Ludolf von Wartenberg und Jürgen Trittin verbindet nicht viel. Vor allem keine innige Freundschaft. Dennoch lässt ausgerechnet der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) dem grünen Umweltminister das größte denkbare Kompliment zuteil werden. Trittin sei von allen Ministern der Regierung Schröder "der erfolgreichste", sagt von Wartenberg über den Chef des Umweltressorts, den meistgehassten Gegner der Manager.

Der Industrielobbyist mit dem CDU-Parteibuch findet Trittins Politik nicht gut. Ganz Gentleman, erkennt er allerdings an, dass der Grüne seine Hausaufgaben am besten erledigt hat. Trittin sieht das selbst ähnlich; gern lässt er wissen, dass er sich um sein Einkommen nicht sorgen müsste, würden Minister nach Leistung bezahlt.

Trotzdem ist die Ökobilanz der Ära Schröder durchwachsen. Der Dux, der Deutsche Umweltindex, verdeutlicht das. Er wird berechnet vom Umweltbundesamt und misst den Fortschritt in puncto Ökologie, von der Artenvielfalt bis zur Rohstoffproduktivität. Sein aktuellster Wert liegt um ein Fünftel unter dem Soll einer nachhaltigen Entwicklung. Der ökologische Fortschritt blieb mithin, so das Bundesamt, "hinter den zur fristgerechten Zielerfüllung notwendigen Erfolgen zurück". Trotz Rot-Grün.

Die Erfolge. Atomausstieg – erledigt. Naturschutzgesetz – novelliert. Dosenpfand – reformiert. Emissionshandel – in Kraft. Ökosteuer – Alltag. Wind- und Sonnenenergie – die Deutschen sind Spitze. Jürgen Trittin hat viel geschafft. So viel, dass ihm nicht nur der BDI-Funktionär von Wartenberg Respekt zollt, sondern auch Jochen Flasbarth, der frühere Präsident des Naturschutzbundes Nabu. Der lobte Trittin vor der Bundestagswahl im Herbst 2002 gar als "erfolgreichsten Umweltminister aller Zeiten".

Ein Lob mit Folgen. Mittlerweile gehört Flasbarth als Abteilungsleiter im Umweltministerium zum engen Kreis um Trittin – während sich in der Ökoszene Furcht vor einer schwarz-gelben Regierung mit Enttäuschung über die rot-grüne mischt. Dieser Frust ist sogar dermaßen ausgeprägt, dass Gerhard Timm, Geschäftsführer des BUND, seine Mitstreiter davor warnen zu müssen glaubte, im Wahlkampf "die Grünen zum Hauptgegner zu machen".

Warum sollten sie das? Immerhin verlieh doch das Wissenschaftszentrum Berlin der umweltpolitischen Leistung der rot-grünen Regierung das Etikett "bemerkenswert". Der Atomausstieg habe Deutschland zu einer "internationalen Spitzenposition" verholfen. Die ökologische Steuerreform sei "eine herausragende Leistung". Und die Förderung erneuerbarer Energien habe eine "dynamische Entwicklung" zur Folge gehabt, so die Bewertung der professionellen Politikbegutachter.

Dass die Ökogemeinde trotzdem ernüchtert auf die vergangenen sieben Jahre blickt, ist das Resultat enttäuschter Liebe – und der Kluft zwischen dem, was die Regierung Schröder versprochen und dem, was sie zustande gebracht hat.

Beispiel Atomausstieg: Das Paragrafenwerk, das eine Begrenzung der Laufzeit der hiesigen Kernkraftwerke auf 32 Jahre vorsieht, verachten hartgesottene AKW-Gegner als "Gesetz zur Förderung der Atomkraft"; womöglich erweist sich nach der Wahl, dass der Ausstieg nicht einmal "unumkehrbar" ist, wie Rot-Grün verkündet hatte.

