Die richtigen Prozente

Deutschlands Wirtschaft ist auf das Wahlergebnis nicht angewiesen. Sie hat sich längst erneuert

Mit einiger Chuzpe feiern sich alle Parteien als Wahlsieger – und die Wirtschaft fühlt sich als Verlierer. Nicht, weil nun Strombosse um ihre Atomkraftwerke oder Gentechniker um ihre Margen fürchten. Chefs und Investoren hassen die Unwägbarkeit und das Gefühl, in Berlin zockten die Politiker um Macht, anstatt um Reformen zu ringen.

Und doch ließ sich die Börse Anfang dieser denkwürdigen Woche nicht aus der Fassung bringen. Schon am Dienstagmorgen taten die Anleger so, als sei nichts gewesen, und schoben den Dax aufs Neue in Richtung 5000. Das kann sich auch wieder ändern: Wenn die Berliner Farbenspiele in die Verlängerung gehen und etwaige Koalitionsverhandlungen bloß auf den kleinsten gemeinsamen Reformnenner kommen, könnte es manchem Aktionär zu heiß werden.

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Aber die Börsianer wissen etwas, was vielen politischen Beobachtern derzeit entgeht: Die deutschen Unternehmen vollziehen den größten Umbau der Nachkriegszeit und haben schon enorm an Kraft gewonnen. Selbst bei nüchterner Bewertung und ohne Angie- oder Paul- oder Friedrich-Faktor geben die Profite der Konzerne die derzeitigen Kurse her. Und nichts spricht dafür, dass die neue Stärke nur eine Episode ist – auch wenn das Wichtigste auf sich warten lässt: neue Jobs.

Das Bemerkenswerte: Den größten Anteil an der Erholung der Firmen hat nicht die Wirtschaftspolitik, sondern die Wirtschaft selbst. Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben in diesem angeblich so unflexiblen Land ein kleines Wunder vollbracht. Gemessen an der wirtschaftlichen Leistung, sinken die Lohnkosten, absolut und im Vergleich zu anderen Industrieländern.

Da ist es kein Wunder, dass von den großen reichen Ländern zuletzt nur Deutschland seinen Anteil am Welthandel steigern konnte und das World Economic Forum die deutschen Unternehmen weltweit auf Rang drei führt. Dank einer neuen Konfliktkultur: Früher wäre mancher Konzern mit seinen Jobs einfach ins Ausland abgewandert, heute streiten die Firmen mit ihren Arbeitnehmern und den Gewerkschaften tausendfach um neue Konditionen. Deshalb konnte BMW ein neues Werk in Leipzig bauen, und deshalb wird wohl VW auch in der Krise aufs eigene Land setzen.

Die Wirtschaft hat viel für die Wirtschaft erreicht. Erst hatten die Banken den deutschen Firmen allzu großzügig Kredite gewährt, dann knauserten sie mit dem Kapital. Heute ist der Kreditberg abgearbeitet, und die Banken verleihen wieder mehr. Das ermöglicht neue Investitionen. Und selbst die Zahl der sozialversicherten Jobs könnte in diesem Jahr endlich wieder steigen – jedenfalls gibt es mehr freie Stellen als 2004.

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