Deutschland war nie ein Darling des Weltgeists. Ging der Geist nach links, ließ er Deutschland rechts liegen, irgendwo auf einem Sonderweg. Wenn allerdings das Pendel "global" nach rechts ausschlug, just dann entdeckte Deutschland die Wollust der Zeitgeistigkeit – so sehr, dass aus dem Mitmachen gleich wieder etwas Einzigartiges, ein Sonderweg wurde. So wie Deutschland ihn interpretierte, hat es der Weltgeist nie gemeint. Die Welt ist bekanntlich bereit gewesen, Franco zu ertragen, Salazar, Mussolini, Dollfuß, Antonescu, hat also gezeigt, dass sie nicht grundsätzlich kämpferisch antifaschistisch war. Gegen keinen dieser faschistischen Diktatoren hat sie einen Befreiungskrieg angestrengt – aber Deutschland! Dass es just bei größter Willfährigkeit gegenüber weltpolitischen Entwicklungen immer anders kam, als man dachte, ist eine zutiefst deutsche Erfahrung. Zugute halten muss man ihr: Man dachte. Und es sind nicht erst die "Ossis", die sich das heute denken.

Bereits der Beginn der bürgerlichen Revolutionen produzierte in Deutschland eine paradigmatische Erfahrung, die man als "Deutschlands ewigen Kreislauf zu sich selbst" bezeichnen kann: vom gut gemeinten politischen Desaster zur konservativen geistigen Läuterung. Die Revolutionäre des Wartburgfests, so sie nicht in Kerkern verschwanden, mussten in die Neue Welt flüchten, um dort die Erfahrung zu machen, dass die edlen Wilden mit dem Ave Maria auf den Lippen starben. Winnetous "Scharlie, ich sterbe als Christ!" in den Armen des geflüchteten deutschen Burschenschaftlers Old Shatterhand ist das archetypische Bild für die Läuterung des bürgerlichen deutschen Revolutionärs: Jetzt konnte der amerikanisierte Deutsche den Stutzen abgeben und den Stutzer hervorkehren. Ein Bild, das sich bis zu Joschka Fischers Dresscode-Geschichte wiederholte.

Ach, und wie es immer anders kam, stets nach dem Prinzip der simplen Umkehrung! Für die Arbeiterbewegung hatte die deutsche Bourgeoisie den Begriff "vaterlandslose Gesellen" geprägt und durchgesetzt – heute fleht die deutsche Sozialdemokratie auf Knien das international agierende deutsche Kapital an, an das Vaterland zu denken und im Land zu bleiben, während es der DGB Jahr um Jahr nicht schafft, auch nur einen Schritt in Richtung zumindest eines europäischen Gewerkschaftsbundes weiterzukommen. Verkehrte deutsche Welt! Versucht man, die Praktiken großer Unternehmen, den Staat zu erpressen, bis dieser den Konzernen Steuerbefreiung gewährt, als das zu bezeichnen, was es ist, nämlich Klassenkampf – wird man als einer verhöhnt, der sich aus der "historischen Mottenkiste" bedient. Hätte man nicht von einem sozialdemokratischen Kanzler oder von seinem an Karl Chemnitz vormals Marx geschulten Vizekanzler erwarten können, auszusprechen, wo hier die "Mottenkiste" steht: nämlich bei jenen, die zurückwollen hinter die sozialen Errungenschaften des letzten halben Jahrhunderts, ja mehr noch, die allen Ernstes sogar die Rückkehr von der relativen zur absoluten Mehrwertproduktion fordern und dies mit aller wirtschaftlichen und politischen Gewalt, über die sie verfügen, durchzusetzen beginnen. Diese Mottenkiste ist so alt, dass die Motten darin bereits alle tot sein sollten.

Das ist Deutschland heute: Die Restauration tritt auf als Zukunftshoffnung, während Rot-Grün kaum noch imstande ist, ihr Parteiprogramm zu restaurieren. Wild entschlossen, wieder einmal einem "internationalen Trend" jene Willfährigkeit zu erweisen, die schon sehr bald als "Befehlsnotstand" gegenüber dem Weltgeist entschuldigt und mit einem geläuterten "Nie wieder!" ad acta der Geschichtsbücher gelegt werden wird, wetteifern Regierung und Opposition darum, vor einer Wahl mit größerer Glaubwürdigkeit zu verkünden: "Wir haben keine Wahl!" Weil: "die internationale Entwicklung!" Die "Globalisierung!". Der "Standort!". "Schmerzliche Einschnitte" für die "Wettbewerbsfähigkeit". So viel Identität der Phrasen bei aller Differenz der Meinungen!

"Internationale Trends" und "demokratische Normalität" – diese Begriffe bezeichnen auch das Unglück im Glück der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die klassische Demokratieformel – das Wechselspiel zwischen Konservativen mit restriktiver Haushaltspolitik, bis so viele Menschen ihren Anteil am wachsenden gesellschaftlichen Reichtum fordern, dass die Sozialdemokraten die Mehrheit erlangen und ihn so lange verteilen, bis wieder die Konservativen gewählt werden, um das Budget in Ordnung zu bringen, und immer so weiter – ist ebenfalls in Deutschland auf den Kopf gestellt worden. In der Epoche eines international höchst erfolgreichen sozialdemokratischen Vierteljahrhunderts währte die sozialdemokratische Kanzlerschaft in Deutschland gerade einmal eine "heiße Viertelstunde" – in der Berufsverbote für Linke beschlossen wurden. Und das Geld floss statt in den Ausbau des Sozialstaats in den Aufbau eines "starken Staats". Alsbald wurden die Sozialdemokraten kalt abserviert von einem Unions-Kanzler, der aus dem Vollen schöpfte und es mehr als ausschöpfte. Dieser Kanzler stand wie eine Mühle stoisch im Gegenwind und mahlte die Geschichte klein, während die Linke, längst schon untergegangen und daher mit Titanic als ihrem Zentralorgan, dagegen anritt. Und als dann ganz Europa konservativ wurde, sah sich Rot-Grün gezwungen, just das zu tun, was klassisch die Aufgabe jener gewesen wäre, die sie gerade abgelöst hatten: sanieren.

Und noch einmal: Jetzt, da der Weltgeist wieder nach links geht, droht in Deutschland die konservative Wende. Wer mit dem Anspruch an "deutsche Normalität" kann das normal finden?