Die Armut halbieren. Die Kindersterblichkeit senken. Den Hunger besiegen. Die Aids-Pandemie stoppen. Es sind wieder einmal noble Ziele, die sich die Vereinten Nationen im Rahmen ihres Millenniumsprogramms bis zum Jahre 2015 gesteckt haben. Diese Woche ziehen sie in New York Zwischenbilanz. Man ist weit hinter dem Plansoll. Man muss mehr tun, viel mehr, ganz besonders in Afrika. Mehr Schulen. Mehr Brunnen. Mehr Projekte. Mehr Geld. Da bleibt keine Zeit für Zweifel oder defätistische Fragen wie: Was haben eigentlich die rund eintausend Milliarden Dollar Entwicklungshilfe bewirkt, die seit dem Ende der Kolonialzeit nach Afrika geflossen sind? Warum ist die Armut trotzdem gewachsen? Woran ist die Modernisierung gescheitert?

Weil sich ihr die rückständigen, mediokren, abergläubischen Afrikaner systematisch verweigern, behaupten afrikanische Intellektuelle. Der Philosoph Valentin Yves Mudimbe zählt den esprit sorcier, den Hexenglauben, zu den größten Entwicklungsblockaden Afrikas. Wäre der Mann nicht Kongolese, er geriete unter Rassismusverdacht. Denn dass die Misere zwischen Dakar und Daressalam auch etwas mit den Afrikanern selbst zu tun haben könnte, mit ihrer Kultur, ihren Traditionen, ihrem Glauben, ihrer Mentalität, ist in der westlichen Dritte-Welt-Gemeinde ein geradezu unanständiger Gedanke.

Die Afrikaner haben Opfer zu sein. Mit Ausnahme von ein paar Despoten und Kleptokraten sind ausschließlich sinistere Außenmächte – die Weltbank, die globale Handelsunordnung, der Neokolonialismus – verantwortlich für sämtliche Fehlentwicklungen. Unbrauchbar wird diese Schuldformel allerdings, wenn sogar die vermeintlichen Retter als Täter wahrgenommen werden. Wenn zum Beispiel schwarze Mütter vor weißen Entwicklungshelfern warnen, die nachts in Geländewagen durch die Slums kurvten, um Kinder zu rauben und deren Organe an kranke Reiche zu verkaufen. Dann ahnen selbst die Helfer einen Grund für die Vergeblichkeit ihrer Arbeit, den zu denken sie sich freilich verbieten: die Macht des Okkultismus.

Selbst Staatspräsidenten befragen Orakel und glauben an dunkle Mächte

Accra, Ghana. Unser Taxi fährt am Markt von Makola vorbei, als fünf junge Kerle einen Mann blutig prügeln. Ein Mundräuber? Ein Taschendieb? Die Marktfrau, bei der ich mich vorsichtig erkundige, reagiert so abweisend, als stehe der Leibhaftige vor ihr. Wer fragt, macht sich verdächtig. Hier, irgendwo zwischen den Holzbuden, entstand das Gerücht. Es fraß sich die Westküste Ghanas entlang, schnell und gierig wie ein Buschfeuer, es begegnete mir wieder in Togo, in Benin, an der Elfenbeinküste: Heimtückische Hexer sind unter uns! Sie lassen Penisse schrumpfen und Brüste, sie stehlen die Zeugungskraft, und nicht einmal die Fruchtbarkeitspüppchen können ihren Fluch abwehren.

Die Angst, sagt der nigerianische Literat Chinua Achebe, sei das große Problem seines Erdteils. Krieg, Gewalt und Elend vergällen das Leben zahlloser Afrikaner, Millionen hungern, Millionen sind auf der Flucht, Millionen sterben an Aids oder Malaria. Staatsattrappen wie der Kongo, Somalia oder Liberia zerfallen, vielerorts herrschen Chaosmächte und das darwinistische Recht des Stärkeren. Es kommt den Afrikanern manchmal vor, als hätten sich alle Teufel gegen sie verschworen. Sie müssen um ihr Leben fürchten, wenn sie einen schrottreifen Kleinbus besteigen, sich ein unbekanntes Virus einfangen oder den Weg eines mit Drogen voll gepumpten Kindersoldaten kreuzen. Der Alltag des Schreckens nährt ihre Hoffnungslosigkeit, viele fallen in Agonie, verzweifeln, werden anfällig für spirituelle Heilsversprechen. Gleichzeitig sehen sie das Luxusleben und die Prahlsucht der korrupten Eliten, und auch der sagenhafte Wohlstand des Nordens bleibt dem hintersten Urwalddorf nicht mehr verborgen – auch dort flimmert ein Fernsehkasten.

