Wer hat bloß dieses Bild gemalt: Pflanzen, deren Namen man nicht kennt, ein verträumter Garten mit kleinem Swimmingpool hinter einer ausladenden Villa, eine verwunschene weiße Holzlaube und ein magnolienumstandenes Gartenhäuschen mit großem, mittelalterlich buntem Glasfenster direkt in den blauen Himmel. Es riecht nach Ligurien in Kalifornien, ein Roman ist Wirklichkeit geworden. "Ja, es ist seltsam, wenn sich deine eigene Geschichte und die Geschichte, an der du schreibst, so vermischen."

Cornelia Funke, Mitte 40, sitzt an ihrem Schreibtisch in den Hügeln von Los Angeles, arbeitet am dritten Teil ihrer Tintenherz- Trilogie, fabuliert Gestalten wie Mortimer, Staubfinger oder Meggie aus unserer Zeit ins Mittelalter und jongliert mit Leben und Tod ihrer Personen, wie es lange kein deutscher Erzähler gewagt hat. Sie selber hat sich nach Hollywood hineingeschrieben: Seit drei Monaten lebt sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern in Kalifornien und ist, in aller Bescheidenheit, ziemlich glücklich mit der wundersamen Verwandlung einer berühmten deutschen Kinderbuchautorin in Amerikas bekannteste Deutsche.

Die drei einflussreichsten Deutschen? Ratzinger, Schumacher, Funke

Als Time im April dieses Jahres drei Deutsche unter die hundert einflussreichsten Leute wählte, stand neben Kardinal Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. und Ralf Schumacher der Name Cornelia Funke. Funke, wer? Funky, who? Kein Walser, kein Grass, kein Reich-Ranicki, sondern die Schöpferin der wilden Hühner, der Igraine Ohnefurcht, des Herrn der Diebe oder des Drachenreiters. Literatur für Kinder also, ignoriert von den Medien, die nicht müde werden, die Bedeutung von Kindern zu betonen.

Als ihr letzter Roman Tintenherz in ungeahnte Auflagenhöhen schnellte, weigerte sich der Spiegel, den Titel in die Bestsellerliste aufzunehmen. Im Gegensatz zu Harry Potter oder Artemis Fowl von Eoin Colfer handele es sich hier um ein reines Kinderbuch. Doch über den Erfolg bestimmte glücklicherweise weder Marketing noch sein Spiegelbild, Cornelia Funkes Romane waren in den Köpfen der Leser schon lange Selbstläufer. "Vorbei. Lassen wir das. Kommen Sie, ich zeige Ihnen mein Schreibhäuschen."

Ein holzschindelgedeckter Traum, hell und zugleich schattig. Die weißen hohen Regale, in denen die Vormieterin Faye Dunaway ihre Filmtrophäen aufstellte, sind nun voller Bücher, Kamin samt Sitzecke, Luft für Fantasien, Platz für Dutzende Karteikarten, die Motive und Kapitel des dritten Bandes skizzieren. 450 Seiten hat sie in der kurzen Zeit hier geschrieben – "was ganz unvorstellbar ist" –, Tintentod ist der Arbeitstitel. "Die meisten denken, oh Gott, jetzt zieht sie nach Hollywood, wenn man nach Los Angeles geht. Aber bei mir war das anders. In Deutschland war der Medienbetrieb ein permanenter Faktor. Man war immer erreichbar."

Hier beendet sie ihre business hour gegen zehn Uhr, wenn in Deutschland – neun Stunden zeitverrückt – die Büros schließen, schreibt nachmittags noch ein paar Stunden und immer häufiger an den warmen, mediterranen Abenden Kaliforniens. Rolf, seit 25 Jahren ihr umsichtiger (Haus)Mann, souveräner Begleiter der Notwendigkeiten des Tages, besitzt den Führerschein, fährt die fünfzehnjährige Tochter Anna zum Schulbus, dann den zehnjährigen Ben zur weit entfernten Schule. "Ich kann hier zusammen mit meinem Mann Ben in die Schule bringen, Dinge, die ich mir in Hamburg immer verkniffen habe, weil ich den Morgen unbedingt nutzen musste."

