dossier Mein fremder Sohn
Der Brite Moazzam Begg saß zwei Jahre lang in Guantánamo. Sein Vater, der einst aus Pakistan ins geliebte England kam, versteht den Fundamentalismus seines Sohnes nicht. Besuch bei einer Familie, die der Heilige Krieg trennt
Am Morgen jenes 7. Juli, an dem in London die Bomben in der U-Bahn explodieren, sitzt der 37-jährige Moazzam Begg in seiner kleinen Londoner Wohnung und ist froh über das Licht, den Himmel und den Regen, denn er schreibt an einem Buch über die Finsternis, aus der er kommt.
Noch ein paar Seiten heute, dann wird er auf die Straße treten und wie jeden Donnerstag zu seiner Frau und den Kindern nach Birmingham fahren. Er wird eine Nacht lang schlafen, sein weißes Gewand anziehen, die weiße Kappe aufsetzen, seinen Sohn nehmen, den, der schon laufen kann, und mit dem goldfarbenen Multivan in die Moschee von Birmingham fahren, denn dort verehrt man ihn wie einen Helden. Er sitzt gemeinsam mit einer Autorin am zehnten Kapitel des Buches, und bald wird es beendet sein, das Buch über seine Zeit als Häftling in Guantánamo Bay. Es fehlen nur noch die letzten Monate bis zu seiner Entlassung vor einem halben Jahr.
Am Morgen, an dem in London die Bomben explodieren, telefoniert sein Vater Azmat Begg in Birmingham mit einem Bekannten, und er muss erst den Fernseher vom indischen Bollywood-Kanal auf BBC umschalten, um zu glauben, was ihm der Anrufer da berichtet.
Am Tag, an dem die Bomben explodieren, liegt Moazzams Bruder Assad noch im Bett, eine Etage über Vaters Wohnzimmer in Birmingham, und er überlegt, wie er mit seiner Freundin am schmerzlosesten Schluss macht. Die jüngeren Brüder sind in der Schule, die Mutter steht in der Küche.
Am Abend nach den Bombenanschlägen wird Moazzam Begg, 37, fast jeder englischen Zeitung gesagt haben, dass er den Anschlag »von A bis Z verurteilt«. Und sein Bruder, 24, wird seiner Freundin gesagt haben, dass er sie nicht mehr liebt. Ihr Vater, 66, wird das Wohnzimmer nicht verlassen haben. Sonst wird es ein Tag wie jeder andere in der Familie Begg gewesen sein. Ein fast normaler Tag zwischen England und Pakistan.
Birmingham, Pakistan. Die Beggs leben in einem Viertel namens Sparkhill. Hier scheint England auf die schmalen Reihenhäuser und das trübe Wetter reduziert. Darüber hat sich wie ein dichter Schleier Pakistan gelegt. In den Geschäften kaufen die Frauen Lebensmittel für den muslimischen Magen, Fleisch und Fisch, der halil ist: erlaubt, koscher. In einer nicht enden wollenden Reihe pakistanischer Restaurants werden scharfe Balti-Gerichte gekocht, die Birmingham den Beinamen Balti-Belt gegeben haben.
In den Stoffläden schneidern Näherinnen den Sari passend auf den schmalen wie den matronenhaften Leib, und weibliche Doktoren preisen ihre Dienste für den enthüllten Körper darunter an. Manche Frau ist bis auf den Sehschlitz schwarz verhüllt, viele haben ihre Haare sauber unter einem Tuch versteckt, der Rest bedeckt sich nur bei Regen mit einem Schirm. Die Männer tragen alles von der Bundfaltenhose bis zur traditionellen Tuchhose. Nur Jeans sieht man selten.
Tritt man jedoch in eines der kleinen Reihenhäuser ein, hebt sich der pakistanische Schleier, und es wird so britisch, als seien Hautfarbe und Religion ganz unbedeutende Äußerlichkeiten. Die Familien sprechen Englisch im unverkennbar breiten Dialekt der West Midlands, und neben der Sonnencreme liegen ihre englischen Pässe. Schön ordentlich, sechs oder sieben, manchmal acht.
