Im späten August, wenn das Meer schon wieder feuchter ausatmet als im Hochsommer und das berühmte Azorenhoch zu schwächeln beginnt, trägt der Pico gern einen Schal aus weißer Wolkenwolle, vom Westwind locker um den schwarzbraunen Hals drapiert. Ein Schmucktuch, das sich häufig schon gegen Mittag zu einem lang fallenden Mantel aufbauscht.

Zu behaupten, Pico, die zweitgrößte Azoreninsel, besitze einen gleichnamigen Vulkan, wäre irgendwie untertrieben. Richtiger: Der 2351 Meter hohe Kegel umgibt sich beiläufig mit etwas Insel, gönnt sich ein immergrünes Beinkleid und seinen 15000 Piconesen etwas Hinterland. Für Gärten, Wein und atlantische Almen.

Eine Besteigung – bei guter Kondition zwei Stunden ab Fahrstraße, so steht es in den Führern – wäre an wolkigen Tagen vergebliche Müh’: keine Aussicht auf Aussicht. Aber durchaus auf Erkältung. Wenn schon kein Aufstieg, dann aber wenigstens ein Abstieg vom höchsten Punkt der Fahrstraße, bei 1200 Metern. Von der Pico-Westflanke aus meerwärts in Fließrichtung der Lava, die hier zuletzt 1720 sengend zu Tal drängte. Von ursprünglicher Schlichtheit – am Anfang war das Feuer – zur Üppigkeit der Tieflagen.

Die Erica azorica formt sich zu pomponartigen Heidekrauttuffs

"Echt azorisch ist es nur noch oben", sagt Pflanzenkenner Karl Beck aus Augsburg, seit Mitte der Achtziger an jedem Urlaubstag Hobbygärtner in Santa Luzia an der Nordflanke des Pico. "Zumindest wenn man es botanisch betrachten will." In den Hochlagen ab 500 Meter kämmt sich die bis zu drei, vier Meter hohe Baumheide, die gern auf vulkanischen Lavaflüssen wurzelt, die nötige Feuchtigkeit aus den Wolken. Was in der Lüneburger Heide gerade mal wadenhoch wächst, formt sich hier zu pomponartigen Heidekrauttuffs, an dürren Ästen wie von sehnigen Altmännerarmen hochgereckt. Diese Erikagewächse sind Überbleibsel längst gerodeter Wälder, deren Holz zur levantinischen Küste verschifft wurde, als portugiesische Galeone unterging oder in den offenen Herdfeuerstellen der schwarzweißen Azorenhäuschen verbrannt wurde.

Das Holz der Heide war hoch am Berg nicht so schnell zu erreichen wie die Bäume der Tallagen, aber dieser Tage stört es die Milchbauern, die mit EU-Subventionen gern jeden Quadratmeter Hochland zu Weide machen würden. Lediglich strenge Schutzbestimmungen verhindern einigermaßen erfolgreich, dass auch auf Pico, wie zuvor schon auf den meisten Azoreninseln, die Urze, die Erica azorica, verschwindet. Wäre nicht diese Atlantische Heide, dazu Vulkankegel und wegbegleitende Blütenwolken aus Hortensien, dem Wanderer verrutschten beim Betrachten die Breitengrade: Ist das nicht schottisches Hochmoor, sind das nicht irische Glens an hochsommerlichen Tagen?

Ein vergewissernder Blick zurück gilt der Pico-Spitze: Das oberste Zehntel ist zwei, drei Wolkenintervalle lang frei; es scheint, als hätte ein Wüterich die Spitze des Bergkegels abgeschlagen und dann ersatzweise eine Miniaturpyramide auf Portugals höchsten Gipfel gesetzt. Hart auf Nordkante.