den Autokauf aus: Wer Spaß daran hat, beschleunigt zu werden, braucht kein sehr schnelles Auto. Sein Wagen soll sich mit möglichst hohem Drehmoment in die Straße krallen und den Fahrer beim Kavalierstart in den Sitz pressen.

Von imposanten Beschleunigungen war in den Anfängen der motorisierten Fahrt noch nicht die Rede. So viel Drehmoment gaben die Dampfmaschinen gar nicht her. Dafür sorgten sich Mediziner schon früh um übermenschliche Geschwindigkeiten. Anlässlich der Eröffnung der ersten deutschen Bahnverbindung am 7. Dezember 1835 zwischen Nürnberg und Fürth warnte angeblich das bayerische Obermedizinalkollegium: Bahnfahrten schneller als 30 Kilometer pro Stunde würden bei den Reisenden wie bei den Zuschauern unfehlbar schwere Gehirnerkrankungen, eine Art Delirium furiosum, erzeugen. Doch diese Warnung ist erfunden. Bahnhistoriker wie Wolfgang Mück konnten kein Obermedizinalkollegium in Bayern um 1835 entdecken. Das Gerücht geht wohl auf eine Polemik des national gesinnten Historikers Heinrich von Treitschke zurück. Gleichwohl führte Hitler die vermeintliche Bahnkritik in seinem Buch Mein Kampf als Beispiel für Technikfeindlichkeit an.