Interview »Geld allein hilft nicht«Seite 3/3
ZEIT: Und – werden Ihre Vorschläge beherzigt?
Nuscheler: Es hat sich schon einiges getan. Was immer noch fehlt, ist die Koordination der Geberländer. Viel zu oft noch wursteln sie nebeneinander her, stehen sich sogar teilweise auf den Füßen. Mangelnde Koordination kostet laut UN jährlich sieben Milliarden Dollar, ein Zehntel der weltweiten offiziellen Entwicklungshilfe.
ZEIT: Was ist zu tun?
Nuscheler: Die Europäer sollten erstens ihre entwicklungspolitischen Aktivitäten koordinieren – indem sie Prioriäten festlegen und bestimmen, wer was am besten tut. Zweitens: Die Kontrolle des entwicklungspolitischen Tuns ist unterentwickelt. Entwicklungspolitik wird zwar einer Erfolgskontrolle unterzogen – aber zum größten Teil begutachten sich die Durchführungsorganisationen selbst. Das geht nicht. Wer den Entwicklungsländern Transparenz abverlangt, muss die Forderung auch gegen sich selbst erheben.
ZEIT: Was kann Entwicklungspolitik in von Diktatoren regierten Ländern ausrichten?
Nuscheler: Da stößt die staatliche Entwicklungspolitik an Grenzen. Teilweise können die kirchlichen Entwicklungsorganisationen helfen. Aber da, wo staatliche Strukturen zusammenbrechen – wie in Somalia, in Liberia, im Kongo – da hilft nur eins: robuste Intervention, um zunächst die Staatlichkeit wiederherzustellen.
ZEIT: Militäreinsätze?
Nuscheler: Ich weiß, das ist ein heißes Eisen. Trotzdem meine ich, dass die EU unter dem Mandat der Vereinten Nationen helfen sollte, Staatlichkeit wiederherzustellen. Möglichst, indem sie Organisationen wie der African Union logistisch hilft: mit Fahrzeugen, Flugzeugen, Benzin und Waffen. Wenn das aber nicht geht, sind nach meiner Meinung auch die Europäer geradezu verpflichtet, selbst einzugreifen. Auch mit Gewalt, aber immer mit einem UN-Mandat. Es gibt eine internationale Verpflichtung, Menschen vor schweren Menschenrechtsverletzungen zu schützen.
Das Gespräch führte Fritz Vorholz
- Datum 15.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.09.2005 Nr.38
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