die medien republik Weiche Themen, billige Texte

Das Niveau der regionalen Presse sinkt dramatisch. Wie die Freiheit der Information dabei zugrunde gehen kann, zeigt das Beispiel des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages in Flensburg

Schleswig-Holstein ist schön, das steht mal fest. Wer daran zweifelt, schlage das auf, den die die Die vier Blätter und zehn andere mehr gehören zum sh:z, dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag. 200000 Exemplare verkaufen sich täglich zwischen Elbe und dänischer Grenze. Im überregionalen Teil und in den je verschiedenen Lokalausgaben zeigen sie ihren Lesern stets aufs Neue, wie toll es ist, wo sie leben: Die herrlichsten Badestrände werden vorgestellt, die gelungensten Schnappschüsse eines zwischen Nord- und Ostsee herumfahrenden Fotografen.

Immer im Bild ist auch Peter Harry Carstensen, der gütige CDU-Ministerpräsident, egal ob nun in Husum der Umbau eines T-Punkt-Ladens zu feiern ist oder auf einer nordfriesischen Wellness-Messe der Blutdruck ermittelt wird. Sein täglich publizierter Bart lässt Vertrauen wachsen und die Hüte seiner SPD-Vorgängerin Heide Simonis alt aussehen.

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Der affirmative Blick auf die Heimat wird gerahmt von allerlei Mord und Totschlag, die es ja leider auch gibt. Mehrmals berichtete der Holsteinische Courier in Neumünster über zwei Polizisten, die eine überfahrene Katze in einen Müllkübel geworfen haben. Selbst wenn das Tier, wie behauptet, noch nicht ganz tot gewesen sein sollte: Die Artikel kosteten die Emotion weidlich aus (»Nur unsensibles Fehlverhalten oder brutaler Mord?«), denn die Aufregung über einen Sachverhalt kann seine nüchterne Bewertung glatt ersetzen – das hat die Heimatzeitung von der Bild- Zeitung gelernt.

Aus Käseblättern sind Crème-fraîche-Blätter geworden

Was hier für den sh:z beschrieben wird, ist inzwischen bei vielen Regionalzeitungen Standard: Boulevardisierung der Form, um nicht verschlafen zu wirken, und tägliches Lob der Gegend, denn sie ist der ultimative Grund, ein regionales Blatt zu lesen. Die Kritiklosigkeit, die den Lokaljournalisten seit je als Vorwurf begleitet, darf er heute guten Gewissens ins Positive wenden: als aktiven Beitrag zur Identifikation mit einer Gesellschaft, deren innerer Zusammenhalt auch in der Provinz spürbar nachlässt.

Als neulich nicht ganz klar war, ob die Raumfähre mit den amerikanischen Astronauten an Bord sicher würde landen können, lautete die sh:z-Schlagzeile: Kommt heil runter! Man sieht’s vor sich, wie die Leser auf Eiderstedt den Blick von ihrer Zeitung nach oben richten, voller Sorge um die tapferen Himmelsstürmer. Da tut so ein im Namen aller zugerufenes »Toi, toi, toi!« ganz gut.

Zeitgemäße Regionalzeitungen sind keine Käseblätter mehr, es sind Crème-fraîche-Blätter, leicht, modern, bekömmlich für den, der noch was lesen will, bevor er den Fernseher anmacht.

Leser-Kommentare
  1. Sie sprechen mir total aus der Seele. Vor zwei Jahren habe ich endlich mein Abonnement gekündigt. Besonders schlimm ist die Beweihräucherung der SG Flensburg-Handewitt incl. des Club´s 100, auch hier sitzen die Geldgeber des SHZ.

    Ganz groß im Geschäft ist die alte Flensburger Kaufmannsfamilie Dethleffsen. Diese Familie sitzt in diversen Aufsichtsräten, hat viele eigene Firmen und lebt den von Ihnen dargestellten Personalwechsel überall vor.

    Ich bin persönlich auch ein Opfer dieser Geldgier.

    Mit freundlichen Grüßen
    Friedhard Temme

  2. Dieser Artikel drückt genau das aus, was ich beim Zeitunglesen in der letzten Zeit immer wieder empfunden habe: Verblöden immer mehr Redaktionen?!?
    Ich fragte mich wirklich, ob unsere Regionalzeitung von Springer geschluckt worden sein könnte, so sehr glich sich das Niveau an!
    Aber scheinbar ist es genau das, was gelesen werden will. Wer will denn in Zeiten, wo man im Fernsehen hautnah bei allen Katastrophen, Kriegen und politischen Aktionen dabei sein kann, noch lange, komplizierte Artikel lesen und sich seine Meinung bilden, wo man doch dort eine ganz bequem präsentiert bekommt?

  3. Ich habe den Artikel "Weiche Themen, billige Texte" von Ulrich Stock mit Interesse gelesen, und kann Herrn Stock dazu nur gratulieren. Allerdings ist das Ausmaß der falsch verstandenen Pressefreiheit des sh:z weit aus schlimmer, als Herr Stock dieses recherchiert hat.
    Ich bin Mitglied der FDP Schleswig-Flensburg, und von daher weiß ich, dass der Eindruck aus Reihen der Liberalen oftmals entsteht, aus dem Hause des sh:z wird die Pressefreiheit so verstanden, als würde der sh:z sich die Freiheit nehmen, was er veröffentlicht...

