gesellschaft »Ich werbe für Ehe und Familie«

Ein Gespräch mit Paul Kirchhof über seinen Konservatismus, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, den freiheitlichen Staat und die Bilanz der Achtundsechziger

DIE ZEIT: Herr Kirchhof, sind Sie konservativ?

Paul Kirchhof: Ja, denn mein Denken ist geprägt durch unser Grundgesetz. Und eine Verfassung will immer erprobte Werte, bewährte Institutionen und gesicherte politische Erfahrungen bewahren.

ZEIT: Ihre Vorstellungen zur Steuerpolitik oder zum Rückzug des Staates erwecken den Eindruck, dass Sie weniger bewahren als radikal verändern wollen.

Kirchhof: So ist es, und das ist kein Widerspruch. Die Verfassung lässt viel Raum für Erneuerung: Erstens durch den Parlamentarismus – wir wählen immer wieder ein Parlament, damit es eine bessere Regierung, bessere Gesetze hervorbringt. Zweitens garantiert die Verfassung den Menschen Freiheitsrechte, damit sie es heute besser und anders machen als gestern. Mich drängt es, einen Großteil unseres Steuerrechts zu verändern. Falls konservativ für Sie gleichzusetzen ist mit »Der Ist-Zustand ist schön«, dann bin ich ein Anti-Konservativer.

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ZEIT: Als harter Konservativer gelten Sie momentan wegen Ihres Frauenbildes – offenbar sollen Mütter »in der Familie Karriere« machen, während die Väter das Geld verdienen. Warum?

Kirchhof: Sie beziehen sich auf ein Zitat in einem Buch, mit dem ich eine ganz bestimmte Mutter von zehn Kindern beschrieben habe. Mein Familienbild können Sie aus Urteilen des Verfassungsgerichts lesen: Ich bin für Selbstbestimmung und Wahlfreiheit der Ehegatten, die Eltern geworden sind und ihre Rollen intern verteilen. Ob beide zu Hause sind oder nur einer, mit oder ohne Kinderfrau, das alles geht den Staat nichts an. Das Grundgesetz, Artikel 6, garantiert Ehe- und Familienfreiheit, aber auch die Berufsfreiheit. Die Menschen wollen diese Angebote gleichzeitig und gleichrangig annehmen.

ZEIT: Wer zu Hause bleibt, ist nicht nur dem Verfassungsrechtler, sondern auch dem Politiker Kirchhof egal?

Kirchhof: Da macht der werdende Politiker keinen Unterschied. Ich bin geprägt von meinen Erfahrungen an der Heidelberger Universität. In meinem Hörsaal habe ich mehr Juristinnen als Juristen, viele davon sind glänzend. Diese jungen Frauen wollen den Wechsel, den sie sich mit ihrem Studium hart erarbeitet haben, auch einlösen. Ich wäre traurig, wenn diese Frauen nicht erfolgreich wären im Juristenberuf. Allerdings wäre ich auch traurig, wenn diese Frauen mehrheitlich sagen würden: Um der Karriere willen verzichte ich auf Kinder. Wir brauchen ein Gesellschaftssystem, in dem es selbstverständlich ist, dass Menschen Vater oder Mutter und Erwerbstätiger sein können.

Leser-Kommentare
  1. Den Gottesbezug in der EU-Verfassung aufgrund historischer redlichkeit zu fordern ist meiner Meinung nach nicht richtig. Das eigentlich europäische wie zum Beispiel das Wahlrecht und der Staat kommen doch aus griechischer Zeit und auch die Ethik auf der die verschiedenen Verfassungen beruhen stammt doch eher aus vorchristlicher Zeit oder auch von den Philosophen die sich von christlichen Vorstellungen lösten. Auch die Entwicklung von Wissenschaft und Forschung, für die Europa meiner Meinung nach steht, wurde von der Kirche doch eher behindert.
    Auf jeden Fall steht die christliche Kirche nicht für die Gleichberechtigung, früher nicht für die der Armen und Andersdenkenden( man denke nur an Ablasshandel) und auch heute noch nicht für die der Frauen.
    Europa ist auf jeden Fall mehr als eine Wirtschaftsgemeinschaft aber verbunden durch den christlichen Glauben sind wir nicht.

  2. Zum Interview mit Herrn Kirchhoff:

    Herr Kirchhoff bietet nicht nur ein Paradebeispiel für konservativen Alterstarrsinn.
    Laut Aufschreien möchte man bei seiner verbogenen Begründung für die angeblich christlichen Wertegrundlagen in Europa. Menschenwürde, meine Würde, ist keine Würde wovor, daher auch keine „Würde vor Gott“ sondern eine Würde wozu: für mein Leben in der Menschengemeinschaft, egal ob und wer an welches höhere Wesen glaubt. Menschenrecht und Menschenwürde sind universell.
    Europas Wurzeln und Werte liegen in den Demokratien von Athen und Rom, also im Faktischen und nicht im Religiösen.

    • cba
    • 08.09.2005 um 21:21 Uhr

    Ein Christ, ein Toleranter, ein Familienmensch und ein Intellektueller. Sowas gabs lange nicht.
    Wer spricht von unseren Politikern eine so klare Sprache? Kenne keinen. Wenn Herr Kirchhof die ersten 100 Tage im Amt schafft, können wir uns gratulieren. Er wird mehr bewegen als die letzten sechs (wer waren sie eigentlich? ...) Finanzminister zusammen. Dass einer den einzelnen Menschen mehr Vertrauen entgegenbringt als dem Staat und seinen scheinbaren Wohltaten wird die Linke zum Schäumen bringen.

    Ich genieße jetzt schon den SChaum vor den Mäulern seiner Widersacher. Endlich einer der diesen eloquenten Leerformeldreschern sprachlich und intellektuell so haushoch überlegen ist, dass er sie mühelos auf Distanz hält.

