50 Filmklassiker Die Spur im Sand

Eric Rohmers Film "Pauline am Strand" von 1983 hat eine Handlung, die vorüber ist, bevor sie begonnen hat. Aber was heißt schon Handlung.

Dieser Film ist spröde und abweisend, scheu und verschlossen. Er spielt am Meer und ist kalt wie Eis. Er wird keine Leidenschaft entfachen und kein Herz für sich gewinnen. Man wird Eric Rohmers Film Pauline am Strand (1983), der von nichts anderem handelt als von der Liebe, nicht lieben, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Er ist artifiziell wie ein Kartenhaus und unerbittlich wie ein Strafgericht. Seine Handlung ist vorüber, noch ehe sie begonnen hat, doch was heißt schon Handlung.

Ein Tor zu einem Sommerhaus in der Normandie öffnet sich, und nach 90 Minuten wird es wieder geschlossen. Dazwischen liegt ein Kammerspiel am Strand, ein Drama der Ernüchterung, eine große Entzauberung. Vier Personen kommen zusammen und gehen wieder auseinander. Seltsam tonlos sprechen sie über die künftige Leidenschaft, über den einen und den Einzigen. Die 15-Jährige Pauline glaubt wie Stendhal an die Kristallisation – daran, dass sich die Gefühle für den anderen »anlagern« wie ein Kristall, langsam, beständig und für immer. Ihre geschiedene Cousine Marion dagegen hofft auf einen coup de foudre, der die Liebenden trifft wie ein Blitz: Dieser Mann ist es und niemand anderes. So gibt sich jede Figur ein Versprechen, eines für den Tag und eines für die Nacht. Doch ihre Moral und ihr Gesetz haben sie nur, um sie zu brechen. Pauline weist den werbenden Dorfjungen zurück und streichelt ihm bereits über das Knie. Marion wartet auf den Märchenprinzen und überbrückt die Zeit bis zu seinem Eintreffen mit Henri, der »frei sein will wie ein Vogel« und nur der Untreue die Treue hält.

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Langsam wird es Herbst, die Abendsonne wärmt nicht mehr, der Reigen zerbricht. Je kälter es zwischen den Figuren wird, je mehr Niedertracht und Verrat Einzug halten, desto mehr berauscht sich Eric Rohmer an der eigenen Askese, an winzigen Gesten und verblassenden Farben, am Windspiel der unwillkürlichen Berührung. Immer drängender stellt er die Frage, ob es den Gegenstand der Leidenschaft überhaupt gibt – ob das, was die mechanischen Herzen »Liebe« nennen, nicht bloß ein Gespenst ist, ein symbolisches Gerippe, das ein letztes Mal über die Bühne des Lebens huscht, während seine Wahrheit längst verstorben ist.

Tatsächlich sind Rohmers Bürgerskinder die Erben einer Aufklärung, die kein Erbarmen kennt. Restlos emanzipiert, benutzen sie die romantischen Liebesmetaphern wie ein abgelegtes Kostüm; ihre hohe Moral maskiert das Kalkül der Leidenschaft und den Gebrauch der Körper. Am Ende ist das romantische Flüstern nur der Umweg, den das Verlangen nimmt, um rascher ans Ziel zu gelangen. Allein Pauline ist noch nicht vollständig in das Netz der lieblosen Welt verwoben, und manchmal klingen ihre Sätze wie ein fernes Echo des verratenen Traums. Gerade ihr, die Zeugin wird, wie die Erwachsenen mit Aufrichtigkeit betrügen, legt Eric Rohmer eine Wahrheit in den Mund, die sich im Schlussbild verliert wie eine Spur im Sand. Nur der Romantiker wird sie finden.

 
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