Arbeit Leben mit der Arbeitslosigkeit
Alle Parteien versprechen neue Jobs. Doch Millionen Menschen werden noch lange leer ausgehen. Was soll mit ihnen geschehen?
Sonia hat als Einzige noch einen Job, einen Traumjob sogar: Sie ist Fernsehmoderatorin. Für sie läuft es deutlich besser als für ihren Freund, den arbeitslosen Erdkundelehrer Lukas. Besser als für den arbeitslosen Dozenten Anton und seine Frau, die brotlose Malerin Paula, besser als für den Musiker Jaro, der die auftragslose Designerin Jule liebt. Alle sechs sind intelligent, haben Ideen und Energie. Und doch lässt der Dramatiker Moritz Rinke die drei Paare in seinem neuen Stück scheitern – in der Liebe und, mit Ausnahme Sonias, auf dem Arbeitsmarkt.
Ein Jahr nach den bundesweiten Protesten gegen die Hartz-Reformen haben sich die Vorstellungen von der Arbeitslosigkeit verändert: Die Angst vor dem Abstieg reicht bis weit in die Mitte, und so wenige Menschen wie noch nie in der Bundesrepublik glauben, dass sich daran etwas ändern lässt. Bei einer Umfrage von forsa erklärten 59 Prozent, die Politik könne an der hohen Arbeitslosigkeit nichts ändern. In Ostdeutschland zweifelten sogar zwei von drei Befragten an der Gestaltungskraft der Politik. Selbst von den Unionswählern erwartet nur jeder zweite, dass ein Regierungswechsel mehr Jobs bringt.
Bücher, die das Arrangement mit der Krise feiern, verkaufen sich blendend: Corinne Maiers Bestseller Die Entdeckung der Faulheit etwa oder Alexander von Schönburgs Kunst des stilvollen Verarmens – Gebrauchsanweisungen für den sozialen Abstieg trendbewusster Großstädter. »Als Verarmender gehört man einer Avantgarde an«, wirbt Schönburg, »schließlich werden wir alle, wirklich alle, bald und nicht in irgendeiner fernen Zukunft deutlich ärmer sein als jetzt.«
Thesen vom »Ende der Arbeitsgesellschaft«, die Ende der achtziger Jahre debattiert wurden, haben plötzlich wieder Konjunktur, ob sie nun vorgetragen werden vom Münchner Soziologen Ulrich Beck oder vom Berliner Publizisten Wolfgang Engler (Bürger, ohne Arbeit). Und Moritz Rinkes Café Umberto wird von Ende September an gleich an drei Bühnen gespielt.
Rinkes Protagonisten ringen mit der Frage, wie ein Leben ohne Geld, Sicherheit, Prestige und Sinnstiftung durch klassische Erwerbsarbeit gelingen kann. »Die politischen Parteien fallen bei dieser Debatte praktisch aus«, klagt Rinke. »Sie propagieren Arbeit als Quelle für Selbstachtung und Lebensqualität, obwohl es auf absehbare Zeit nicht genug Jobs für alle geben wird und sich damit zwangsläufig immer mehr Menschen ausgeschlossen fühlen.«
Im Wahlkampf findet man wenige Gründe, um Rinke zu widersprechen. Das Leben mit der Arbeitslosigkeit – für den Einzelnen und als gesellschaftliche Herausforderung – wird von den großen Parteien tabuisiert.
Arbeit, Arbeit, Arbeit – das steht tatsächlich an erster Stelle in den Wahlprogrammen aller Parteien. Regierung wie Opposition versprechen Jobs, obwohl beide Lager mit ähnlichen Ankündigungen schon kläglich gescheitert sind. Ob Schwarz-Gelb in den neunziger Jahren regierte oder Rot-Grün von 1998 bis heute – die Arbeitslosigkeit stieg. Vorrang für Beschäftigung lautet der Titel des CDU-Wahlprogramms, und Angela Merkel wirbt gar dafür, dass »alle Deutschen zu Gewinnern der Globalisierung werden«. SPD-Arbeitsminister Wolfgang Clement verkündet, Vollbeschäftigung sei »innerhalb von zehn Jahren zu erreichen«.
Wer pessimistischer ist, wird abgestraft. Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, bekam das zu spüren, als er vor einigen Monaten einen Allgemeinplatz aussprach: dass die Politik in Ostdeutschland älteren Langzeitarbeitslosen nichts anbieten kann. Jeder weiß, dass sich dies kurzfristig nicht ändern wird. Selbst dann nicht, wenn die nächste Regierung alles richtig macht und die Konjunktur anzieht.
- Datum 15.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.09.2005 Nr.38
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Was haben arbeitsplatsschaffende Dinge,wie Autos,Buegeleisen,Masseure und Haarschneider gemeinsam?
Sie erfuellen Beduerfnisse.Ob kuenstlich geschaffen oder
wirklich notwendig ist egal.
1.Wenn die Zahl der Beduerfnisse nicht stark wächst,oder
2.fuer Beduerfnissproduktproduktion aufgrund hoher Effektivität(Automation) nicht mehr die Anzahl
Menschen benötigt wird,dann fehlt Arbeit.
Im End-effekt passiert heute das gleiche mit der Industrie-
und Buerogessellschaft,wie 18.hundertschippenstiel mit der
Landwirtschaft,als der Kunstduenger und Maschinen vermehrt eingesetzt wurden.
