Es ist nach Mitternacht, als der Fernsehmoderator Thomas Kausch am vergangenen Sonntag wieder zu Hause im vornehmen Berlin-Grunewald ist. Seine Frau hat ihn gefahren, der Tag liegt hinter ihm, und während der Fahrt ist es ihm durch den Kopf geschossen: Man bereitet sich tagelang auf alle Eventualitäten vor, feilt an den Fragen – und dann das.

Thomas Kausch, 42, war einer von vier Moderatoren des TV-Duells zwischen Gerhard Schröder und Angela Merkel. Es sollte sein Tag werden, der einzige neue Moderator in der Runde, gleichzeitig auf allen vier großen Kanälen zu sehen. Politische Interviews gehören zu seinem Job, täglich präsentiert er die Nachrichten des Privatsenders Sat.1. Ein Newsanchor, wie das neudeutsch heißt, ein Anker in der Nachrichtenflut. Und doch hat all die Routine nicht verhindern können, dass ihm um 20.41 Uhr der Versprecher des Abends passiert. Er spricht Angela Merkel versehentlich mit "Nun mal ehrlich, Frau Kirchhof" an. Die Angesprochene lacht, Gerhard Schröder lacht, selbst Sabine Christiansen lacht. 600 Journalisten, die die Übertragung in Berlin-Adlershof verfolgen, wenige Schritte vom Fernsehstudio entfernt, lachen auch, und zwar sehr laut. So wie Edmund Stoiber vor drei Jahren Sabine Christiansen mit "Frau Merkel" anredete, hat jetzt Thomas Kausch einen Satz in die Welt gesetzt, der wohl an ihm kleben bleiben wird. Er weiß, in welcher aufgeregten Medienwelt er sich bewegt. Am Donnerstag zuvor in seinem Büro hatte er gesagt: "Brutto und netto zu verwechseln wäre nicht gut. Dann würde man denken: Hätten wir diesen Neuen lieber nicht dazugeholt."

Noch am selben Abend verselbstständigt sich der Versprecher. Minister Wolfgang Clement nutzt in der ARD die Chance zu betonen, dass Angela Merkel ihren Kirchhof nicht mehr loswerde, Friedrich Nowottny scherzt, dass Merkel sich bei den Kirchhofs eingeheiratet habe, und Zeitungskritiker von Bild bis Berliner Zeitung werden am Montag gnadenlos sein.

20.42 Uhr, Thomas Kausch korrigiert sich, das Duell geht weiter. Er muss sich sammeln, moderiert solide und unauffällig weiter. Zwei Stunden nach der Sendung steht Roger Schawinski, der Chef von Sat.1, draußen vor der Tür, frische Luft tut jetzt gut. "Es war keine Sendung, in der sich die Moderatoren profilieren konnten", sagt er. "Thomas hat seine Sache gut gemacht." Der Kirchhof-Versprecher? "So etwas kann passieren." Kurze Pause. "Damit kommt er zu Stefan Raab." Dann verschwindet er in der Nacht.

Um halb acht ist Thomas Kausch an diesem Sonntag von der Tochter geweckt worden, Frühstück mit Familie auf dem Balkon, ein paar Runden geschwommen, um den Kopf frei zu bekommen. Mittags im Büro war die Nervosität gestiegen, zweimal in zehn Minuten ging er zur Toilette, schnell eine Zigarette. "Habe ich auch die Zettel mit den Fragen eingesteckt?" Nur ja nichts vergessen, ein weißes Hemd angezogen, Anzug eingepackt, Schuhe in die Plastiktüte, Unterlagen in den braunen abgewetzten Lederkoffer mit der Bitte an den Reporter: "Können Sie kurz mein Kofferträger sein?" Das ist Kausch: frech, ironisch und trotzdem sympathisch.

Später, hinter den Kulissen im Studio Adlershof, hat er auf einem Laptop letzte Fragen notiert, Schawinski kam vorbei, sie formulierten noch etwas um, ein Mitarbeiter von Sabine Christiansen fragte zweimal, ob "Herr Kausch noch einmal kurz bei Frau Christiansen vorbeikommen möchte". Die Stimmung war aufgekratzt. Auf dem Gang lief Angela Merkel mit hochgezogenen Schultern vorbei zur Maske, Maybrit Illner vom ZDF hatte ein sehr konzentriertes Gesicht, Peter Kloeppel von RTL auch. Und Thomas Kausch zog sich um für die große Show. Als alles vorbei war und der Abspann lief, hat Sabine Christiansen ihm einen Zettel zugeschoben, auf dem stand: "dazu die ganze Aufregung". Im Sinne von: wochenlange Aufregung, am Ende kann jeder nur ein paar Fragen stellen, und das war’s.

Wer sind diese Leute, die uns täglich aus dem Fernseher die Welt erklären, deren Macht in einer Medienrepublik wächst und wächst? Vielleicht steht Thomas Kausch für einen neuen Typ Nachrichtenmoderator: Er will informieren und unterhalten, experimentieren auch für jene jüngeren Zuschauer, für die die Tagesschau eine Sendung ist, die sie nur vom Zappen kennen.