    Dieser Mann ist ein Glücksfall!

  3. Paul Kirchhof steht für eine neue Finanzpolitik der CDU auf der TOP Liste der CDU. 25% stehen für Transparenz und Gerechtigkeit und da will ja keiner dagegen argumentieren. Jeder sucht ja einen Fixpunk in diesen doch komplizierten wirtschaftlichen Vorgängen und eine Antwort auf Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit. Aber meist sind die Antworten nicht einfach. Wissenschaftler bedienen sich mit Modellen um ihre Aussagen zu überprüfen. Doch leider werden Kirchhofs Modellrechnungen weder hier im Interview noch im Wahlkampf vermittelt. Da besteht sicherlich Nachholbedarf

  4. Fast jeder Europäer glaubt daran, dass es jemanden gibt, der größer ist als alles andere, und fast immer wird dieser jemand als Gott bezeichnet, egal ob man Christ, Moslem, Jude oder sonst was ist. Sich in die Verantwortung vor Gott zu stellen bedeutet daher anzuerkennen, dass man nicht nur auf seinen eigenen z.B. wirtschaftlichen Vorteil bedacht sein, sondern etwas Größerem dienen sollte. Es wäre gut für Europa sich unter den Schutz des Höchsten zu stellen.
    Ich finde es daher ebenso lächerlich, den Gottesbezug lediglich mit historischen Wurzeln begründen zu wollen, wie es lächerlich ist, jedem, der für den Gottesbezug eintritt immer wieder die Fehler vorzuhalten, die einzelne Mitglieder der katholischen Kirche vor Jahrhunderten begangen haben.

  5. Welches sind die Werte des Herrn Kirchhof? Gott, Familie und Wirtschaft. Nimmt man seine Aussagen ernst, kann man ihn eigentlich weder für einen Erneuerer, noch für einen Vorzeige-Europäer halten. Er ist global-konservativ, das ist alles.

    Herr Kirchhof hat seinen Beruf keineswegs aufgegeben. Noch immer legt er unser Recht aus. Und er unterwirft dabei das Grundgesetz ganz offensichtlich seinen rückwärtsgewandten Ideen. Beispiel Erziehung. Herr Kirchhof sagt, "Erziehung ist nach GG das Recht der Eltern." Anschließend kommt er mit solch alten Hüten wie dem staatlichen Nanny-Geld. Neu wäre es gewesen, wenn er seinen Satz ergänzt hätte mit den Worten: "Erziehung ist gleichzeitig Elternpflicht." Denn schließlich: Auch Kinder sollten Rechte haben, nicht wahr?Beispielsweise das Recht auf eine angemessene Erziehung.

    Herr Kirchhof behandelt Kinder wie das Eigentum ihrer Eltern, ein Status, den vor noch nicht all zu langer Zeit auch die Frauen hatten. Ich bin sehr froh, dass Frauen mittlerweile als mündige Bürger gelten. Von Herrn Kirchof würde ich die gesetzliche Verankerung der Gleichberechtigung nämlich nicht erwarten. Er meint schließlich, in die innerfamiliären Entscheidungen sollte sich der Staat nicht einmischen. Mit anderen Worten: Wer das Pech hatte, seinem Partner nicht Paroli bieten zu können, der hat einfach Pach gehabt.

    Nein, die übrigen Statements werde ich nicht mehr kommentieren. Das wäre zu viel der Ehre. Fest steht für mich jedoch: Herr Kirchhof irrt sich auch in Bezug auf das öffentliche Ansehen der Politik. Es ist verdient. An innerer Leichtigkeit fehlt es den wenigsten Politikern. Besonders leicht sollten sich diejenigen fühlen, die nichts als heiße Luft in sich haben.

  6. Den Visionen von Prof. Kirchhof liegt jene Philosophie von Staat und Gesellschaft zugrunde, die Jedediah Purdy als "romantischen Liberalismus" bezeichnet und zu dem Desaster in der Bewältigung der Naturkatastrophe von Louisiana geführt hat.(„Lehrstunde für Wölfe“, in dieser Ausgabe der „Zeit“) Auch Prof. Kirchhof schwebt eine politische Kultur vor, die „bereit ist, eine tiefe und lähmende Ungleichheit hinzunehmen“ und in den USA nach Jedediah Purdy darin besteht „dass heute die Vereinigten Staaten Leute regieren, die weder die Zwecke noch die Aufgaben des Staates ernst nehmen“. In einer der stabilsten Demokratien der Welt wie sie Deutschland malgré tout immerhin noch ist, sollten jene Stabilität nicht gleicherart leichtfertig aufs Spiel gesetzt und Politiker mit solcherart Visionen und politischer Kultur von den Schalthebeln der Macht tunlichst ferngehalten werden. Dr. Reinhardt Gutsche, Berlin

  7. Als praktizierender Katholik würde ich doch gerne en Fragezeichen setzen, ob mit der Erwähnung des Wortes "Gott" in einer Verfassung allzu viel gewonnen wäre. Eine Vokabel - und sei es die erhabenste - ist doch immer missbrauchsfähig. Wenn über die Menschenrechte, die Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Familie, die Option für die Armen geredet wird, dann sind doch "unseres Gottes" ANLIEGEN gut vertreten. Ich glaube, auch Jesus hat nicht so gerne das Wort "Gott" (in seiner Sprache "Elohim") in den Mund genommen, den Gottesnamen "JHWH" zu erwähnen verbot sich ihm; er redete daher lieber von "den Himmeln", wunderschön: "die Vögel der Himmel"(ta petaina ton ouranon). Es kommt nicht auf die Vokabel an, sondern auf das Herz.

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