In einem so wohlhabenden und technisch leistungsfähigen Land wie den Vereinigten Staaten gibt es nicht so etwas wie eine reine Naturkatastrophe. Jede Katastrophe ist hier immer zugleich ein soziales Ereignis, gekennzeichnet von menschlichem Willen und Einfallsreichtum - oder von Pflichtvergessenheit und Gleichgültigkeit. Bekanntlich gibt es in Demokratien keine Hungersnöte, denn egal, wie heftig Dürre oder Krankheit auch ausfallen - es sind immer nur Menschen ohne Macht und ohne Stimme, die dem Verhungern anheim fallen. Stürme mögen von Zeit zu Zeit Städte zerstören, aber wenn sie zugleich Tausende von Todesopfern fordern, dann ist daran nicht die Naturkatastrophe schuld, sondern ein politischer Missstand. Die Verantwortung dafür tragen die Städte und Staaten, die ihre Bürger im Stich gelassen haben. Was also sagt der Untergang von New Orleans über den Zustand Amerikas aus?

Die Bilder aus der Stadt scheinen Europas schlimmste Mutmaßungen über die Vereinigten Staaten zu bestätigen. In der Hoffnungslosigkeit und Verletzlichkeit, die sie enthüllen, sind sie apokalyptische Abbildungen von einem failed state, einem gescheiterten Staat, Abbildungen einer nur knapp unter dem Firnis des amerikanischen Wohlstands verborgenen Dritten Welt, eines bewaffneten und gewalttätigen Volkes, bereit zum Guerillakrieg gegen die eigenen Nachbarn. Jedoch erfasst dieser schreckliche Eindruck nicht den Kern der fundamentalen Misere, den das Desaster von New Orleans offen gelegt hat. Diese Misere besteht darin, dass die politische Kultur Amerikas bereit ist, eine tiefe und lähmende Ungleichheit hinzunehmen. Und sie besteht darin, dass heute die Vereinigten Staaten Leute regieren, die weder die Zwecke noch die Aufgaben des Staates ernst nehmen.

Die apokalyptische Interpretation der Bilder aus New Orleans und anderen Gegenden ist jedenfalls falsch. Die amerikanische Gesellschaft ist nicht krank. Sie besteht auch nicht ausschließlich aus Hausbesitzern mit Schrotflinten. Überall im Land haben Menschen den Flutopfern Betten, Klassenräume und Jobs angeboten. Žrzte und Fachleute aller Art sind als freiwillige Helfer nach New Orleans geeilt. Die Menschen spenden so großzügig, dass Hilfsorganisationen kaum mehr wissen, wie sie mit dem vielen Geld umgehen sollen. Die Amerikaner sind gut im Spenden und auch im ehrenamtlichen Engagement - besser als die Europäer, wie Statistiken belegen. Zwar verletzt und spaltet die Rassenfrage das Land noch immer, aber in Krisen wie der gegenwärtigen wird nahezu farbenblind geholfen.

Den höchsten Tribut forderte in New Orleans die soziale Ungleichheit. Auch wenn die afroamerikanische Mittelschicht in den vergangenen Jahren gewachsen ist, beträgt das durchschnittliche Vermögen schwarzer Familien noch immer nur ein Zehntel des Vermögens weißer Familien. Die Menschen in armen schwarzen Gegenden wie New Orleans besitzen wenig oder nichts. Häufig leben sie von monatlicher Fürsorge. Der Hurrikan brach am Ende des Monats herein, als bei vielen das Geld zur Neige ging oder schon aufgebraucht war. Etwa 100.000 Menschen in New Orleans besaßen keine Autos - typisch für die Armen der großen Städte. Öffentliche Verkehrsmittel sind in den meisten Teilen Amerikas und ganz besonders im Süden völlig marode. Die Anweisung, New Orleans zu evakuieren, richtete sich also an Leute, die oftmals keine Möglichkeit besaßen, ihre Stadt zu verlassen. Und wäre es ihnen dennoch geglückt, dann wären sie ohne Geld und ohne Bleibe irgendwo anders gestrandet. (Erst nachdem das Desaster in New Orleans bereits eingetreten war, erklärte sich die nur sechs Autostunden entfernte Stadt Houston bereit, Flüchtlinge aufzunehmen.)

Ihre Gesellschaft ist gerecht, meinen 90 Prozent der Amerikaner

Jene Hand voll wohlhabender Weißer, die in New Orleans zurückblieben, rekrutierte sich aus Touristen. Ganz wie die einheimischen Armen waren sie auf öffentliche Transportmittel angewiesen und mussten feststellen, dass sie nirgendwo hinfliehen konnten. So wie es das Gesetz den Armen und den Reichen gleichermaßen erlaubt, unter den Brücken von Paris zu nächtigen, so schrieb es den Armen und den Reichen von New Orleans gleichermaßen vor, die Stadt zu verlassen. Doch für viele Arme war diese Vorschrift nichts als einen grausamer - und tödlicher - Streich. Ob es um Gesundheit, die Bildung oder die Überwachung durch die Polizei geht, der Zustand der Ungleichheit beschränkt und verzerrt die Existenz der Armen. In New Orleans kostete er viele von ihnen sogar das Leben.

Warum halten Amerikaner eine solche Armut für hinnehmbar? Ironischerweise ist ein Grund dafür ihr sozialer Optimismus. Die meisten Amerikaner - ungefähr 90 Prozent, einschließlich der meisten Schwarzen - geben in Umfragen zu Protokoll, die Vereinigten Staaten seien eine gerechte Gesellschaft. Die Regeln ihres sozialen und wirtschaftlichen Lebens, sagen sie, seien fair, Anstrengungen würden belohnt, alle Menschen bekämen ihre Chance. Kein Wunder also, dass 20 Prozent aller Amerikaner erklären, sie gehörten dem reichsten Hundertstel der Gesellschaft an; kein Wunder auch, dass weitere 20 Prozent meinen, sie würden schon bald zu dieser bevorzugten Gruppe gehören. Die Kehrseite dieses Optimismus ist: Die große Mehrheit glaubt, alle Armen, Kranken oder Einsamen seien an ihrem Schicksal selbst schuld. Es ist amerikanischer Brauch, die Reichen und Mächtigen zu bewundern, von den Schwachen und Armen hingegen abgestoßen zu sein - sogar dann, wenn man selbst zu den Schwachen und Armen gehört. Das Ergebnis ist eine politische Kultur, in der alle Unterstützung für die Benachteiligten - etwa Sozialhilfe, allgemeine Krankenversicherung oder die bevorzugte Einstellung von Angehörigen ethnischer Minderheiten - als Eingriff in die natürliche Ordnung der Dinge betrachtet werden.