Türkei Die Stadt unter dem SandSeite 3/3
Dem Dorf blieb die Erkenntnis, dass man im Fremdenverkehr auch anders überleben kann, aber etwas tun muss, und dass der Professor nicht an allem Schuld hat, was in der Gegenwart schief geht: Heute reden im Ort viele von Kultur- und Ökotourismus und sanftem Reisen. Sie können die guten Gründe, Teile der türkischen Südküste nicht zu mögen, alle herunterbeten und lassen den Namen Patara auf ihre Visitenkarten drucken, obwohl das Dorf eigentlich Gelemis heißt.
»In zehn, fünfzehn Jahren werden wir ihm ein Denkmal setzen, gleich neben dem Atatürks«, sagt Soner Zeybek über den Professor, während er Oliven und Tee auftischt. Auch Zeybek hatte damals den Abrissbescheid bekommen und um sein Hotel bangen müssen. Heute ist er froh und dem Professor dankbar, dass alles so gekommen ist. Die Einnahmen aus dem Tourismus reichen zwar nicht, um seine Familie zu ernähren, aber mit dem Gewächshaus und Tomatenanbau kommt Zeybek gut hin. »Wie würde es sonst hier aussehen«, fragt er sich und zählt ebenfalls auf, was Patara vom Rest der Küste unterscheidet, und das ist – von Sonne und Meer einmal abgesehen – so ziemlich alles. »Wir wären von unserer Geschichte abgeschnitten, unserer eigenen und der unseres Landes«, sagt er in seiner stillen, freundlichen Art.
Ein erfrischendes Lüftchen weht. Von der Dachterrasse überblickt Zeybek das Dorf, sieht die Häuser seiner Geschwister und zeigt, wo sein Großvater einst unter den Olivenbäumen gebaut hat. Zeybeks Familie lebt seit dem 17. Jahrhundert in der Region, seine Eltern waren noch Nomaden, die im Sommer auf der yayla , der Alm, oberhalb von Elmali in den Bergen wohnten und auf mehr als 2.000 Meter Höhe Vieh- und Feldwirtschaft betrieben. Nur in den Wintermonaten zogen sie mit ihren sieben Kindern und den Tieren in die fruchtbare Ebene von Patara. Vor 40 Jahren kam Soner zur Welt – im Winter.
Auch Arif Otlü ist hier geboren und seit anderthalb Jahren Bürgermeister. Er hat viel vor. Damit all jene, die bislang nur für einen Tag kommen, ihren Urlaub hier verbringen, will der 41Jährige auf die großen Touristikmessen gehen und in Deutschland eine Partnergemeinde finden, die »ebenfalls eng mit dem kulturellen Erbe der Menschheit verbunden ist«. Das Dorf will er herausputzen, manch zusammengezimmertes Terrassenlokal durch typisch Türkisches ersetzen, die Straßen erneuern und einige der Ruinen aus dem Jahr 89 vollenden oder abreißen lassen. Seit einem Jahr liegt sein Entwicklungs- und Bebauungsplan in Ankara zur Entscheidung, zuvor hat er ihn im Dorf diskutieren lassen. Seine erste Amtshandlung aber war, Fahri Isik aufzusuchen, einfach so, um hallo zu sagen. »Schließlich verbindet uns viel«, sagt Otlü und nennt die Zukunft als Beispiel.
Mehr als anderthalb Jahrzehnte haben sie nicht miteinander geredet, die Dorfbewohner und der Professor. Jetzt sind sie gemeinsam ein Stück gewandert, von Osten über die Hügel vorbei an der Weltstadt ins Dorf. Sie haben unterwegs gegrillt und getrunken – und ein paar Offizielle aus der Hauptstadt waren auch dabei. Soner Zeybek hat seither ein Buch von Isik mit Widmung und Arif Otlü noch mehr Verbündete. Havva Iskan, Isiks Frau und ebenfalls Archäologin, hat im Dorf einen Vortrag über die Ausgrabungen gehalten. Und bei der Power-Point-Präsentation zum Theater staunten alle über die Wiederauferstehung im Zeitraffer. Im März war es, dass sie gewandert sind, und Mitte August ist es in Patara noch immer Gesprächsthema, so wie der Regen, der im Juli niederging, ein Schauer nur, aber erstmals seit Jahrzehnten und überraschend genug, um lange davon zu zehren.
- Datum 08.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.09.2005 Nr.37
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