Die Frage ist:Wie können neue Beduerfisse geschaffen werden,
in einer Gessellschaft die doch eigentlich alles hat,nur
bald keine Arbeit mehr.Vielleicht muss man diesen Umbruch
erst geschehen lassen um in einer neuen Gesellschaftform
neue Beduerffnisse zu entdecken
mfg aus Schweden
Im Osten wie im Westen hat sich ( durch Politik maßgeblich getragen) das Wort "alt" für alle Menschen eingebürgert, die die 40 überschritten haben ( von Angestellten der Arbeitsagentur wird man mit nahe oder über 50 schon fast als tot gehandelt). Was da weggeworfen wird ist Lebenserfahrung, unschätzbare Kenntnisse und Fähigkeiten im Zusammenspiel von Menschen ( in und außerhalb des Arbeitslebens). Da wird die demografische Entwicklung beklagt und gleichzeitig suggeriert : Ihr alten seit ohne Bedeutung. Letzeres ist Ergebnis einer gewollten "für die Jungen Platz machen" Ideologie der letzten 20 Jahre. Bisher galt eben - wer die Jugen hat, hat auch die Macht. Nur gibt es mittlerweile immer weniger Jugend. Das Problem ist also ein gesamtgesellschaftliches ( wie das mit dem fehlenden Nachwuchs - genannt Kinder). Ja - es gibt für die "Alten" kaum noch Arbeit im Osten ( aber die gibts generell dort weniger. Ja ich sage meinen Jungs ( 18-26 Jahre) weg aus Brandenburg , wenn Ihr eine Zukunft haben wollt. Es ist an Grundeinstellungen zu viel den Bach heruntergegangen - und wird es weiter tun. Es geht uns noch viel zu gut - als das verantwortliche in Wirtschaft und Politik ( in den Führungsetagen schein das mit dem "alt" nicht zu stimmen - warum wohl ???) das begreifen würden. Also - Es lebe Bernd das Brot - der Film flimmert nicht umsonst jeden Abend bei Kika über den Schirm. Er passt auch für Erwachsene !!!
Schon Anfang der 70iger Jahre gab es im Fernsehn Diskussionen mit damals bekannten Zukunftforschern (leider sind mir die Namen entfallen) mit der deutlichen Erkenntnis, dass allein die Zunehmende Automatisierung (von Globalisierung war noch nicht die Rede) so viele Arbeitplätze kosten wird, das die Gesellschaft sich teilen wird. Denen, denen dabei keine konventionelle Erwerbsarbeit mehr angeboten werden kann, trotzdem noch ein menschenwürdiges Leben anbieten zu können (und damit auch jedes individuelle Potential für die Zukunftsentwicklung der Gesellschaft zu erhalten), das war die klare Herausforduerung an die Politik ! Auch heute gibt es Menschen (selbst in Deutschland), die Antworten auf diese Entwicklung haben und die Beispiele in Ihrem Artikel zeigen, in welche Richtung entwickelt werden sollte ... Leider schielen Verantwortliche selbst heute noch ausschliesslich nach Amerika, anstatt sich endlich wieder von Kant inspirieren zu lassen ... Schon blosses "Zuhören" bzw. "Ernstnehmen" würde diese Entwicklung beschleunigen!
Ingo Lange
Diese Frage spiegelt einerseits die Anmassung der Öffentlichkeit und andrerseits die Passivität der Betroffenen wieder. Man sollte (Erwerbs-)Arbeitslosigkeit als Start eines neuen Lebensabschnittes sehen. Schiesslich werden heutige Schulabsolventen in ihre Arbeitsleben im Schnitt drei Berufe ausüben.
Sehr geehrte Frau Niejahr,sehr geehrter Herr Rudzio,
Sie treffen den richtigen Ton und auch das richtige Thema.
Viele die ähnlich empfinden und erleben werden es Ihnen danken. Aber die genannten Buchtitel verkleistern und verdecken mehr, als das sie weiterführen. Man kann aus wachsender Armut, Ziellosigkeit, "Freisetzung" des Individuums zur Bedeutungslosigkeit und Austauschbarkeit, der vermeintlichen Wiederbelebung der Selbstständigkeit, so wie es unsere gesellschaftliche Organisation derzeit mehrheitlich will, keine bessere, gerechtere, sinnvollere und letztlich überlebensfähigere Menschenwelt bauen.
Daher bleiben diese Bücher aus dem "public interest" so seltsam inhaltsleer und verdammen Armut ein zweites und drittes Mal als skurriles, wenigstens schön herzurichtendes
und anzusehendes Phänomen.
Marx,Engels,Bahro,Lafargue,Bourdieu oder der Stadtplaner und Soziologe Davis, haben dazu mehr gesagt und es auch noch "eleganter" ausgedrückt.
Ich finde diesen Artikel gut.
Ausgrenzung kann gar nicht oft und intensiv genug angeprangert werden, und die Unwilligkeit der Volksparteien, gegen die Ausgrenzung anzugehen, auch nicht.
Arbeitslose werden nicht deshalb diskriminiert und ausgegrenzt, weil sie leistungsschwächer, fauler, gestörter oder was weiß ich auch immer wären, sondern weil diejenigen, die Arbeit haben oder verteilen, Angst haben vor qualifizierter Konkurrenz.
Es ist halt bequemer, mit Psychoterror und Verleumdung anderen die Chancen zu rauben, als sich mittels Leistung durchzusetzen,
Wer ausgrenzt oder Ausgrenzung verteidigt, z. B. durch Verunglimpfung Arbeitsloser, setzt sich dem Verdacht aus, einer fairen Wettbewerbssituation nicht gewachsen zu sein.
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