Medizin Physiologie der RasereiSeite 2/2

In Wahrheit ist die Geschichte der ersten deutschen Bahnverbindung eine Geschichte des Geschwindigkeitsrauschs. Volk und Adel liebten das Tempo, sie wollten die Grenze des Erreichbaren ausloten. Schon wenige Wochen nach der Erstlingsfahrt bot die Bahn Schnellfahrten mit 70 Kilometern in der Stunde zur Belustigung des Publikums an.

Die Frage nach den Folgen des schnellen Reisens beschäftigte gerade im 19. Jahrhundert immer wieder die Forschung. 1862 vermerkte das medizinische Fachblatt The Lancet: »Die Geschwindigkeit und Verschiedenartigkeit der Eindrücke ermüden notwendigerweise sowohl das Auge als auch das Gehirn.« Bei höheren Geschwindigkeiten kommt es zum »Tunneleffekt«. Die Augen können eigentlich nur in einem Bereich von 30 bis 40 Grad richtig scharf sehen. Das ganze Gesichtsfeld von 200 Grad wird erst dadurch ausgeschöpft, dass der Blick ständig die Umgebung abtastet. Steigt die Geschwindigkeit, ist das Auge überfordert, Details an den Rändern des Gesichtsfeldes verschwimmen. Eingeschränkte Wahrnehmung aber erhöht die Anspannung, sie macht Angst. Und dass in bewusst gesuchter Angst Lustempfinden möglich ist, weiß jeder Achterbahnfahrer. Für den Rausch der Grenzerfahrung reicht vielen schon ein Gokart mit seinen 50 Stundenkilometern. Die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin fluten in die Blutbahn. Der Hypothalamus im Hirn schüttet das Corticotropin-Releasing-Hormon aus. Und dieses Hormon aktiviert den Nucleus accumbens. Dort schließlich wirkt Dopamin, der Botenstoff der Lust.

Offenbar bedeutet Wohlfühlgeschwindigkeit für jeden Menschen etwas anderes. »Es gibt ein individuelles Geschwindigkeitsniveau, welches Menschen auch gegen Widerstände wie dichten Verkehr möglichst lange aufrechtzuerhalten suchen«, sagt Bernhard Schlag, Verkehrspsychologe von der TU Dresden. Das hänge von Alter und Geschlecht ab. Besonders bei jungen Männern ist der Regler im Hirn auf höhere Geschwindigkeiten eingestellt. Diese bieten mehr Nervenkitzel, fordern die Sinne bis an ihre Leistungsgrenzen. »Im Idealfall«, sagt Schlag, »ergibt sich der Flow.« Der Fahrer wird eins mit dem Fahrzeug und hat gleichzeitig das Gefühl, über die Situation zu herrschen. Schlag empfiehlt Motorradfahren. Da gebe es »am meisten Flow fürs Geld«.

 
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