    Bundesparteitage der FDP werden irgendwo auf Seite fünf abgedruckt, während neue Parteien, wie die Linkspartei.PDS mit Fotos auf der ersten Seite vertreten sind. Aber da geht es ja noch nicht um Kreisredaktionen...

    Bestes Beispiel für mich ist, dass Kreisparteitage der FDP nicht vorangekündigt bzw. darüber berichtet wurde, während die Gründung der WASG einen beachtlichen Spaltenbereich im Regionalteil einnahm...

    Leider gibt es hier nur "den Monopolisten" sh:z. Somit wird Schleswig-Holstein mehr und mehr zum Tal der Ahnungslosen...

    Udo Carstensen
    Dorfstr. 40
    24992 Janneby

    udo.carstensen@julis-sh.de

  4. Danke für einen kenntnisreichen Bericht; schön, dass es noch einige wenige Journalisten in Deutschland gibt. Ich selbst hatte das zweifelhafte Vergnügen, ein paar Jahre für ein sh:z-Wochenblatt zu schreiben. Schon der frühere Geschäftsführer Klaus May (heute übrigens Autor einer Hamburg-Kolumne) begann in den späten 80ern mit einer rigorosen Verschlechterung des Arbeitsklimas. Dazu passend wurden missliebige Mitarbeiter durch willfährige Personalchefs und grobmotorische "Manager" der mittleren Ebene mit schöner Regelmäßigkeit - teilweise mit billigen Taschenspielertricks - vor die Tür gesetzt. Hinzu kam eine selbst für mich in meinem kleinen Redaktionsbüro spürbare redaktionelle Einflussnahme von weit oben: Nach einem - wohlgemerkt sauber recherchierten und journalistisch fundierten - Bericht über eine Lesung des Waldorf-kritischen Schriftstellers Paul Albert Wagemann mit anschließender Diskussion wurde ich zum Rapport bestellt. Was ich damals noch nicht wusste: die sh:z-Oberen schicken ihre Kinder mit Vorliebe auf die Waldorfschulen, die ja in Deutschland so etwas wie die Kaderschmieden für Funktionärs-, bzw. Managernachwuchs sind und dort die "richtigen" Kontakte knüpfen können. Ein Schuft, der Böses dabei denkt...
    Ehe ich's vergesse: Auch ich durfte wenig später nach einem Taschenspielertrick meinen Hut nehmen - heute kenne ich meine Arbeitnehmerrechte besser...

  5. Der Neoliberalismus töten den Geist, wo er ihn trifft. Daß er sich Schmierblättern wir BILD bedient, kann uns ja egal sein, aber wir Leser müssen mißtrauisch darüber wachen, daß wenigstens unser Qualitätsblatt ZEIT nicht diesen Gewinnmaximierern zum Opfer fällt! Heute las ich:

    http://www.taz.de/pt/2005...

    "Die wahrsten zwei Sätze in der taz vom Samstag stammen von Christoph Keese, dem Chefredakteur der Welt am Sonntag: "Wir, die Minderheit der Neoliberalen, schreibt (sic!) seit Jahren gegen eine Mehrheit von Menschen an, die vehement gegen Kapitalismus und freie Marktwirtschaft eintreten. Etwa 80 Prozent aller Deutschen denken so." Am Tag vor der Wahl klang das freilich nach rechter Verschwörungstheorie. Ein strammlinker Block? Bei 40+ Prozent für Merkel in den Umfragen?

    Seit Sonntag wissen wir: Wenn man mit einigem Zähneknirschen die SPD mitzählt, ist das linke Lager samt Grünen und Linkspartei tatsächlich das stärkere. Und zwar deutlich. Außerdem wissen wir: Eine breite Medienachse von Bild über Zeit und Spiegel bis auch zur taz hat, wenn nicht gar gegen diesen gesellschaftlichen Trend angeschrieben, so ihn zumindest nicht abgebildet. Und zwar deutlich."

    Ein paar Ausrutscher hat sich die ZEIT in letzter Zeit geleistet: Außer der neuen Rechtschreibung (Lob an die FAZ)zB ihre plumpe Agitation gegen die Linkspartei. Zu meiner Freude hat die ZEIT jedoch wieder zur alten Qualität zurückgefunden.

    Trotzdem: Wir Leser/innen müssen wachsam sein und die Qualitätsjournalistik unterstützen.

    • Rolmo
    • 23.09.2005 um 7:38 Uhr

    Die Entwicklung der Printmedien nimmt den gleichen Verlauf wie das Radio. Längst werden in den Niederlanden und England ganze Sendungen aufgezeichnet, von Deutschen Sendern günstig erworben und ausgestrahlt. Das hat einen Vorteil, durchquert man Deutschland hat man zwar verschiedene Sendernamen, aber immer das gleiche Programm. Noch nicht einmal die Staumeldungen müssen geändert werden. Den Printmedien ergeht es ähnlich. Ein Artikel der in allen anderen Zeitungen erscheint. Damit läßt sich Geld verdienen. Natürlich nur wenige, aber das ist Kapitalismus. Mehr und mehr monopolisiert sich der Markt. Historisch gewachsene Strukturen verändern sich. Ähnlich unseren politischen Parteien.

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