Die Grabungssaison in Allianoi begann mit einem Hilferuf. Dringend benötigt würden: zweihundert Kilogramm Mehl, hundertfünfzig Kilo Reis, hundert Liter Olivenöl. Außerdem Käse, Oliven, Nudeln und was man noch so braucht, um drei Dutzend Archäologen und doppelt so viele Arbeiter wochenlang zu verpflegen. Mittlerweile sind – mit einigen Wochen Verzögerung und nach mehreren Interventionen des Bürgermeisters von Bergama, Ra≠it Ürper – noch 170000 Euro an Zuschüssen eingetroffen.

Damit können die Archäologen ihr Werk vorantreiben; sie arbeiten auf Hochtouren. Viel Zeit bleibt dem Team um Grabungsleiter Ahmet Yara≠ nicht. Im November will Premierminister Recep Tayyip Erdogan an dieser antiken Stätte eine Einweihung feiern. Eröffnet wird aber nicht etwa ein Archäologiepark, auch kein Museum, sondern ein Staudamm. Umgehend begänne die Flutung. Im Februar 2006 stünde Allianoi 17 Meter unter Wasser.

Vor sieben Jahren begann Ahmet Yara≠ mit der Notgrabung. Seit damals kämpft der ehemalige Direktor des Museums in Bergama, dem Pergamon des Altertums, für die Rettung des antiken Kurorts. Die Gewissheit, dass es sich bei dem Städtchen um Allianoi handelt, verdanken die Archäologen dem Münchner Epigrafiker Helmut Müller vom Deutschen Archäologischen Institut. Er stieß auf einen Bericht des im 2. Jahrhundert lebenden Aelius Aristides, der zum Lobpreis der Macht des Asklepios von Pergamon, des Gottes der Heilkunde, "Heilige Berichte" (hieroi logoi) verfasste. In diesen erwähnte der oft kränkelnde Autor neben seinen vielen Beschwerden den Kurort Allianoi, der etwa 20 Kilometer von Pergamon entfernt sei – so weit ist es exakt von der heutigen Grabungsstätte nach Bergama. Yara≠ ist sich sicher, dass Allianoi einer von nur fünf bekannten Orten mit einem Asklepieion ist, einer dem Gott geweihten Kultstätte.

In den Turbograbungen gegen die Zeit haben die Archäologen zahlreiche Prunkstücke freigelegt: ein Nymphäum (Quellhaus), aus dessen Quelle auch heute noch 47 Grad warmes Wasser sprudelt, zwei luxuriöse Badehäuser mit intakten Schwimmbecken und Wasserspeiern, einen Asklepioskopf sowie die Statue einer Quellnymphe oder der Göttin Aphrodite. In diesem Sommer entdeckten sie mehrfarbige Mosaiken mit geometrischen Mustern.

Seine Blütezeit hatte der Ort offenbar im 2. Jahrhundert nach Christus, Spuren einer Nutzung der Quelle finden sich jedoch seit prähistorischer Zeit, etwa in Gestalt zweier Steinäxte und unzähliger Feuersteine. Anders als bei Notgrabungen üblich, versucht Yara≠, so viele Funde wie möglich vor Ort zu bewahren. "Natürlich bringen wir manche Fundstücke auch in Museen", sagt der Archäologe, "den Großteil aber behalten wir hier. Schließlich wollen wir die Stadt als Ganzes bewahren." Ob dies gelingt, steht freilich in den Sternen und beschäftigt neuerdings die Gerichte.

Im Juli reichten erst Grabungsleiter Yara≠ und danach ein Zusammenschluss aus 73 Privatpersonen und Vereinen Klagen gegen den Staudamm in seiner geplanten Form ein. Seit 2001 gilt die Grabungsstätte offiziell als "bewahrenswertes Kulturgut ersten Ranges". Nach geltendem türkischem Recht wäre die Flutung somit gar nicht gestattet. "Wenn die Stadt wirklich geflutet wird", sagt Yara≠, "dann würde eine staatliche Einrichtung, die Wasserbehörde DSI, das Gesetz brechen."

Die Kläger verlangen eine Verlegung des Damms. Keine abwegige Idee, da vor einem Vierteljahrhundert, als der künstliche See zur Bewässerung von Ackerland projektiert wurde, die Staumauer tatsächlich an anderer Stelle errichtet werden sollte. Allerdings wandten sich Großgrundbesitzer, die ihr Land gefährdet sahen, vertrauensvoll an ihren Parteifreund, den damaligen Premierminister Süleyman Demirel. Ihr Anliegen fand umgehend Gehör. Der geplante Stausee wurde verlegt.

Die Front der Befürworter und Gegner von Allianoi respektive des Stausees geht quer durch die Parteien. Der Bezirksleiter der religiös-konservativen AKP findet, unter den Wassern des Sees sei der antike Kurort bestens geschützt. Er bewies damit bemerkenswerten Zynismus. Denn sollte der Stausee nach den avisierten fünfzig Jahren Nutzung tatsächlich wieder geöffnet und das Tal trockengelegt werden, läge Allianoi unter einer meterdicken Sedimentschicht begraben. Außerdem ist nicht abzuschätzen, welchen Schaden bis dahin das Wasser anrichtet.

Bürgermeister Ürper ist in derselben Partei. Er aber setzt sich mit aller Macht für die Bewahrung des Städtchens ein – durchaus mit Blick auf steigende Übernachtungszahlen kulturinteressierter Touristen. Schließlich zählt das nahe Pergamon 600000 Besucher im Jahr – je länger diese in der Gegend blieben, umso besser für die Region.

Die leidenschaftlichsten Befürworter des Stausees finden sich in der Landwirtschaftskammer und unter den Bauern, die heftigsten Gegner unter Archäologen, Umweltschützern und in der Tourismusindustrie. Auf Betreiben von Yara≠ und dem Deutschen Archäologischen Institut hat sich Europa Nostra eingeschaltet. In einem Brief beschwor die "paneuropäische Föderation für Kulturerbe" den türkischen Außenminister, Abdullah Gül, Allianoi vor dem Untergang zu bewahren. Entgegen den Gepflogenheiten des EU-Beitrittskandidaten im Umgang mit europäischen Einrichtungen würdigte Gül den Brief keiner Antwort.

Unabhängig davon, wie der Kampf um Allianoi ausgeht, die nächste bedrohte archäologische Stätte ist bereits bekannt: die Unterstadt von Hasankeyf, einem mittelalterlichen Städtchen in Südostanatolien, in deren Umgebung Spuren einer 5000-jährigen Siedlungsgeschichte gefunden wurden. Sie könnte dem Ilisu-Damm geopfert werden, einem Teil des höchst ambitionierten Südostanatolienprojekts. In dessen Rahmen soll mit 22 Staudämmen und 19 Wasserkraftwerken die Region vorangebracht werden – angesichts der strukturellen Unterentwicklung des Gebiets ein gewichtiges Argument. Gegen die Geschichte.