Beispiel Emissionshandel: Das neue Instrument der Klimapolitik habe die Regierung Schröder regelrecht "kastriert", urteilte der WWF, nachdem Trittin und sein größter Widersacher, Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, ihren Streit um die Regeln für den Handel mit den Verschmutzungslizenzen beigelegt hatten.

Beispiel Ökosteuer: Dass Schröder & Co die Abgabe auf Strom und Kraftstoff nach fünfmaliger Erhöhung einfach einfroren, stieß in der Ökoszene auf Unverständnis – zumal Rot-Grün selbst den Obolus als "Musterbeispiel für eine nachhaltige Energiepolitik" gepriesen hatte.

Trittin verabschiedete sich zum Ärger seiner Gefolgschaft sogar förmlich von Helmut Kohls einstigem Versprechen, Deutschlands klimaschädliche Kohlendioxid-Emissionen bis 2005 gegenüber 1990 um ein Viertel zu senken. Als die Europäische Umweltagentur unlängst mitteilte, der Treibhausgas-Ausstoß sei hierzulande im Jahr 2003 um 2,3 Millionen Tonnen gewachsen, verstieg sich der Umweltminister obendrein zu dem überraschenden Kommentar: "Deutschland rückt seinem Klimaschutzziel immer näher."

Die Misserfolge. Klimaschutz ist laut Trittin "die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts". Trittins eigene Bilanz beim Kampf gegen die Erderwärmung ist allerdings wenig überzeugend. Laut Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) stagniert der CO2-Ausstoß seit 1999 – trotz chronisch schwachen Wirtschaftswachstums, trotz des massiven und von Trittin geförderten Baus der Windräder.

Einer der Gründe dafür: Trittin blieb einer der einsamsten Minister. Zwar schuf der Kanzler den grünen Kabinettsausschuss, das "Green Cabinet"; grüner wurde Schröders Politik dadurch nicht.

Werner Müller und Wolfgang Clement beispielsweise, seine beiden Wirtschaftsminister, haben wenig Ehrgeiz entwickelt, um Bürger und Betriebe zum sparsameren Verbrauch von Energie zu animieren. "Bisher wurden die – meist rentablen – Energie- und Materialeffizienzpotenziale (…) kaum verfolgt", hat der Nachhaltigkeitsrat sie dafür gerügt. Selbst die explodierenden Ölpreise animierten den Wirtschaftsminister nicht, Effizienz ganz oben auf seine Agenda zu setzen. Unter rot-grüner Regie ist Deutschland deshalb nicht viel produktiver im Umgang mit Energie geworden. Erst nachdem Schröder Neuwahlen in Aussicht gestellt hatte, präsentierte sein Wirtschaftsminister Eckpunkte für mehr Energieeffizienz – versehen mit dem Kommentar: "Die bisherige Energie- und Klimapolitik braucht eine gründliche Erneuerung."

Auch die diversen Verkehrsminister haben nicht gehalten, was sie hätten halten sollen. Schröder verschliss vier davon; "umweltgerechter" wurde der Verkehr nicht. Gleich viel Investitionen in Straßen- und Schienenwege? CO2 als Bemessungsgrundlage der Kfz-Steuer? Mehr Güterverkehr auf die Schiene? Fehlanzeige. Der motorisierte Individualverkehr hatte 1998 einen Anteil von 85,3 Prozent am Verkehrsaufkommen; 2003: 85,2 Prozent. Offiziell sinken zwar die CO2-Emissionen des Verkehrs, weil an deutschen Zapfsäulen weniger getankt wird; tatsächlich sind die Emissionen des Straßenverkehrs laut DIW seit 1998 sogar leicht gestiegen, unter anderem weil die Deutschen mehr im Ausland tanken. Immerhin, Rot-Grün führte nach einer Pannenserie tatsächlich die Lkw-Maut ein. Laut Umweltbundesamt liegt ihr verkehrslenkender Effekt allerdings "unterhalb der Messgenauigkeit".