Das war einmal anders. Als Moazzams Vater 1964 nach Sparkhill kam, in Schlaghosen und karierter Krawatte mit glänzend schwarzem Haar, da war er ein Exot. Die weißen Nachbarn in der Phipson Road beäugten den dunkelhäutigen Mann aus den ehemaligen Kolonien argwöhnisch, dann nahmen sie ihn freundlich auf.
Seit 1950 sah man Pakistanis in Birmingham, 1961 waren es 6000, Arbeit gab es genug. Sie kamen, weil es auch England nach dem Krieg an Arbeitern mangelte. Sie kamen aus ländlichen Gegenden nach Birmingham, um in den Werken um den Autohersteller Rover zu arbeiten. Englands zweitgrößte Stadt wuchs so schnell wie kaum eine andere im ganzen Land.
Heute ist Moazzams Vater in der Phipson Road kein Fremder mehr, heute sind es die Weißen. Heute sind die Pakistanis zur zweitgrößten Bevölkerungsgruppe in Birmingham herangewachsen.
Der Vater. Fast jeder hier kennt den kleinen Mann mit dem Schnäuzer, der Halbglatze und dem Kugelbauch. Drei Jahre lang hat er in öffentlichen Reden versucht, Tony Blair und George Bush davon zu überzeugen, dass sein gläubiger Sohn Moazzam, der hier in Birmingham vor 37 Jahren geboren wurde, als zweiter von fünf Söhnen, zuerst Engländer ist und dann ein gläubiger Muslim und auf keinen Fall ein Terrorist. Und sollte er doch einer sein, dann solle das bitte von einem englischen Gericht festgestellt werden. Und nicht in Guantánamo.
In diesem Gefangenenlager auf Kuba halten die Amerikaner seit dem Angriff auf Afghanistan 2001 willkürlich Terrorverdächtige fest. Moazzam Begg war zwei Jahre dort. Die Amerikaner hatten einen von Moazzam unterschriebenen Scheck gefunden, von dem sie glaubten, dass er für die Attentäter des 11. September bestimmt war. Moazzam leugnete dies. Im Januar dieses Jahres wurde er dennoch entlassen, obwohl er ein Geständnis unterschrieben hatte. Das habe er nur getan, sagt er heute, weil die Amerikaner ihm gedroht hätten, ihn noch weitere vier Jahre einzusperren, am Ende würde er womöglich auf dem elektrischen Stuhl landen. Jetzt hat er keinen Pass, darf England nicht verlassen und wird rund um die Uhr vom Geheimdienst beschattet. Das waren die Auflagen, die die Amerikaner gemacht haben, bevor sie ihn aus Guantánamo freiließen. Seither ist er arbeitslos.
Der Vater sagt: »Wenn du geboren wirst, dann bist du absolut nichts. Du bist ein Kind. Und wenn du aufwächst, dann wirst du das, was man dir beibringt. Man wird das, was die Umstände aus einem machen.«
Die Umstände – das ist der Lebenskampf eines Vaters, dessen ganzer Stolz die Militärtradition seiner pakistanischen Familie ist. Und der doch selbst nicht zum Militär durfte. Die Umstände, das war zuletzt der Kampf dieses Vaters für seinen Sohn: der Kampf eines nicht praktizierenden Muslims der Einwanderergeneration für seinen strenggläubigen Jungen, der hier geboren wurde und aufwuchs. Es war der Kampf eines einzelnen Vaters gegen die Weltmacht Nummer eins, eines David gegen einen Goliath. Ein Gefühl, das hier viele kennen.
Der Abendbrottisch ist gedeckt. Es ist Freitag. Der Geruch von Spinat, Lammfleisch und Koriander durchzieht das Haus. Die Mutter steht in der Küche und wärmt in der Mikrowelle auf, was sie noch im Gefrierschrank hat.
- Datum 22.09.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Es ist durchaus möglich, dass Moazzam die Wahrheit sagt.
Zwischen dem reinen Kultur Islam und dem terroristisch-fundamentalistischen Islam gibt es noch den orthodoxen Islam, der hier meistens als Islamismus bezeichnet wird.
Alle maßgebenden islamistischen Gruppierungen lehnen Gewalt, außer zur Selbstverteidigung, ab.
D.h. es ist möglich dass er in Afghanistan usw. war, ohne dass ihn der terroristisch-fundamentalistische Islam "infiziert" hat, wie der Artikel sagt. Sein Impfstoff wäre der Islamismus gewesen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren