Gern und in den letzten Jahren häufiger träume ich, dass ich Vater und Mutter begegne. Allerdings sind sie wenig beredt, ihre Gestalt ist unscharf, aber nicht ältlich. Sie erscheinen mir so, wie sie mir als Kind begegnet sind. Begegne ich meinen Eltern im Traum, habe ich das Bedürfnis, ihnen Fragen zu stellen. Heute geht mir so vieles durch den Kopf, und ich versuche Erlebnisse meiner Kindheit – insbesondere während des Krieges – zu rekonstruieren. Hat es ihnen Skrupel bereitet, uns mit anderen durch Bombenangriffe gefährdeten Kindern in der Reichskanzlei übernachten zu lassen? Was haben sie von dem Leiden der Juden gewusst? – Zum anderen würde ich den Eltern gern die Aufmerksamkeit und Dankbarkeit nachtragen, an der ich es als junge Frau häufig habe fehlen lassen, weil ich mit meiner eigenen jungen Familie und meinem Beruf beschäftigt war.

Als Kind hatte ich andere Träume. Häufig "arbeitete" ich des Nachts Erlebnisse des Tages träumend nach oder nahm Ereignisse vorweg, die mir bevorstanden. Zumeist in wenig erfreulicher Form. Doch hatte ich auch erfreuliche Träume, in denen ich in schönen und märchenhaften Landschaften schwebte. Bilder, die offenbar durch Kinderbücher gespeist worden waren.

Die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg habe ich als eine besonders aufregende und erfahrungsreiche Zeit erlebt. In dieser Zeit meine ich wenig geträumt zu haben, weil die Tagesereignisse mich so in Anspruch genommen haben. Ich war des Abends geistig und körperlich erschöpft, ein durchaus angenehmes Gefühl. Meine Familie, mein Vater und meine Großmutter vor allem, haben das Ende des "Dritten Reiches" als Erlösung erlebt. Meine Großmutter, seinerzeit Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und des Reichstags, brauchte sich fortan nicht mehr in bestimmten Abständen bei der Polizei zu melden. Endlich konnten sie und Vater wieder politisch aktiv sein und sich ohne Gefahr freimütig äußern. Für beide hieß das, sich in der sozialdemokratischen Partei zu engagieren und diese in Berlin wieder mit aufzubauen. Es war eine Zeit, in der ich meinem Vater sehr nah war. Ich habe diese Zeit trotz Hunger und Kälte wegen der Lebensfreude und Tatkraft meines Vaters in guter Erinnerung. In Sachen Optimismus bin ich meines Vaters Tochter. Ich wollte – wie meine Vorfahren – eines Tages politisch tätig sein. Das war auch und vor allem eine Reaktion auf die Barbarei des Naziregimes, über die ich damals fast täglich neue Schrecklichkeiten erfuhr.

Eigentlich wollte ich politische Redakteurin werden. Doch der Journalisten-Traum ist während meines Jurastudiums verflogen. Die Jurisprudenz hat mir einfach Spaß gemacht. Wenngleich ich an der Universität noch kein konkretes Bild vor Augen hatte, was ich werden wollte. Gewiss wollte ich schon damals hoch hinaus. Ja, warum nicht Bundeskanzlerin? Auch ein Ministeramt erschien mir nicht übel. Selbst mit dem Gedanken, Regierende Bürgermeisterin von Berlin zu werden, habe ich gespielt. War doch Louise Schröder ein herausforderndes Vorbild. Völlig traumwidrig bin ich dann in die Wissenschaft gegangen und Professorin geworden. Aber mit Mitte 50 habe ich den Berufswunsch von der Politik noch wahr gemacht und bin – von Walter Momper umworben – Justizsenatorin von Berlin geworden.

Tatsächlich war es traumhaft – im Sinne von abenteuerlich –, Mitglied einer rot-grünen Koalition zu sein, die unbekümmert um die Ritualien und Konventionen der Politik agierte. Das war eine turbulente Zeit, die durch den bald darauf folgenden Fall der Mauer und die deutsche Einheit noch weit übertroffen wurde. In den ersten Tagen nach dem 9. November 1989 habe gewiss nicht nur ich mich wie in einem nicht enden wollenden Tagtraum gefühlt. Was waren wir hochgestimmt und vergnügt! Wie häufig habe ich damals gedacht: Wenn das deine Eltern noch hätten erleben können! Laufe ich heute über den Gendarmenmarkt oder komme ich an der Glienicker Brücke vorbei, stellt sich die Erinnerung an die damalige Euphorie ein.

Doch schon nach wenigen Wochen offenbarte sich, dass die Menschen in Ost und West unterschiedliche Erfahrungen hatten. Wir hatten widersprechende Ansichten darüber, wie der Übergang zur Demokratie politisch, ökonomisch und rechtlich zu meistern sei. Was anfangs eine Herzensangelegenheit war, wurde zur Verstandessache. Der Aufbau einer rechtsstaatlichen Justiz im Ostteil der Stadt und vor allem die Überprüfung der Richter und Staatsanwälte war ein menschlich schwieriges Geschäft. Häufig habe ich mich gefragt, was wohl aus mir geworden wäre, wenn meine Eltern mit uns im Osten der Stadt Berlin geblieben wären? Wäre ich dort aufgewachsen, hätte ich vielleicht auch gern Jura studiert. Allein schon diese Studienwahl zwang in der DDR zu einem angepassten, sprich: systemtreuen Verhalten. Noch heute verfolgt mich in meinen Tagträumen so manche meiner Entscheidungen und manches damals jäh unterbrochene Berufsschicksal einer Juristin aus dem Ostteil der Stadt.

Ich kann gar nicht dankbar und demütig genug sein, dass mir das Schicksal so gut mitgespielt hat. Am Start meiner juristischen Laufbahn habe ich mir auch nicht gewünscht, Richterin und Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts zu werden. Träume wandeln sich über die Jahre, nicht nur die nächtlichen. Auch die Wünsche und Vorstellungen, wie man sein Leben künftig gestaltet, verändern sich. Mit 71 Jahren habe ich keine Jungmädchenträume mehr. Wohl habe ich noch Wünsche. Diese betreffen die Zukunft meiner Kinder und Enkelkinder. Mögen sie ihr Leben erfolgreich meistern, und mögen sie in einer weltoffenen, freiheitlichen und sozialen Demokratie, vor allem in Frieden leben können.