Abi Spezial Freiwillige vor!
Rund 18000 junge Menschen beginnen jährlich ein Freiwilliges Soziales Jahr. Warum?
Als ich einem Achtjährigen das Laufen beigebracht habe, war das eine meiner schönsten Erfahrungen«, sagt Sophie Müller, 21. Sie verbrachte ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in einem Kinderheim für körperlich und geistig behinderte Kinder in Russland. Der Junge mit Down-Syndrom musste den ganzen Tag im Bett liegen und hatte nie laufen gelernt – bis Sophie Müller aus Hamburg kam.
Bei der Initiative Christen für Europa hatte sie sich für ein FSJ beworben, mit einem Motivationsschreiben und einem Gutachten ihres Russischlehrers. Zwei Monate lang wurde sie mit Sprach- und Landesunterricht auf das Jahr in der Fremde vorbereitet. Wo genau es hingehen sollte, erfuhr sie erst eine Woche vor der Abreise: in ein Kinderheim nach Priosersk, einem kleinen Dorf, drei Zugstunden von St. Petersburg entfernt, wo sie eigentlich hinwollte. Anfangs war Sophie enttäuscht, heute ist sie froh, ihre Zeit auf dem Land verbracht zu haben. »Ich habe Russland auf eine ursprüngliche Weise kennen gelernt.« Angespornt durch ihre Erfahrungen im Kinderheim, studiert sie jetzt Heilpädagogik in Köln.
Seit 1964 haben Menschen zwischen 16 und 27 Jahren die Gelegenheit, sich sozial zu engagieren. Über 300000 haben seitdem ein Freiwilliges Soziales Jahr oder ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) absolviert. Die meisten Freiwilligen arbeiten in einer Behinderteneinrichtung, im Krankenhaus, Kinder- oder Altenheim. Im Freiwilligen Sozialen Jahr in der Kultur und im Freiwilligen Sozialen Jahr im Sport kann man seinen Dienst beispielsweise in der Denkmalpflege oder im Sportverein leisten. Wer immer schon mal ein Jahr Schafe hüten oder wilden Müll aufspüren wollte, kann sich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr bewerben.
In der Regel – das besagt ja schon der Name – dauert der Freiwilligeneinsatz zwölf Monate und beginnt jedes Jahr im August. Die Beschäftigten erhalten ein Taschengeld von durchschnittlich 180Euro im Monat sowie kostenlose Unterbringung, Verpflegung und Arbeitskleidung. Die Freiwilligen sind während ihres Einsatzes unfall- und sozialversichert, die Eltern erhalten Kindergeld. Die großen Trägergruppen bundesweit sind das Deutsche Rote Kreuz, die Diakonie, der Internationale Bund, der Paritätische Wohlfahrtsverband, die Arbeiterwohlfahrt und die Caritas. Jugendliche, die es ins Ausland zieht, können ihr FSJ etwa bei den Organisationen Lernen und Helfen in Übersee oder Jugend für Europa machen. Bei der Bewerbung zählt nicht der Schulabschluss, sondern die Motivation. Etwa 80 Prozent der Freiwilligen sind Mädchen. Seit das FSJ alternativ als Zivildienst anerkannt wird, steigt der Anteil der Jungen.
Hannes Poft, 20, Abiturient aus Bremerhaven, hatte eigentlich nie vor, ein FSJ zu machen: »Es hatte den Ruf, dass das nur Mädchen machen, die nach dem Abi nicht wissen, wohin.« In der Oberstufe machte er ein Praktikum in einem Internat für behinderte Kinder. Unbedingt wollte er dort auch seinen Zivildienst leisten. Doch als er sich bewarb, waren alle Stellen vergeben. Der Internatsleiter schlug ihm vor, stattdessen ein FSJ zu machen. Anstatt neun Zivi-Monaten muss Hannes Proft zwölf Monate absolvieren, doch er beklagt sich nicht. »Ich wollte unbedingt in diesem Internat arbeiten. Dass ich länger bleibe, ist doch gut; da muss ich nicht mitten im Schuljahr die Kinder verlassen.«
Viele nutzen das FSJ als Ausbildungsangebot. So ist bei angehenden Medizinern das Deutsche Rote Kreuz beliebt. Dort kann man in zwölf Monaten einen Rettungssanitäterschein machen. Im Medizinstudium kann das einen lukrativen Nebenverdienst ermöglichen. Nicht zuletzt überbrücken einige mit dem FSJ die Wartezeit zum Studienbeginn. Die Monate werden als Wartesemester angerechnet, an manchen Fachhochschulen ersetzt der freiwillige Dienst Praktika.
Reine »Mädchensache« ist das FSJ schon längst nicht mehr
Bei Inken Lübbers, 20, aus Erlangen bei Nürnberg reichte der Abi-Schnitt nicht für das erhoffte Medizinstudium. So bewarb sie sich beim Internationalen Bund in Nürnberg. Nun begleitet sie auf der Kardiologiestation die Krankenschwestern, misst Blutdruck, Puls und Temperatur und pflegt die Patienten. Für die FSJ-Bescheinigung muss sie außerdem begleitende Seminare besuchen. Ihre Arbeit im Krankenhaus gefällt Inken Lübbers so gut, dass sie das FSJ sogar um drei Monate verlängert hat. Praktisch auch, weil es in diesem Semester mit ihrem NC immer noch nicht fürs Medizinstudium gereicht hat.
Auch aus anderen Gründen als gelebter Nächstenliebe ist das FSJ beliebt. »Besonders begehrt sind die Mutter-Kind-Kureinrichtungen an der Küste«, sagt Christina Mattner, FSJ-Leiterin beim DRK Landesverband Oldenburg. »Dort stehen Wohnunterkünfte zur Verfügung. Dass sie endlich zu Hause ausziehen können, ist für viele attraktiv.«
Da es dreimal so viele Kandidaten wie Plätze gibt, sollte man sich schon früh bewerben: »Wer im August beginnen möchte, sollte sich im Januar bewerben.« Denn soziales Engagement ist teuer. Jeder Platz kostet die Trägerstelle monatlich rund 660 Euro, davon gibt der Bund maximal 72 Euro. »Viel zu wenig«, sagt Uwe Slüter, Sprecher des Bundesarbeitskreises Freiwilliges Soziales Jahr. Trotzdem erprobt das Bundesfamilienministerium derzeit, Freiwilligendienste generationsübergreifend für alle Altersgruppen zu öffnen. »Bei unserem demografischen Wandel reicht es nicht, wenn die wenigen jungen Leute die Gesellschaft sozial unterstützen. Dafür brauchen wir die Hilfe aller Bürger, auch die der älteren«, sagt Martin Schenkel, Leiter des Bereichs Bürgerschaftliches Engagement und Freiwilligendienste im Bundesfamilienministerium.
Freiwillig wird der Freiwilligendienst vielleicht nicht mehr lange bleiben. Obwohl die Kostenverteilung noch nicht geklärt ist, überlegt die Bundesregierung, anstelle von Wehr- und Zivildienst das Freiwillige Soziale Jahr für Jungen wie Mädchen zur Pflicht zu machen.
Zum Thema:
Deutscher Bildungsserver:
Freiwilliges Soziales Jahr
- Datum 22.09.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39
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