Arbeit Leben mit der ArbeitslosigkeitSeite 4/4

Die Politik der Volksparteien läuft dem oft zuwider. Zwar wird der Abschied vom Normalarbeitsverhältnis, von der Arbeitswelt des Industriezeitalters gern beschworen, doch richten gerade die großen Parteien ihre Politik meistens genau darauf aus.

Ein Beispiel: Die Union will Eltern mit einem Bonus von 50 Euro pro Kind in der Rentenversicherung unterstützen. Das klingt gut, bedeutet aber: Kinderförderung bekommt nur, wer in einem klassischen Arbeiter- oder Angestelltenverhältnis steht oder für den Staat arbeitet, wer also Beitragszahler in der gesetzlichen Rentenversicherung oder Beamter ist. Die alleinerziehende Studentin, der um die Existenz ringende freiberufliche Architekt, der schlecht bezahlte Fotograf, der Mini-Jobber im Supermarkt – sie alle gehen leer aus. Die SPD ist nicht besser: Die von Rot-Grün eingeführte Riester-Rente bekommen nur die Beitragszahler, als brauchte nicht gerade die wachsende Zahl von neuen Selbstständigen eine gute Altersversorgung. Die Volksparteien machen Sozialpolitik, als lebte man in der Arbeitsgesellschaft der Sechziger. Doch Ende 2004 hatten nur noch 26,5 Millionen Deutsche einen regulären sozialversicherten Job.

Solange Unterbrechungen im Lebenslauf als Makel gelten und Arbeitslose als leistungsschwach oder faul angesehen werden, ändert sich an ihrer Ausgrenzung wohl wenig. Und solange die Wahlkämpfer Arbeit für alle in Aussicht stellen, wird Arbeitslosigkeit als individuelles Versagen empfunden.

Zumindest etwas vorsichtiger sind die Spitzenkandidaten geworden. Helmut Kohl kündigte einst an, die Arbeitslosigkeit zu halbieren. Gerhard Schröder versprach im Wahlkampf 2002 gemeinsam mit der Hartz-Kommission zwei Millionen Arbeitslose weniger. Die CDU-Kanzlerkandidatin wurde kürzlich daran erinnert, als sie vor der Presse ihr Wahlprogramm präsentierte. »Frau Merkel, haben Sie den Mut, eine konkrete Zahl für den Abbau der Arbeitslosigkeit zu nennen?«, wollte ein Journalist wissen. »Ich habe den Mut, keine Zahl zu nennen«, sagte sie. Ein Anfang, immerhin.

 
Leser-Kommentare
  1. Was haben arbeitsplatsschaffende Dinge,wie Autos,Buegeleisen,Masseure und Haarschneider gemeinsam?
    Sie erfuellen Beduerfnisse.Ob kuenstlich geschaffen oder
    wirklich notwendig ist egal.
    1.Wenn die Zahl der Beduerfnisse nicht stark wächst,oder
    2.fuer Beduerfnissproduktproduktion aufgrund hoher Effektivität(Automation) nicht mehr die Anzahl
    Menschen benötigt wird,dann fehlt Arbeit.
    Im End-effekt passiert heute das gleiche mit der Industrie-
    und Buerogessellschaft,wie 18.hundertschippenstiel mit der
    Landwirtschaft,als der Kunstduenger und Maschinen vermehrt eingesetzt wurden.
    Die Frage ist:Wie können neue Beduerfisse geschaffen werden,
    in einer Gessellschaft die doch eigentlich alles hat,nur
    bald keine Arbeit mehr.Vielleicht muss man diesen Umbruch
    erst geschehen lassen um in einer neuen Gesellschaftform
    neue Beduerffnisse zu entdecken
    mfg aus Schweden

  2. Im Osten wie im Westen hat sich ( durch Politik maßgeblich getragen) das Wort "alt" für alle Menschen eingebürgert, die die 40 überschritten haben ( von Angestellten der Arbeitsagentur wird man mit nahe oder über 50 schon fast als tot gehandelt). Was da weggeworfen wird ist Lebenserfahrung, unschätzbare Kenntnisse und Fähigkeiten im Zusammenspiel von Menschen ( in und außerhalb des Arbeitslebens). Da wird die demografische Entwicklung beklagt und gleichzeitig suggeriert : Ihr alten seit ohne Bedeutung. Letzeres ist Ergebnis einer gewollten "für die Jungen Platz machen" Ideologie der letzten 20 Jahre. Bisher galt eben - wer die Jugen hat, hat auch die Macht. Nur gibt es mittlerweile immer weniger Jugend. Das Problem ist also ein gesamtgesellschaftliches ( wie das mit dem fehlenden Nachwuchs - genannt Kinder). Ja - es gibt für die "Alten" kaum noch Arbeit im Osten ( aber die gibts generell dort weniger. Ja ich sage meinen Jungs ( 18-26 Jahre) weg aus Brandenburg , wenn Ihr eine Zukunft haben wollt. Es ist an Grundeinstellungen zu viel den Bach heruntergegangen - und wird es weiter tun. Es geht uns noch viel zu gut - als das verantwortliche in Wirtschaft und Politik ( in den Führungsetagen schein das mit dem "alt" nicht zu stimmen - warum wohl ???) das begreifen würden. Also - Es lebe Bernd das Brot - der Film flimmert nicht umsonst jeden Abend bei Kika über den Schirm. Er passt auch für Erwachsene !!!