"Herr der Diebe": In Amerika ein Millionenerfolg

Ein wahres Schreibparadies, und Neid erfasst den Besucher aus Hamburg, jener Stadt, in der sie zehn Jahre lang in einem Rotklinkerhaus in Wohldorf-Ohlstedt ihre Geschichten zeichnete und schrieb. Mit der Großen Drachensuche begann es, nachdem sie vorher Geschichten anderer illustriert hatte, mit den Gespensterjägern und den Wilden Hühnern hielt sie genau die Spur zwischen Spannung und Humor, der Kinder folgen, die sie lieben und die sie auf Fortsetzungen hoffen lässt. Mit vielen Geschichten – 40 dürften es inzwischen sein – fütterte sie Erstleser, Vorleser und erwachsene Mitleser.

Als die Große Drachensuche verfilmt werden und sie die Geschichte aufblasen soll, fasst sie einen jener Entschlüsse, die wie eine Einzahlung auf die Zukunft wirken. Sie kauft die Filmrechte zurück, lässt sich – unterstützt von ihrem Verleger Uwe Weitendorf – auf das Wagnis eines großen Romans ein und schreibt 1996 Drachenreiter, jenes Buch, das nun seit einem Jahr auf der Bestsellerliste der New York Times steht mit 800.000 verkauften englischen Dragon Rider. "Drachenreiter ist förmlich explodiert", resümiert Cornelia Funke und steckt die blonden Haare zusammen, "Herr der Diebe liegt in den USA bei einer Million, Tintenherz bei 500.000 Exemplaren."

Der Welterfolg von Kinderbuchautorinnen hat immer etwas von einer Aschenputtel-Story, als stecke ein nicht ganz geheurer Märchenzauber hinter den vielen Millionen. Sympathisch und natürlich sei die Autorin, gerne gönne man ihr den Ruhm, heißt es oft, und doch bleibt die freundliche Geste herablassend. Aschenputtel verdienen Glück. Musste man jedoch schon Joanne K. Rowling beherzten Eigensinn attestieren, so hat auch ihr deutsches Gegenüber jenes Maß an selbstbewusster Energie, die das laute herzliche Lachen ebenso einschließt wie ein dezidiertes Statement zur politischen Situation oder die erfolgreiche Mischung aus Risikolust und Geschäftssinn. Als man ihr wieder einmal von Verlagsseite erklärt hatte, deutsche Bücher hätten in angelsächsischen Ländern keine Chance, musste sie Drachenreiter und Herr der Diebe auf eigene Kosten ins Englische übersetzen lassen. "Das war für mich eine Menge Geld. Aber ich habe mich entschieden." Beim folgenden Lauf der Dinge, der richtigen Begeisterung der richtigen Männer bei den richtigen Verlagen, könnte man von Zufall sprechen oder sie als eine jener fälligen Verknüpfungen sehen, die bis heute die Lebensgeschichte der Cornelia Funke durchziehen.

1958 im westfälischen Dorsten geboren, ging sie ins ansässige Ursulinen-Gymnasium, zu den "roten Nonnen", die mit Vorliebe vom Radikalenerlass bedrohte Lehrer einstellten. "Mein erster tiefer politischer Eindruck war eine Veranstaltung an der Schule über amnesty international. Es war wie eine Initiation, als ich die ersten Folterberichte gelesen hatte. Wenn sie in Südamerika Kinder vor den Augen ihrer Eltern foltern… Mein ganzes Weltbild krachte in sich zusammen. Als ich dann für amnesty international Unterschriften sammelte, unterschrieben die Lehrer, während die Schüler Angst hatten." Sie habe noch heute Schwierigkeiten damit, nach Südamerika zu fahren, nach Russland – Berührungsängste. "Es war eine sehr politische Schule, ich liebte sie. Als ich dann an die Universität Hamburg kam, hatte ich das Gefühl, ich müsste mein Gehirn wieder runterschalten. Aus Verzweiflung habe ich dann meine Diplomarbeit über Adorno geschrieben."

Warum nur sind die Amerikaner verliebt in Europa?

