Es war der größte Arzneimittelskandal der Bundesrepublik, und alle waren sich seither einig: Nie wieder darf es zu einer ähnlichen Katastrophe kommen, wie sie Ende der 1950er Jahre das Schlafmittel Contergan verursachte. Millionen von Frauen - darunter viele Schwangere - hatten das Medikament schon bald nach der Markteinführung 1957 geschluckt. Denn die als gefahrlos gepriesene Pille schenkte nicht nur Ruhe und Schlaf. Sie half auch gegen Übelkeit in der Schwangerschaft. Kurze Zeit später kamen Tausende von Kindern mit schweren Missbildungen zur Welt. Als die Herstellerfirma Grünenthal - Monate nach der Entdeckung des Contergan-Wirkstoffs Thalidomid als Ursache für die Schäden und nach massivem öffentlichen Druck - das Mittel 1961 vom Markt nahm, waren 2500 Jungen und Mädchen in Deutschland missgebildet, mehr als 10 000 weltweit.

Steht nun eine ähnliche Tragödie bevor? Verdächtigt wird diesmal das Akne-Medikament Roaccutan. Immer wieder kommt es in jüngster Zeit zu Vorfällen mit dem Medikament. Allein in den USA wurden nach Berichten der US-Gesundheitsbehörde FDA in den vergangenen Jahren mehr als 2000 Frauen schwanger, während sie es nahmen. Und Hunderte von ihnen erlitten Fehlgeburten, brachten Kinder mit schweren Herz- oder Hirndefekten zur Welt.

Viele trieben schon vorher ab, aus Angst, ein körperlich oder geistig behindertes Kind zu bekommen. Auch in Deutschland sind 10 bis 20 Schwangerschaften unter Roaccutan-Therapie pro Jahr registriert. Wie hoch die Zahl wirklich ist, weiß allerdings niemand. Denn weder in den USA noch in Deutschland wurden solche Fälle bislang systematisch erfasst.

Bei seiner Markteinführung Mitte der achtziger Jahre schien Roaccutan ein Segen zu sein. Denn bis dahin waren die Dermatologen gegen schwere Akne - im Fachjargon noduläre Akne oder Acne conglobata genannt - so gut wie machtlos.

Die eitrigen Pickel hinterließen bei vielen jungen Menschen nicht nur Narben im Gesicht und am Körper, sondern auch in der Persönlichkeit. Dank des Mittels ist das Bild von akneübersäten Gesichtern auf der Straße fast komplett verschwunden. Kein Wunder, dass die Arznei in den vergangenen Jahren zum Kassenschlager avancierte. Im Jahr 2002 hatte der Umsatz in den USA eine Summe von 380 Millionen US-Dollar erreicht.

Die Kehrseite der Medaille: Kaum ein anderes Medikament ist so stark fruchtschädigend wie der Roaccutan-Wirkstoff Isotretionin. Das Fehlbildungsrisiko ist sogar zehnmal so groß wie bei Contergan. Selbst wenn eine Schwangere das Medikament nur für kurze Zeit eingenommen hat, führt es zu Missbildungen des Kindes, vor allem an Gehirn und Rückenmark, am Herzen und an den großen Blutgefäßen. Auch wenn sichtbare Schäden beim Neugeborenen fehlen, sind schwere Intelligenzdefekte, die erst später bemerkbar werden, höchst wahrscheinlich.

Hinzu kommt: Während Thalidomid nur in einer sehr kurzen Phase zu Anfang der Schwangerschaft Schäden hervorrufen kann, gilt dies bei Isotretionin während der gesamten ersten drei Monate. Und auch noch Wochen, nachdem die Frau das Mittel abgesetzt hat, ist die Gefahr nicht gebannt. Denn der Wirkstoff wird nur langsam abgebaut und aus dem Körper ausgeschieden.