Ein Schicksal ist interessant. Zehn vielleicht auch noch. Aber hundert? Und was, wenn man erst versucht, sich eine Milliarde Menschen vorzustellen?

Genau, das geht gar nicht.

Eine Millarde Menschen sind zweimal mehr als in Europa leben, zwölfmal mehr als in Deutschland oder fast 300-mal mehr als in Berlin.

Warum das wichtig ist?

Eine Milliarde Menschen können sich heute, jetzt, in dieser Minute, kein Glas sauberes Wasser leisten. Morgen wieder nicht. Und übermorgen auch nicht.

Das ist in der Tat schwer vorstellbar, aber wahr.

In dieser Woche versammeln sich im UN-Hauptquartier in New York rund 180 Staats- und Regierungschefs, um über die alltägliche Armut zu sprechen – und darüber, wie sie bekämpft werden kann. Sie werden wichtige Reden halten. Sie werden streiten. Und sie werden ihre Fortschritte auf dem Weg zu den Millenniums-Entwicklungszielen bilanzieren, die in aller Welt Millennium Development Goals, kurz MDGs, heißen.

Im September vor fünf Jahren hatten sich die Staats- und Regierungschefs schon einmal getroffen und zu einer mutigen Ankündigung hinreißen lassen. "Wir werden keine Anstrengungen unterlassen, um unsere Mitmenschen von den elenden Bedingungen der extremen Armut zu befreien, zu denen gegenwärtig noch mehr als eine Milliarde Menschen verdammt sind." Dann hatten sie ihr Vorhaben sogar noch konkretisiert und sich acht kontrollierbare Ziele, die MDGs eben, gesetzt. Statt eines Viertels der Menschheit sollte bis 2015 nur noch ein Achtel in Armut leben müssen. Auch die Zahl der Hungerleidenden wollten sie halbieren, Grundschulen für alle eröffnen, die Kindersterblichkeit um zwei Drittel verringern, Krankheiten bekämpfen und die Umwelt schützen. Damit das alles gelingen könnte, wollten die Reichen viel mehr Geld für die Entwicklungspolitik ausgeben.

Fünf Jahre später ist klar, dass ein Wunder geschehen muss, sollen die Ziele noch erreicht werden. Der in der vergangenen Woche vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) publizierte Bericht über die menschliche Entwicklung bestätigt, dass sich 50 Länder mit zusammen fast 900 Millionen Einwohnern bei mindestens einem der Ziele rückwärts bewegen. Und weitere 65 Länder mit zusammen 1,2 Milliarden Einwohnern werden mindestens ein Ziel erst nach 2040 erreichen – also mit einer Generation Verspätung.

Das müsse nicht so sein, verkündet der New Yorker Ökonomieprofessor Jeffrey Sachs. Den hatte der UN-Generalsekretär Kofi Annan zu seinem Sonderberater in Sachen Millenniumsziele gemacht. Anfang des Jahres hat Sachs seine erstaunliche Botschaft präsentiert: dass nämlich das Wunder – also echte Entwicklung – auch bei den Ärmsten möglich sei, wenn nur endlich genügend Mittel flössen.

Tonnenideologie und Machbarkeitswahn, so unken die Kritiker. Doch die Wirkung, die Sachs durch seine optimistischen Prognosen entfaltete, war gewaltig. Unterstützt durch Rockmusiker aus aller Welt und viel öffentlichen Druck, ließen sich die Regierungen der Industrienationen wirklich neue Finanzzusagen abhandeln. So verpflichteten sich die EU-Regierungen beispielsweise im Mai dieses Jahres, ihre Hilfen in den kommenden fünf Jahren auf 0,56 Prozent ihres Sozialproduktes zu steigern. Das ergäbe 20 Milliarden Euro mehr pro Jahr.

Stolz sehen sich die Europäer seither an vorderster Front im Kampf gegen die Armut. José Manuel Barroso, der Präsident der EU-Kommission, gab dem Rest der Welt Anfang der Woche den Rat, "Europas Beispiel zu folgen und von Europas Großzügigkeit zu lernen". Doch ob die Welt auf Barroso hören wird, ist fraglich. Vor allem in den USA, aber nicht nur dort, ist der Verdacht so groß wie nie, dass mehr Entwicklungshilfe nur mehr Ineffizienz und Korruption erzeugt.

Europa werde das kaum daran hindern, seine Versprechen auch allein wahr zu machen, betont der EU-Kommissionspräsident und widerspricht Amerika: "Es ist einfach falsch, Korruption als Vorwand zu benutzen, um keine Entwicklungshilfe leisten zu müssen." Sein Entwicklungskommissar Louis Michel assistierte: Nötig sei sowohl "mehr" als auch "bessere" Entwicklungshilfe.