Die Partei seiner Wahl

Der Schriftsteller ERICH LOEST kämpft gegen den Untergang der Sozialdemokratie

Bei einem wie Erich Loest gibt es keine geheimen Wahlen. Ich wähle wie immer Bebel, sagt er auf dem Weg vom Flur ins Wohnzimmer, wo Ferdinand Lassalle die Sofagarnitur bewacht. Die lebensgroße Büste des Anführers der ersten sozialdemokratischen Bewegung Deutschlands taxiert über die Couch hinweg ein Ölporträt des letzten Verfechters der deutschen Sozialdemokratie im Stil des 19. Jahrhunderts, Erich Loest. Beide sind zähe Kämpfer für die Idee der Arbeiterbewegung. Und beide brachten sich durch politische Widerborstigkeit vor Gericht. Lassalle wurde wegen Aufreizung der besitzlosen Klassen zu Hass und Verachtung gegen die Besitzenden verurteilt, der Schriftsteller Loest saß seit 1957 wegen konterrevolutionärer Gruppenbildung für sieben Jahre im Zuchthaus. Das hat ihn aber nicht nachgiebiger gemacht. Nicht damals, gegenüber der DDR, die er 1981 entnervt verließ. Nicht hinterher, im westdeutschen Schriftstellerverband, wo er das Schmuseverhältnis zum Ost-Verband kritisierte. Und nicht heute, gegenüber der Partei seiner Wahl.

Die Anspielung auf Bebel heißt ja im Klartext, dass Loest für die SPD stimmen wird, obwohl er den Bebel der Gegenwart schmerzlich vermisst. Es ist, als wollte er die Sozialdemokraten durch sein Votum zwingen, besser zu sein, als sie sind. So ist Erich Loest: kräftiger Händedruck, starke Meinungen und immer eine bissige Pointe in petto. Die SPD hat in 15 Jahren im Osten keinen guten Mann hervorgebracht, sagt er, während er Tee einschenkt. Die CDU habe Biedenkopf gehabt, jetzt Althaus und Böhmer. - Was meint er mit gut? Dass man sein Land kennt. Dass man Probleme benennt, auch wenn man sie nicht lösen kann. Notfalls gegen die eigene Bundespartei. Regine Hildebrandt war so. Aber die ist tot. Loest gleicht den bärbeißigen Helden aus seinen Romanen. Er hat einen Balkon voller Blumen, doch nicht den Gleichmut, sich darauf einzurichten. Er trinkt Tee aus zartem Porzellan, aber nennt eine Schweinerei Schweinerei. Und seit er nach Leipzig zurückgekehrt ist, triezt er seine SPD.

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Die Parteidisziplin des Parteilosen heißt: nie mit Kritik hinterm Berg halten. Seine Haltung ist: aufrecht. Schon wie er im Sessel sitzt, ruhig und konzentriert, wie er mit sparsamen Gesten das Wort Politikverdrossenheit demontiert, wie er in seinem unumwundenen Mittweidaer Dialekt erklärt, dass Arbeiter keine Unterschicht sind.

Loest, der nächsten Februar 80 wird und diese Woche das Erscheinen seines jüngsten Romans feiert, ist ein lebendes Denkmal für die außer Mode geratenden Tugenden des politischen Schriftstellers. Er ist kein Kanzlerunterstützer wie Grass und auch keiner dieser schreibenden Opportunisten, die sich erst von Schröder einladen lassen, um sich hinterher über die Einladung zu mokieren. In seinen Kleine-Leute-Romanen geht es immer um große Geschichte. Diesmal, in Sommergewitter, ist es der 17. Juni 1953, den er als einen Aufstand des Bebelschen Geistes gegen den diktatorischen Leninismus der SED verstanden wissen will. Er hofft wohl noch immer, dass die sozialdemokratische Gesittung sich durchsetzt. Das rechtschaffen Revolutionäre. Die fürsorgliche Vernunft.

Wie man aber den Optimismus der Arbeiter in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit aufrechterhält, weiß er auch nicht. Loest macht eine Vergeblichkeitsgeste, dreht die Handflächen nach oben. Das sei Bundespolitik, Globalisierung. Weiß der Kuckuck! Davon verstehe er nichts. Aber in meinem Leipzig, in Halle, im Erzgebirge, dort kenne ich die Leute, dort bilde ich mir ein, ich wüsste was. Schrebergärten. Vereine. Bibliotheken. Neulich hat er sein Lesehonorar einer Bibliothek in Halle gestiftet. Erich Loest hat kein Talent zum Aufgeben. Er kann nur kämpfen. Genau wie Lassalle.

 
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