Jeden Tag fragen sich Millionen von Afrikanern: Wie können die Weißen Raketen ins All schießen und Computer bauen? Warum sind sie so reich und wir so arm? Und jeden Tag antworten sich Millionen: weil sie mit übernatürlichen Mächten im Bunde sind und die besseren Hexen haben. Die mentale Triebkraft der Modernisierung, die protestantische Ethik, also jenes fromme Schaffen und Raffen, das laut Max Weber den Kapitalismus in Europa befeuerte, hat sich in Afrika noch nicht entfaltet. Das pauperisierte Volk glaubt, dass sich der Wohlstand irgendwie herbeizaubern lasse – und handelt danach. Die Anthropologen Jean und John Comaroff haben dafür den Begriff "okkulte Ökonomie" geprägt: Er umschreibt die Anwendung magischer Mittel zur Erzeugung materieller Reichtümer, Mittel, die rational nicht erklärbar sind und oft auf der Vernichtung anderer Menschen beruhen.

Die Zahl der mutmaßlichen penis shrinkers, die der Mob in Ghana totgeschlagen hat, ist unbekannt. Man weiß auch nicht, wie viele Frauen, die in Südafrika als witches verfolgt wurden, in so genannte Schutzdörfer geflohen sind. Das kontinentale Ausmaß lässt sich nur ahnen, wenn man sich eine Statistik aus Tansania vor Augen hält. Dort sind nach Schätzungen des Familienministeriums allein zwischen 1994 und 1998 über 5000 "Hexen" umgebracht worden.

Der Hexenglaube ist in allen afrikanischen Völkern, Kulturen, Schichten, Milieus verbreitet. Er begegnet uns in den Geheimbünden und Maskentänzen auf den Dörfern oder in den Satanskulten der Großstädte. Oder beim Fußball, wenn ein Sangoma das Tor des Gegners verwünscht. Oder in der hohen Politik bis hinauf zu den Präsidenten. Dodoklounon Tozé, ein féticheur aus Benin, erzählte mir, er werde gelegentlich vom gabunischen Staatschef Omar Bongo gerufen, um vor einer wichtigen Entscheidung Fâ, das Orakel, zu befragen. Magische Mächte und Geister, juju, shetani, tokoloshi, djinnés, treiben allerwegen ihr Unwesen, Neidpfeile und böse Blicke schwirren durch den Äther, aus der Erde steigen todbringende Miasmen. Hexen und Zauberer lenken rächend oder schützend das Schicksal der Sterblichen. Man fällt bei einer Prüfung durch. Die fetteste Ziege stirbt. Die Feldfrüchte verdorren. Aus der Haut quellen Eiterpusteln. Ein Geschäft läuft schief. Das Auto überschlägt sich. Ein Kind stirbt. Das Erzböse, Unheilvolle ist allgegenwärtig, es lässt sich nur bannen, wenn man seine Medien, die Hexen, ausrottet.

Zuerst werden Außenseiter denunziert, Käuze und Krüppel, Eigenbrötler, Einzelgänger. Oder Fremde, Wanderarbeiter, fliegende Händler. Es können auch besonders hübsche, erfolgreiche, kluge Menschen sein, die das Mittelmaß überragen. Oft sind die Anschuldigungen willkürlich, von Neid und Missgunst getrieben – eine mörderische Methode, um Konkurrenten und Nebenbuhler loszuwerden. Auch wer das Gleichheitsgebot der Armut verletzt, wer etwas besitzt, ein Auto, Nike-Turnschuhe oder einen Ghettoblaster, und nicht teilt, wird verteufelt. Man unterstellt ihm, er habe die Dinge mit Hilfe diabolischer Mächte erworben. Niemand käme auf die Idee, dass sie sich seiner Leistung oder Sparsamkeit verdanken könnten.

So wird der Hexenglaube zu einem Instrument der sozialen Kontrolle, ja, des Terrors, das die Macht- und Besitzverhältnisse zementiert, gesellschaftlichen Aufstieg verhindert, die Tüchtigen bestraft, die Menschen mental lähmt, die Entwicklung zum modernen homo oeconomicus blockiert. Er sei ein fait social total, der sämtliche Sphären der Gesellschaft durchdringe, befindet der Schweizer Ethnologe und Journalist David Signer. In seiner faszinierenden Feldstudie Die Ökonomie der Hexerei. Oder warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt (Peter Hammer Verlag, Wuppertal) geht er noch weiter als die Comaroffs, und am Ende scheint es, als gäbe es nur eine Erklärung für das Dilemma Afrikas: die Hexerei. Stellenweise klingt das so monokausal wie jene Verschwörungstheorie, die alle Schuld finsteren Außenmächten zuschreibt. Dennoch: Signers provokante Thesen beleben die Debatte über das zerstörerische Potenzial des Okkultismus, die in der postkolonialen Solidaritätsära auf dem Altar der Political Correctness geopfert wurde.

