Mitten in Chile, tief in einem Berg der Anden, flimmern rote und gelbe Leuchtstreifen. Sie werfen ein bisschen Licht in ein weitgehend dunkles, etwa acht Quadratmeter großes Büro. Es ist ein Kontrollraum von El Teniente, der weltweit größten Untertagemine für Kupfererz. In ihren 2400 Kilometer langen Gängen, Schächten und Galerien schürfen die Arbeiter mit ihren Maschinen derzeit unter Hochdruck Erz, um die unaufhörlich steigende Nachfrage nach Kupfer auf dem Weltmarkt zu bedienen. Und mittendrin, zwischen den roten und gelben Leuchtstreifen, arbeitet Roberto Díaz.

Der Ingenieur überwacht an seinen Bildschirmen das Feuermeldesystem, die Belüftung und drei riesige unterirdische Zwischenlager für das Kupfererz, die je 15.000 Tonnen fassen können und immer gefüllt sein müssen. Meistens ruhen seine Augen allerdings auf einem Bildschirm im Zentrum des Büros. Dort ist die digitale Karte eines Bahnstreckennetzes zu sehen – darin regelt Díaz den Verkehr. Er steuert von seinem Computer aus alle Signale und Weichen für die Züge, die das Erz aus dem Lager heraustransportieren. "Meine Aufgabe", erklärt Díaz, "ist Zeitmanagement: Ich eliminiere überflüssige Zeit."

Immer schneller und maschineller, so lässt sich die Entwicklung des Kupferbergbaus beschreiben. Das gilt heute mehr denn je, seit der Weltmarktpreis für die Tonne Feinkupfer in die Höhe geschossen ist und Mitte September an der Londoner Metallbörse den Preis von 3710 Dollar je Tonne erreichte. Gleichzeitig gingen die bei den großen Metallbörsen in London, New York und Shanghai registrierten Kupfervorräte auf einen historischen Tiefstand zurück. Schon ist die Rede von einem neuen "Superzyklus", einem Preishoch über viele Jahre, wie es die Branche zuletzt von Mitte der fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre im Zuge des weltweiten Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg und der japanischen Industrialisierung erlebte.

Getrieben wird die Nachfrage derzeit vor allem von China – wie in anderen Rohstoffmärkten auch. Das Reich der Mitte hat seinen Kupferkonsum in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. 2004 brauchte China insgesamt 3,6 Millionen Tonnen Kupfer – und stand damit für gut ein Fünftel der weltweiten Nachfrage. Die Chinesen benötigen das rote Metall für Kühlschränke, Klimaanlagen, Häuser und Autos. Besonders kupferhaltig sind die neuen hybriden Autotypen mit ihren großen Elektronikkomponenten. "Das grüne Auto wird China im Sturm erobern", glaubt Robert Friedland, Präsident der kanadischen Ivanhoe Mines.

Kupfer ist nach Silber der beste Strom- und Wärmeleiter, außerdem ist es ein weiches und dehnbares, fast unzerstörbares Metall. "Kupfer ist das intelligenteste Metall der Welt und zugleich das beste Metall für nachhaltige Entwicklung, denn es kann immer wieder recycelt werden, ohne an Qualität zu verlieren", schwärmt Werner Marnette, Vorstandsvorsitzender der Norddeutschen Affinerie, der größten europäischen Hütte für Kupfererz. Aus Kupfer sind etwa die Drähte, Kabel und Schienen in elektronischen Geräten, die Heiz- oder Kühlschlangen in Autos, Wohnungen oder Industriemaschinen. Von daher sei "die Kontrolle über Kupfer für das Wachstum der asiatischen Volkswirtschaften von strategischer Bedeutung", sagt Claudio Gambogi, Chef von APC Consulting SA, einem italienischen Handelshaus für Rohstoffe.

Besser könnten die Aussichten für die Regierung in Santiago de Chile kaum sein: Die Mine El Teniente ist Teil von Codelco, dem weltweit größten Kupferkonzern mit einem Umsatz von zuletzt 8,2 Milliarden Dollar. Und Codelco hat nur einen Aktionär: Chile. Der Konzern ist ein Staatsbetrieb.

Rund 40 Prozent der weltweiten Kupfervorkommen liegen in Chile

Im vergangenen Jahr holte Codelco rund 1,9 Millionen Tonnen Feinkupfer aus den Bergen und lieferte damit rund 13 Prozent des globalen Kupferangebots. Nahezu 40 Prozent der weltweit bekannten Kupfererzvorkommen liegen in Chile.

Seit El Teniente Anfang des letzten Jahrhunderts von der nordamerikanischen Braden Copper Company in Betrieb genommen wurde, haben sich die Arbeiter mehr als einen Kilometer tief in die Anden gefräst. Es gibt 14 Stockwerke, von oben nach unten durchnummeriert und jeweils etwa 15 Meter hoch. Das Kontrollzentrum von Roberto Díaz befindet sich in der Mitte, auf Niveau Sub-5. Während die obersten Ebenen bereits stillgelegt sind, haben Explorationsarbeiten gezeigt, dass noch mindestens bis zu 25 Stockwerke weiter unten im Berg reichlich Kupfer vorhanden ist.

Je weiter man in die unteren, neueren Produktionsebenen kommt, desto weniger Menschen und umso mehr Maschinen sind zu sehen. Auf Niveau Sub-5 sitzen beispielsweise noch zwei Dutzend Männer in bequemen Ledersesseln in einer Reihe, vor sich einen Computerbildschirm, die linke Hand am Joystick. Was wie ein Spielkasino aussieht, ist Präzisionsarbeit: Die Männer bedienen Presslufthämmer, die in etwa einem Kilometer Entfernung stehen und große Gesteinsbrocken zerkleinern. Sind sie klein genug, schaufeln andere Männer das Erz mit ihren Baggern in Schächte, die nach unten auf das Niveau der Eisenbahnen führen.

Immerhin sind die Bagger noch bemannt. In den Stockwerken, die noch weiter unten liegen, sind sie schon ferngesteuert. Aber das ist längst nicht das Ende der Automatisierung. In den jüngsten Produktionseinheiten arbeiten nur noch Roboter und machen sogar die Männer am Joystick überflüssig.