Den pädagogischen Zeigefinger vermeidet sie in ihren Bücher bis heute. "Man muss auf andere Weise spüren, dass man immer auf der Seite der Schwächeren ist. Man darf Fragen stellen, aber keine Antworten geben." Und so konzentriert sie ihr soziales Engagement auf amnesty international, auf Greenpeace, auf terre des hommes, sie unterstützt eine Initiative für häusliche Kinderkrankenpflege, stiftet ihre Lesungsgelder für Exilio, eine Organisation, die Folteropfer betreut. Gerade hat man dem Verein die Mittel gestrichen. Cornelia Funke ist nicht gut auf manche Entwicklung in Deutschland zu sprechen, auch das Thema Bibliotheksschließungen sollte man besser nicht ansprechen. "Alle Amerikaner, die ich hier kenne, sind verliebt in Europa. Alle wollen sie auswandern. Habt ihr denn nichts von Berlusconi gehört, sage ich, was ist mit den Faschisten in Frankreich? Sie denken, wir sitzen in Europa ständig in Cafés, diskutieren über Sartre und lesen Proust. Aber hier hat jede Schule ihre eigene Bibliothek!"

"Hallo, hi!" – um vier Uhr kommt Anna, im Faltenrock, mit weißen Kniestrümpfen und Bluse, von der Archer High School, einer reinen Mädchenschule. Sie sei es leid, sagt Anna, dass sich nette Mädchen jedes Mal in unselbstständige Zicken verwandelten, wenn Jungs in der Nähe seien. Und Cornelia Funke schiebt dem Gefühl ihrer Tochter eine überraschende Theorie hinterher. "Eine Mitschülerin hat mir einmal gesagt: An einer Mädchenschule kannst du lernen, dass es keine Grenzen für Frauen gibt, Frauen können alles. Es gab nichts, was wir nicht machten." Und dann schaut sie ganz frech: "Wir waren alle sehr selbstbewusst."

Die üblichen Probleme des deutschen Schriftstellers in fremdem Sprachland scheint es für sie nicht zu geben. "Ich habe mit sechzehn angefangen, englische Bücher zu lesen. Ich fürchte, ich liebe Englisch mehr als meine Muttersprache." Vielleicht liegt es an dem ersten staubigen Bücherfund einer Zehnjährigen in einer Bücherei, in die sie mit ihrem Vater ging, den Narnia- Büchern von C. S. Lewis, die in Deutschland keiner kannte, vielleicht an der Erzähllust eines Dickens, eines Swift, eines Carroll (von denen sie sich inzwischen Erstausgaben leistet), vielleicht speist sich ihre anglophile Leidenschaft aus der Tradition eines Erzählens, die in Deutschland so selten geworden ist.

Beim Schreiben will sie gar nicht wissen, wie die Geschichte endet

"Wir Deutsche sind – durch unsere Geschichte – so weit weg vom Geschichtenerzählen. In England erkläre ich es manchmal, etwas laienhaft, mit unserer politischen Vergangenheit: Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was in einem Land passiert, in dem der Faschismus alles beschmutzt hat, was es an Literatur gab. Wir haben Angst vor unseren Mythen, Angst vor unseren Märchen, Angst vorm unbeschwerten Erzählen, weil alles braune Flecken hat. Es gibt ein skandinavisches Zitat, das sagt: Sie haben zwar die Diebe gefangen, aber das Diebesgut ist verschwunden."

Und doch ist es auch die westfälische biografische Komponente, die Cornelia Funke zur leidenschaftlichen Erzählerin machte. Ihr Vater, ihre Oma lasen vor, sie musste ihren jüngeren Brüdern und Schwestern Geschichten erfinden, ihnen die nächste Folge von Raumschiff Enterprise ausmalen, sich die geliebten Spaziergänge mit den eigenen Kindern durch Geschichten erkaufen. "Ich habe immer erzählt, ich habe nie Tagebuch geführt. Meine Geschichten kommen aus dem Wort. Das schriftliche Festhalten kam erst später."

Kein Wunder, dass sie vom Zauber des Vorlesens fasziniert ist: "Das Gefühl, gemeinsam in eine Geschichte zu gehen, sie zu teilen, sie mit der Stimme lebendig werden zu lassen – das fand ich immer sehr magisch." Und sie erzählt vom Mittelalter, erklärt, dass es als obszön galt, still zu lesen, man sich bis ins 12. Jahrhundert hinein verdächtig machte, wenn man beim Lesen nicht flüsterte, die Worte nicht mit dem Mund formte. "Das Fürsichlesen, abgeschieden von den anderen, das kam erst später." Und man glaubt ihr jedes Wort. "Ich liebe es, wenn meine Leser flüstern."