Das Hexenwesen ist Kennzeichen vorwissen-schaftlicher Gesellschaften, ein Referenzsystem, in dem unerklärliche Phänomene gedeutet werden können. Sozialpsychologen reden von einem Krisensymptom, das verstärkt in Epochen des Umbruchs auftrete; das traditionelle Afrika gerate durch die Folgen des Modernisierungsschocks – Landflucht, Entwurzelung, Existenzangst – aus allen Fugen. Wie weiland Europa, als die Scheiterhaufen brannten und das Mittelalter noch einmal aufloderte, ehe es in der Renaissance überwunden wurde. In Anlehnung an die Dialektik der Aufklärung ließe sich postulieren: Der Okkultismus ist ein Fluch, der in Afrika die gescheiterte Moderne überschattet.

Der belgische Kulturforscher Filip de Boeck hat den Hexendiskurs im Kongo untersucht. Dort grassiert eine krankhafte Furcht vor hübschen kleinen Mädchen. Sie werden kamoke sukali genannt, Zuckerpüppchen, und verwandeln sich angeblich in Femmes fatales, um ihre Väter zu verführen und ihnen die Hoden abzureißen. Man erzählt sich auch, dass verwunschene Frauen kleine Hexen in Gestalt von Zitteraalen gebären oder dass Monsterföten aus ihrem Schoß kriechen. Häufig werden Aids-Waisen, Streetkids oder Kindersoldaten der Schwarzen Magie bezichtigt. In Kinshasa verfolgt der Mob die "Kinder von Lunda" als Hexen; sie haben es beim Diamantensuchen im Kriegsland Angola zu Geld gebracht und erwecken die Missgunst ihrer verarmten, arbeitslosen Väter. Der Erfolg der Jungen gefährdet die gerontokratische Ordnung, die Älteren sehen ihre Autorität erodieren. Deshalb machen sie die Heimkehrer verantwortlich für Armut, Siechtum und alles unbegreifliche Unglück. Und gerade jene Bewegungen, die voller Bekehrungswut gegen diese Phänomene ankämpfen, die christlich-fundamentalistischen Freikirchen und Sekten, verstärken durch endzeitliches Geschrei die Angst vor Teufeln und Hexen.

Es fehlt an rationalen Gegenkräften, an Aufklärung, an verlässlicher Information. Die Zeitungen – Millionen von Analphabeten können sie ohnehin nicht lesen – enthalten zumeist nur Schund und Regierungspropaganda. Die wichtigste Nachrichtenquelle heißt radio trottoir, ein Gemisch aus Tratsch und Hörensagen, Gerüchten und Legenden. Hinzu kommen bluttriefende Comics, Wandbilder, Werbeschilder, Kultsongs, vor allem aber eine Unzahl von Horrorfilmen. Der mit Abstand größte Produzent ist Nigeria, dort kann man studieren, wie das Video zum unerschöpflichen Nährgrund einer geradezu pandemischen Furcht wurde.

"Ich habe alles gesehen", behauptet Moses, unser Cicerone im Labyrinth von Lagos. "Oberschenkel, Gehirn, Schädel. Auch den Rost, auf dem er das Menschenfleisch gegrillt hat. Dort unten war’s." Wir starren von einer Brücke am Isolo Expressway auf die Stelle, an der Clifford Orji sein Unwesen trieb, der Mann, der gestanden hat, Menschen zu fressen. "Er war hauptsächlich an Frauen interessiert", sagt Moses. Die Festnahme Orjis im Februar 1999 löst eine Massenhysterie aus. In Lagos kursieren Kalenderblätter mit dem Titel Human Suya, Menschenfleischspieß, auf denen die Gräueltaten wie in einer Moritatensammlung illustriert werden. Das Volk ist überzeugt, dass die "Bestie" im Auftrag von Hexen geschlachtet hat, die für ihre Rituale Menschenmaterial brauchen – das Einverleiben von Körperteilen gilt als wirksamstes Mittel.

