pop Hobbithausen schlägt zurück
The Magic Numbers aus England machen Musik für trendmüde Antizykliker
Fassungslosigkeit im Beatbetrieb. Wie sehen die denn aus? Wo um alles in der Welt werden solche Exemplare von naturhaarigen Musikanten noch hergestellt, wenn nicht hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen oder im schönen Hobbithausen, Bezirk Mittelerde? Vier Moppel-Ichs mit Jeansjacken und Poposcheiteln, wie sie spätestens seit den Siebzigern aus der Mode sind, offensiv getragen von einem zwiefachen Geschwisterpaar, das in Interviews behauptet, es ginge ihm um Musik und nur um Musik: The Magic Numbers sind eine Band, die es gar nicht geben dürfte, so wenig passen sie zur diesjährigen, von retroavantgardistischen Farbgebungen und einem starken Trend zum Konzept dominierten Sommerkollektion. Dass sie dennoch existieren, gehört zu den Glücksfällen der Saison.
Wer nicht unablässig damit beschäftigt ist, in der Öffentlichkeit eine gute Figur zu machen, setzt nämlich Energien frei, von denen andere nur träumen können, und diese wiederum kommen hier Tugenden zugute, wie man sie inmitten all der schlau ausgedachten Trendware schmerzlich vermisst hat. Schönklang, Know-how in der Sache, gediegenes Handwerk! Kunsthandwerk meinetwegen, aber mit welch beseelter Naivität vorgetragen! Die Numbers sind die wahrscheinlich letzte Band dieses Planeten, die sich auf die Verfertigung zuckriger, filigran über mehrere Kadenzen hinweggeschwungener Melodiebögen versteht. Außerdem beherrschen sie die kulturell verloren geglaubte Technik des mehrstimmigen Satzgesangs wie sonst nur die kanadischen McGarrigle Sisters oder weiland die Beach Boys – andere Bands, die ihr Ausdrucksvermögen aus dem Familienkontext herausgemendelt haben.
Natürlich ist auch das nichts Neues, nur eine mit Sinn für Details in Szene gesetzte Reverenz an Zeitalter, in denen die Popmusik noch ein paar Nummern größer träumte und der Liedvortrag modisch sorgloser Mitmenschen noch nicht gänzlich verpönt war. Es ist ein fragiler Zauber um diese mal munter, mal sehnsüchtig vor sich hin hoppelnden, gelegentlich von einer Melodica verzierten Harmoniegesänge, ein Zauber, der einen ängstlich fragen lässt, ob die im heimischen England bereits im vollen Gang befindliche Verklärung des Antitrends zum Trend wirklich eine gute Idee ist. Von Elton John bis hin zum notorischen Noel Gallagher reicht der Chor der Lobredner, durch die Bank preisen sie das naturbelassen Melodieselige des schlicht The Magic Numbers betitelten Debutalbums mit einem Überschwang, der schon geringere Talente zum Verstummen gebracht hat.
Ob Uncool wirklich das neue Cool wird – wir werden sehen. Doch sollten die Magic Numbers auch nur die Schwalbe dieses verregneten Sommers gewesen sein, so waren ihre Songs immerhin ein so zuverlässiges Vergnügen wie der Eiskremwagen am Nachmittag und all die anderen dick machenden, aber schwer verzichtbaren Dinge im Leben, und das, liebe Fashion Victims und notorischen Nase-im-Wind-Haber, ist mehr, als die vielen szenenotorischen Neo-Retro-New-Wave Bands aus der Konzept-Retorte von sich behaupten können. Wenn alles sowieso wiederkommt, ist hinten nämlich manchmal das schönere Vorne. Jetzt, wo der Herbst vor der Tür steht, warten wir nur noch darauf, dass der Norwegerpullover wieder in Mode kommt.
The Magic Numbers: The Magic Numbers(Heavenly/EMI 33057425)
- Datum 22.09.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39
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