Tintenherz, ihr anspruchvollstes Werk in der Parallelwelt Kinderbuch, auch ein Buch über Bücher, kreist um diese Magie des Vorlesens. Mortimer (Mo), Buchbinder und Büchernarr, liest eines Tages vier Bösewichter aus einem Buch, dafür verschwindet seine Frau im fernen Mittelalter. Die Jagd nach dem Buch beginnt, die Schurken wollen es vernichten, um in der Gegenwart zu bleiben, Mo, Zauberzunge genannt, will es verbergen, um seine Frau zurückzulesen. In dieses dramatische Spiel tritt der Dichter – Tintenweber – Fenoglio ein, Schöpfer dieses Buches, der die Handlung umschreiben muss, um das Grauenhafteste zu verhindern.

Tintenblut, der zweite Teil, der am 15. September gleichzeitig in Deutsch und Englisch erscheint, verlegt die Geschichte ins Mittelalter, treibt die Allmacht des Erzählers auf die Spitze, der nun in sein eigenes Buch eingeschlossen ist. Zufrieden lebt er in seiner Schöpfung, während seine Personen ihr Leben mehr und mehr in die Hand nehmen.

"Ich versuche, mir beim Schreiben keine Grenzen zu setzen", sagt Cornelia Fenoglio. "Wenn sich die Geschichte verselbstständigt, wird sie meistens besser. Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin, wenn meine Personen anfangen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen." Selbst nach 450 Seiten des dritten Bandes hat sie keine Ahnung – im Gegensatz zu ihrer zauberischen Kollegin aus England –, wie das Buch enden wird. Ein paar Wünsche habe sie schon, "aber ich will es gar nicht wissen".

Es ist jene Mischung aus Zielstrebigkeit und Zufall, aus Fleiß und Unbeschwertheit, die Cornelia Funkes Karriere zu so unwirklichen Ausmaßen befördert hat. Von der einsaugenden Stimme des Schauspielers Brendan Fraser fasziniert, schuf sie die Rolle des Vorlesers Mortimer nach seinem Beispiel, schickte ihm das signierte Buch. Heute wohnt er ein paar Minuten in Beverly Hills entfernt und wurde zu ihrer amerikanischen (Hörbuch-)Stimme. Er ist ein kalifornischer Freund wie das Allroundtalent Clive Barker, wie Felix Adlon, Sohn von Percy, der ihr das Drehbuch zum Buch Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel schreibt. Der Film zu den Wilden Hühnern kommt im Dezember in die Kinos, der zum Herrn der Diebe im Januar, die Verfilmung von Tintenherz ist in einer entscheidenden Phase, und der Filmfreak Funke hat traumhafte (Mitsprache-)Konditionen ausgehandelt. Die amerikanischen Mechanismen von Vorschuss und Marktwert haben – in Schrifstellerdimensionen – schwindelerregende Formen angenommen.

"Fantasy setzt Dinge frei, die du im Realismus nur begrenzt beleuchten kannst." Die Verbindung aus Fabulierlust und Wirklichkeitssinn, die ihre Bücher prägt, ist nun auch zum Markenzeichen ihres Lebens geworden. "Die Welt mit den Augen anderer sehen, als etwas Fremdes, das muss Fantasy leisten. Dann ist sie keine Flucht, dann hat sie einen ähnlichen Effekt wie Brechts Verfremdungstheorie." Das ist wichtiger, als ständig um die eigene Befindlichkeit zu kreisen. "Ich glaube, Christa Wolf hat einmal gesagt, dass sie durch das Schreiben mehr zu sich selbst findet. Bei mir ist es umgekehrt: Wenn ich schreibe, möchte ich nicht zu mir selber finden, sondern zu allen anderen. Wenn ich es Kindern erkläre, sage ich: Schriftsteller sein bedeutet, die Stimme der anderen zu sein." Cornelia Funke schüttelt den Kopf: "Über mich selbst zu schreiben wäre für mich der langweiligste Gegenstand." Zum Glück für alle flüsternden Leser.