Clifford Orji war laut Polizeibericht ein echter Kannibale. Meistens aber handelt es sich um pure Volksfantasie, wenn irgendwo in Afrika von Anthropophagie geraunt wird. In allen Regionen des Kontinents hörte ich immer wieder von Ritualmorden, vom Handel mit Embryos, von Sklavenhändlern und Organräubern, die den Körper von gesunden Menschen als Ersatzteillager ausschlachten. Das können in der kollektiven Zwangsvorstellung Landsleute sein, geldgierige Ärzte, die ihre Patienten verstümmeln, oder sogar skrupellose Mütter, die ihren Töchtern die Gebärmutter herausreißen. Es können aber auch weiße Aids-Forscher im berüchtigten Mitsubishi Pajero sein. Oder die namenlosen Dämonen der Globalisierung, jenes Ungeheuers, das aus der Sicht vieler Afrikaner ihren Kontinent verschlingt. Der "neoliberal entfesselte Kapitalismus" habe in Afrika eine Flut okkulter Praktiken ausgelöst, stellt der Kulturanthropologe Peter Probst fest. Die Obsession, der ewige Kolonialist sei auferstanden, um die Schwarzen endgültig zu ruinieren, verfestigt ihre Opfermentalität.

Das Wappentier der als kannibalistisch empfundenen Beziehung zwischen dem übermächtigen Norden und dem schutzlosen Süden ist der Geier. Er hockt auf den Hüttendächern und wühlt in den Müllbergen, und nachts kommt er und hackt den Menschen die Eingeweide heraus. Es ist kein Zufall, dass in Port Harcourt ein vulture man umgeht. Diese vollkommen verwahrloste Stadt gehört zu den zehn gefährlichsten Orten der Welt; sie liegt im Niger-Delta, wo seit Jahrzehnten die Ölreichtümer Nigerias ausgebeutet werden, während die Bevölkerung so arm ist wie eh und je. Der Geiermann – eine Allegorie des neokolonialen Raubkapitalismus.

Ein irrationales Paralleluniversum, in dem es Zombies regnet

Die Dämonen und Hexen werden nicht nur als wirkmächtige, sondern als real existierende Wesen wahrgenommen. Sie bevölkern einen Imaginationsraum, den man sich vorzustellen hat wie eine zweite Realität, in der Fakten und Fiktionen, Mythos und Wahrheit, Sein und Schein verschwimmen, so wie im Ahnenglauben der Afrikaner Leben und Tod ineinander fließen. Diese "zweite Welt" sei zur ersten geworden, stellt Filip de Boeck fest. Es ist ein irrationales Paralleluniversum, in dem Aids von Hexen verbreitet und durch den Verkehr mit Jungfrauen kuriert wird, in dem es Zombies regnet und die Strichcodes auf importierten Waren als Beweis der Weltherrschaft des Westens gedeutet werden. Bilder wie Mystique Congolaise von Cheri Cherin spiegeln dieses Panoptikum afrikanischer Albträume. Es war zu sehen in der Ausstellung Africa Screams, die der Bayreuther Kulturanthropologe Tobias Wendl koordiniert hat. Der Katalog (ebenfalls im Hammer Verlag erschienen) enthält exzellente ethnologische Studien, die jeder Entwicklungsexperte lesen sollte. Vielleicht wäre das der Auftakt zu einer radikalen Diskussion darüber, warum die gut gemeinten Theorien und Projekte so oft an der Wirklichkeit zerschellen, an jener "zweiten Welt", die die Helfer nicht wahrnehmen wollen.

Gelegentlich bin ich an den Rand dieser Welt gelangt, in Porto Novo, Benin, zum Beispiel, bei einer Initiation von Voodoo-Priesterinnen, die in manischer Trance Fleischfetzen aus den Hälsen lebender Opferziegen bissen. Oder in Freetown, Sierra Leone, bei der Begegnung mit archaischen Kamajor-Kriegern, die sich mit heiligem Wasser besprenkeln und glauben, die Kugeln des Feindes würden wie Regentropfen an ihnen abperlen. Oder in Bamenda, Kamerun, beim rätselhaften Ritual des Medizinmannes Bâ Tadoh Fomantum. Auf dem Lehmplatz vor seiner Hütte saß eine alte, verwirrte Frau, gefesselt zwischen zwei Speeren, in einem Kreis von Holzscheiten. "Sie wurde verhext", sagte Fomantum. Dann murmelte er esoterische Formeln, goss Spiritus über die Scheite und zündete sie an. Gelähmt vor Angst, starrte die Frau in die Lohe, zitterte, stammelte Gebete. Irgendwann erlosch das Feuer, und die Frau sah plötzlich entspannt und gleichmütig aus. "Die Hexen sind besiegt, sie ist zurückgekehrt", meinte der Wunderheiler.

Als ich auf der Rückfahrt in die Stadt Bamenda die Buschpiste verließ, wirkte die Straße sonderbar fremd, ein Teerband, geradlinig, glatt, rational, eine Scheidelinie, die uns und all unsere schönen Modernisierungstheorien und Millenniumsvisionen von der magischen Welt des Bâ Tadoh Fomantum trennt.