»Lass die Heiligkeit weg«

Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, über gute und schlechte Religion, eine vierzigjährige Duzfreundschaft mit Joseph Ratzinger und seine persönliche Wahlentscheidung

DIE ZEIT: Herr Kardinal, erst die Wunderwochen von Rom, in denen die Welt um Papst Johannes Paul II. trauerte und seinen Nachfolger begrüßte, dann der Kölner Weltjugendtag, wo Hunderttausende Benedikt XVI. gefeiert haben – gibt es nicht nur global, sondern auch bei uns in Deutschland eine Wiederkehr des Religiösen?

Karl Kardinal Lehmann: Das ungeschriebene Dogma von Jahrzehnten, dass ein unaufhaltsamer, unumkehrbarer Prozess der Säkularisierung stattfindet, ist erschüttert. Der 11. September und andere Katastrophen, bis in die jüngste Zeit, haben viele wieder vor die Urfragen gestellt: Was ist der Mensch, woher kommt er, woher kommt die Gewalt, was ist der Sinn des Lebens, auch des Scheiterns, was ist der Tod? Da ist manches zum Erwachen gekommen, aufgebrochen, was wie im Schlaf lag, tief verschüttet. Nur darf man sich nichts vormachen, dies alles ist sehr ereignishaft und besagt noch nichts von Dauer. Es findet sich in dieser Wiederkehr des Religiösen freilich auch höchst Problematisches, zum Beispiel Aberglauben, Satanskulte – Religion ist in den Augen des Glaubens nicht einfach schon gut, weil sie Religion ist.

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ZEIT: Wie unterscheiden Sie denn gute und schlechte Religion?

Lehmann: Zuerst geht es um das Verhältnis von Religion und Freiheit. Eine Religion, die den Menschen nicht befreit, sondern neu knechtet, kann nur bekämpft werden. Das Zweite ist die Beziehung von Religion und Gewalt: Jede Religion muss sich fragen, ob sie etwa einen Gott hat, der letzten Endes identisch wird mit Gewaltausübung – und wie dieser Gott sich zum Leid verhält. Das Dritte ist der Zusammenhang von Religion und Ethos, und zwar nicht nur kollektiv, wobei meist den anderen gesagt wird, wie sie leben sollen, sondern individuell, indem man sich fragt, welche Konsequenzen die Religion für das eigene Handeln hat. Diese Kriterien sollten wir vielleicht von der Kirche her noch stärker in den Vordergrund rücken und uns dann auch selbst fragen, wo wir Reste von Religion im schlechten Sinne mit uns herumschleppen.

ZEIT: Ist das Christentum zu unkritisch geworden gegenüber den anderen Religionen, besonders dem Islam?

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 16.01.2008 um 10:16 Uhr

    Wann sagt das der Papst zu allen Menschen, ganz gleich welcher Religion?

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