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Erzähl mir was vom Pferd!
Ungewöhnliche Studiengänge locken erstmalig Studenten
Ein Blick über die Fächerlandschaft zeigt: Die Hochschulpfade sind ausgetreten. Über 640.000 junge Menschen studieren ein Fach aus den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Fast 100.000 befinden sich im Studium der Humanmedizin. Da sucht so mancher Studienwillige nach Schleichwegen, die auch zu vielversprechenden Zielen führen. Eine kleine Pfadfinder-Expedition von Ost nach West.
Kreativpädagogik
In der Torgauer Straße 114 in Leipzig finden sich drei Bildungseinrichtungen unter einem Dach: eine Grundschule, ein Gymnasium, eine Hochschule. Letztere vervollständigt vom Wintersemester an mit ihrem ersten und einzigen Studiengang Kreativitätspädagogik das eigene kleine Bildungssystem von Professor Hans-Georg Mehlhorn – es sei denn, das Wissenschaftsministerium widerspräche dem Antrag noch.
Acht Kreativitätskindergärten, neun Grundschulen und ein Gymnasium in den neuen Bundesländern arbeiten bereits nach dem Konzept, das Mehlhorn und seine Frau Gerlinde entwickelt haben. Forscher der Universität Bamberg und des Deutschen Instituts für internationale pädagogische Forschung evaluieren derzeit deren Arbeit. Tanz, Theater, Musik und Kunst werden dort ebenso unterrichtet wie der kreative Umgang mit Sprache und mit neuen Medien sowie strategisches Denken. Dafür brauchen die Schulen speziell ausgebildete Lehrer – die soll die Hochschule hervorbringen. Unter anderem.
»Das Studium könnte für alle interessant sein, die in einem außerschulischen Berufsfeld kreativitätspädagogisch arbeiten wollen«, sagt Kunstpädagogik-Professor Frank Schulz von der Uni Leipzig, der als Gründungsdekan der neuen Hochschule fungiert. »Und jemand, der ein Lehramtsstudium macht, bekommt eine Zusatzqualifikation.« Die Lehrveranstaltungen werden vorwiegend freischaffende Künstler bestreiten, die Gebühren betragen pro Monat 590 Euro, in der berufsbegleitenden Variante 230 Euro.
Informationslogistik
»Nach 50 Metern bitte rechts abbiegen«, sagt die freundliche Frauenstimme. Immer mehr Autofahrer hören solche Ansagen, denn sie leisten sich ein Navigationssystem. Damit das funktioniert, muss die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein – ein Fall für Informationslogistiker der Hochschule für Technik Stuttgart. Im Oktober startet der Bachelor-Studiengang. »Eine Förderentscheidung steht noch aus, sodass der wirkliche Startschuss eventuell erst 2006 fällt«, schränkt Studiengangsleiter Professor Volker Coors ein. »Aber los geht’s in jedem Fall in diesem Jahr. Im ersten Semester ist das Studium ohnehin deckungsgleich mit dem der Informatik.«
Neben Informatik werden unter anderem BWL und Logistik auf dem Stundenplan stehen. »Informationslogistiker sollen die Systeme für ortsbezogene Informationen entwickeln und vor allem in Betrieben einführen können«, sagt Coors. »Geoinformatiker oder Vermessungsingenieure haben normalerweise keinen Bezug zur Softwareentwicklung. In diese Lücke stoßen wir.« Die Berufsaussichten für Informationslogistiker seien ausgesprochen gut: »Firmen, die Navigationssysteme entwickeln oder sich um die Datenbeschaffung und -aufbereitung kümmern, wachsen sehr stark.«
Sportpublizistik
Wilfried Mohren und Jürgen Emig taugen nach ihren Schmiergeldaffären nicht mehr als Vorbilder, aber es gibt ja noch Gerhard Delling. »Und die Berufsethik wird bei uns ein wichtiger Inhalt sein«, verspricht Professor Helmut Digel, der an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen den Hut aufhat für den bundesweit ersten Bachelor-Studiengang Sportpublizistik. »Wir wollen eine Qualitätsoffensive starten für die Ausbildung des Nachwuchses im Sportjournalismus.«
Das Bestehen der Sporteingangs- prüfung der baden-württembergischen Hochschulen ist Studienvoraussetzung. Da wird ein zukünftiger Sportjournalist nicht anders behandelt als ein angehender Sportlehrer. Die Lehrveranstaltungen umfassen Sport- und Medienwissenschaft. Auch zwei dreimonatige Praktika gehören zwingend dazu. Einige regionale Zeitungen und den SWR haben die Organisatoren dafür mit ins Boot geholt. Überhaupt habe es aus der Praxis schon viele positive Signale gegeben, berichtet Helmut Digel. Auch die Lehrenden kommen großteils aus Redaktionen. Die 15 Sportjournalisten, die künftig pro Jahr in Tübingen ausgebildet werden, sollen sogar »der Praxis voraus sein«, verspricht Digel. Die entsprechende technische Ausstattung sei vorhanden.
Horse Business Management
Caroline Arlt, 20, kommt aus der Nähe von Eisleben in Sachsen-Anhalt und weiß genau, was sie will: »Ich werde später einen Reitstall in der Provence haben und für Touristen Trekking-Touren anbieten.« In der Agentur für Arbeit erfuhr die Pferdenärrin, dass es jetzt einen Studiengang gibt, der genau zu ihrem Ziel passt: Horse Business Management, angeboten von der Hogeschool Drenthe, einer niederländischen Fachhochschule. Also paukt Caroline fleißig Niederländisch. Ein achtwöchiger Intensivkurs und weitere Sprachmodule gehören für die deutschen Studenten dazu. Denn im Studium geht es in der Landessprache um BWL mit den Schwerpunkten Absatzwirtschaft und Marketing. »Das Ganze wird vom dritten Jahr an auf die Pferdewirtschaft zugeschnitten«, erklärt Henk Stegemann, Leiter der Deutschland-Kampagne der Hochschule.
Mit Pferden müssen auch das Praktikum im fünften Semester und die Abschlussarbeit zu tun haben. Schließlich sollen die Absolventen fähig sein, eine Züchterei zu managen, Rennen zu organisieren oder eine Reitschule zu eröffnen. »Die Aussichten sind gut, in einigen niederländischen Provinzen sowie in Niedersachsen und NRW ist die Pferdewirtschaft ein wichtiger Bereich«, sagt Stegemann. Caroline Arlt setzt weiter auf die Provence. Dafür nimmt sie gern einen Umweg über den Studienort Emmen südlich von Groningen und 600 Euro Studiengebühren pro Jahr in Kauf.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39
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