  3. Schon Anfang der 70iger Jahre gab es im Fernsehn Diskussionen mit damals bekannten Zukunftforschern (leider sind mir die Namen entfallen) mit der deutlichen Erkenntnis, dass allein die Zunehmende Automatisierung (von Globalisierung war noch nicht die Rede) so viele Arbeitplätze kosten wird, das die Gesellschaft sich teilen wird. Denen, denen dabei keine konventionelle Erwerbsarbeit mehr angeboten werden kann, trotzdem noch ein menschenwürdiges Leben anbieten zu können (und damit auch jedes individuelle Potential für die Zukunftsentwicklung der Gesellschaft zu erhalten), das war die klare Herausforduerung an die Politik ! Auch heute gibt es Menschen (selbst in Deutschland), die Antworten auf diese Entwicklung haben und die Beispiele in Ihrem Artikel zeigen, in welche Richtung entwickelt werden sollte ... Leider schielen Verantwortliche selbst heute noch ausschliesslich nach Amerika, anstatt sich endlich wieder von Kant inspirieren zu lassen ... Schon blosses "Zuhören" bzw. "Ernstnehmen" würde diese Entwicklung beschleunigen!

    Ingo Lange

  4. Diese Frage spiegelt einerseits die Anmassung der Öffentlichkeit und andrerseits die Passivität der Betroffenen wieder. Man sollte (Erwerbs-)Arbeitslosigkeit als Start eines neuen Lebensabschnittes sehen. Schiesslich werden heutige Schulabsolventen in ihre Arbeitsleben im Schnitt drei Berufe ausüben.

    • Colon
    • 17.09.2005 um 18:00 Uhr

    Sehr geehrte Frau Niejahr,sehr geehrter Herr Rudzio,
    Sie treffen den richtigen Ton und auch das richtige Thema.
    Viele die ähnlich empfinden und erleben werden es Ihnen danken. Aber die genannten Buchtitel verkleistern und verdecken mehr, als das sie weiterführen. Man kann aus wachsender Armut, Ziellosigkeit, "Freisetzung" des Individuums zur Bedeutungslosigkeit und Austauschbarkeit, der vermeintlichen Wiederbelebung der Selbstständigkeit, so wie es unsere gesellschaftliche Organisation derzeit mehrheitlich will, keine bessere, gerechtere, sinnvollere und letztlich überlebensfähigere Menschenwelt bauen.
    Daher bleiben diese Bücher aus dem "public interest" so seltsam inhaltsleer und verdammen Armut ein zweites und drittes Mal als skurriles, wenigstens schön herzurichtendes
    und anzusehendes Phänomen.
    Marx,Engels,Bahro,Lafargue,Bourdieu oder der Stadtplaner und Soziologe Davis, haben dazu mehr gesagt und es auch noch "eleganter" ausgedrückt.

  5. Ich finde diesen Artikel gut.

    Ausgrenzung kann gar nicht oft und intensiv genug angeprangert werden, und die Unwilligkeit der Volksparteien, gegen die Ausgrenzung anzugehen, auch nicht.

    Arbeitslose werden nicht deshalb diskriminiert und ausgegrenzt, weil sie leistungsschwächer, fauler, gestörter oder was weiß ich auch immer wären, sondern weil diejenigen, die Arbeit haben oder verteilen, Angst haben vor qualifizierter Konkurrenz.

    Es ist halt bequemer, mit Psychoterror und Verleumdung anderen die Chancen zu rauben, als sich mittels Leistung durchzusetzen,

    Wer ausgrenzt oder Ausgrenzung verteidigt, z. B. durch Verunglimpfung Arbeitsloser, setzt sich dem Verdacht aus, einer fairen Wettbewerbssituation nicht gewachsen zu sein.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service