Franz Nuscheler ist Direktor des Instituts für Entwicklung und Frieden (Inef) in Duisburg. Der 67-jährige Politikwissenschaftler hat in Lateinamerika, Asien und Afrika geforscht und gilt als einer der profiliertesten deutschen Entwicklungsexperten.

DIE ZEIT: Die Staatengemeinschaft hat vor fünf Jahren beschlossen, Armut und Hunger in der Welt deutlich zu vermindern. Sind diese so genannten Millenniumsziele noch zu erreichen?

Franz Nuscheler: Ich muss Ihre Frage korrigieren. Ernährung für alle, Arbeit für alle, Bildung für alle – all diese Ziele hatte die Weltbank schon in den 1970er Jahren für 2000 angepeilt. Sie wurden anschließend vergessen. Jetzt sind sie wieder da. In einzelnen Regionen können sie sogar erreicht werden, in Lateinamerika, in Südostasien, möglicherweise sogar in Indien. Aber da, wo die Armut am stärksten grassiert, in großen Teilen Afrikas, werden sie weit verfehlt werden.

ZEIT: Die reichen Länder haben beschlossen, die Hilfe für Afrika bis 2010 zu verdoppeln. Warum sind Sie trotzdem so pessimistisch?

Nuscheler: Weil es nichts bringt, allein mehr Geld dahin zu schieben. Jedenfalls nicht, solange die Strukturen fehlen, um das Geld vernünftig einzusetzen. Wenn eine grundlegende Gesundheitsversorgung fehlt, wenn es nicht einmal gelingt, Grundschulen zu organisieren, dann ist mehr Geld einfach nutzlos. Dann müssen erst einmal Strukturen geschaffen und Organisationen aufgebaut werden. Das aber braucht Zeit. Deshalb bin ich in puncto Afrika so skeptisch.

ZEIT: Die Europäer haben gerade stolz beschlossen, ihre Entwicklungshilfeausgaben im Jahr 2015 auf 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts zu steigern. Jetzt sagen Sie, dieser Erfolg nach langem Ringen bringt nichts.

Nuscheler: Seien Sie beruhigt: Das Problem, die Mittel abfließen zu lassen, werden wir nicht haben – weil sie nie und nimmer zur Verfügung stehen werden. 0,7 Prozent wäre eine Verdreifachung der jetzigen Hilfe. Schauen Sie sich den Bundeshaushalt an, schauen Sie sich die Haushalte der anderen EU-Länder an: Ich sehe überhaupt nicht, wie wir die Verschuldungsgrenze der EU erreichen und gleichzeitig unsere Entwicklungshilfe verdreifachen können sollten. Das ist illusorisch und macht die Entwicklungspolitik…

ZEIT: …unglaubwürdig?

Nuscheler: Genau. Das ist der eigentliche Schaden, der durch solch uneinlösbare Versprechen angerichtet wird.

ZEIT: Trotzdem, mehr Geld wäre doch willkommen, um die von Ihnen geforderten Basisdienste im Gesundheits- und Bildungswesen aufzubauen.

Nuscheler: Das ist zugleich richtig und falsch. Afrika braucht nicht einfach mehr Geld, sondern eine zielgerechte Verwendung der heutigen Mittel. Wie viel deutsches Entwicklungsgeld geht denn in die Grundbildung? 1,5 Prozent der Gesamtsumme. Wie viel geht denn in die Grundversorgung im Gesundheitswesen? 1,1 Prozent. Bei den anderen Gebern sieht es kaum besser aus. Das ist der eigentliche Mangel der Entwicklungspolitik. Ausgerechnet für die Schlüsselsektoren fehlt ihr das Geld.

ZEIT: Woher soll sie es denn nehmen? Ohne neues Geld muss anderswo gekürzt werden, oder?