DIE ZEIT: Herr Kirchhof, sind Sie konservativ?

Paul Kirchhof: Ja, denn mein Denken ist geprägt durch unser Grundgesetz. Und eine Verfassung will immer erprobte Werte, bewährte Institutionen und gesicherte politische Erfahrungen bewahren.

ZEIT: Ihre Vorstellungen zur Steuerpolitik oder zum Rückzug des Staates erwecken den Eindruck, dass Sie weniger bewahren als radikal verändern wollen.

Kirchhof: So ist es, und das ist kein Widerspruch. Die Verfassung lässt viel Raum für Erneuerung: Erstens durch den Parlamentarismus – wir wählen immer wieder ein Parlament, damit es eine bessere Regierung, bessere Gesetze hervorbringt. Zweitens garantiert die Verfassung den Menschen Freiheitsrechte, damit sie es heute besser und anders machen als gestern. Mich drängt es, einen Großteil unseres Steuerrechts zu verändern. Falls konservativ für Sie gleichzusetzen ist mit "Der Ist-Zustand ist schön", dann bin ich ein Anti-Konservativer.

ZEIT: Als harter Konservativer gelten Sie momentan wegen Ihres Frauenbildes – offenbar sollen Mütter "in der Familie Karriere" machen, während die Väter das Geld verdienen. Warum?

Kirchhof: Sie beziehen sich auf ein Zitat in einem Buch, mit dem ich eine ganz bestimmte Mutter von zehn Kindern beschrieben habe. Mein Familienbild können Sie aus Urteilen des Verfassungsgerichts lesen: Ich bin für Selbstbestimmung und Wahlfreiheit der Ehegatten, die Eltern geworden sind und ihre Rollen intern verteilen. Ob beide zu Hause sind oder nur einer, mit oder ohne Kinderfrau, das alles geht den Staat nichts an. Das Grundgesetz, Artikel 6, garantiert Ehe- und Familienfreiheit, aber auch die Berufsfreiheit. Die Menschen wollen diese Angebote gleichzeitig und gleichrangig annehmen.

ZEIT: Wer zu Hause bleibt, ist nicht nur dem Verfassungsrechtler, sondern auch dem Politiker Kirchhof egal?

Kirchhof: Da macht der werdende Politiker keinen Unterschied. Ich bin geprägt von meinen Erfahrungen an der Heidelberger Universität. In meinem Hörsaal habe ich mehr Juristinnen als Juristen, viele davon sind glänzend. Diese jungen Frauen wollen den Wechsel, den sie sich mit ihrem Studium hart erarbeitet haben, auch einlösen. Ich wäre traurig, wenn diese Frauen nicht erfolgreich wären im Juristenberuf. Allerdings wäre ich auch traurig, wenn diese Frauen mehrheitlich sagen würden: Um der Karriere willen verzichte ich auf Kinder. Wir brauchen ein Gesellschaftssystem, in dem es selbstverständlich ist, dass Menschen Vater oder Mutter und Erwerbstätiger sein können.