Die amerikanische Philosophin Susan Neiman leitet das Einstein Forum in Potsdam. Es ist seit einigen Jahren Treffpunkt einer liberalen, internationalen intellektuellen Elite, die ohne Neimans Unermüdlichkeit dem deutschen Publikum nur aufgrund ihrer Texte bekannt geblieben wäre: Tony Judt, Todd Gitlin, Avishai Margalit, Peter Galison, Sander Gilman und andere Geistesgrößen eines internationalen Netzwerks, deren stärkste Gemeinsamkeit die Enttäuschung über den Wahlsieg George W. Bushs zu sein scheint – eine Enttäuschung, die sich spätestens seit dem Irak-Krieg durch den Verlauf der Geschichte noch einmal bestätigt sieht.

Susan Neiman hat ihre Geistesfreunde in aller Welt befragt, wie sie kurz vor der Wahl Deutschland sehen. Ihr sei aufgefallen, dass das Selbstbildnis der Deutschen, gekennzeichnet durch eine ihr unerklärliche politische Depression, überhaupt nicht mit dem positiven Imagewandel in Einklang zu bringen sei, den sie im Ausland nicht nur in den Augen ihrer Freunde, sondern auch in politisch unparteiischen Meinungsumfragen erfahren habe. Dies habe nicht nur, so Susan Neiman und ihre Zeugen, mit der deutschen Erinnerungspolitik zu tun, die im Vergleich zu anderen ehemals totalitären Ländern – von Japan bis Russland – einmalig sei. Der Renommeezuwachs, den sie in ihrem Buch der Bundesrepublik zuschreibt, sei auch ein unmittelbares Ergebnis der rot-grünen Außenpolitik. Die Teilnahme an der bewaffneten Menschenrechtsintervention im Kosovo auf der einen Seite, die Abstinenz Schröders angesichts des Irak-Abenteuers, das Eintreten der Bundesrepublik für die Erweiterung der EU inklusive eines Türkei-Beitritts – dies alles seien Mosaiksteine, die sich zu einem neuen Deutschlandbild zusammengefügt hätten.

Kein Zweifel, Susan Neimans broschierte Stellungnahme im Wahlkampf ist zugleich Parteinahme, nicht unbedingt gegen die Unionsparteien, sehr wohl aber für ein Land, das zu betreten sie vor mehr als zwei Jahrzehnten noch eine erhebliche Überwindung gekostet hat.

Außenpolitik hat in diesem Wahlkampf keine große Rolle gespielt. Nur einmal, als während des Dortmunder CDU-Parteitags Angela Merkel einen Beitritt der Türkei in die EU ausschloss, brandete in einem fast xenophobisch klingenden Urschrei der ansonsten nur halbherzig gespendete Beifall der Delegierten auf. Da war es wieder, das alte Deutschland, von dem Susan Neiman meint, es sei überwunden. May be. Michael Naumann