Schweiz / EU Alpentraum
Mehr Jobs, mehr Geld – warum Deutsche den Schweizer Arbeitsmarkt erobern
"Das ist Wahnsinn", sagt Peter Jäger von der Schweizer Zahnärztegesellschaft. In den vergangenen knapp 16 Monaten habe die eidgenössische Gesundheitsbehörde neben knapp 100 Schweizern etwa 800 Deutsche als Zahnärzte zugelassen. Zwar hätten die Menschen immer weniger Löcher in den Zähnen, sagt Jäger, dennoch ströme die deutsche Konkurrenz ins Land. Denn seit Juni 2004 haben die Bürger der 15 alten EU-Länder praktisch unbeschränkten Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt – und den nutzen nicht nur Zahnärzte. Auch Felix Sigrist von der Firma Manpower freut sich. Er vermittelt in Zürich Arbeitskräfte für Bauwirtschaft und Industrie. »Die Ostdeutschen sind die besten, extrem motiviert, immer zu Überstunden bereit«, sagt er. Bei einem Jobangebot bekämen sie »leuchtende Augen«. Fast 2000 habe er schon in die Schweiz locken können, oft mit einer Verdoppelung des Nettolohns.
Die Deutschen erobern den Schweizer Arbeitsmarkt – ob als Krankenpfleger, Kellner oder Unternehmensberater. Fast 12000 sind im vergangenen Jahr in die Schweiz gezogen, um eine langfristige Stelle anzutreten, zehn Jahre zuvor waren es noch nicht mal 5000. Tendenz: weiter steigend. Fast 200000 Menschen mit einem deutschen Pass leben mittlerweile zwischen Bodensee und Genfer-See, das sind knapp drei Prozent der Bevölkerung.
Offene Stellen und hohe Gehälter – sie machen die Schweiz attraktiv. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 4,3 Prozent, in der EU erreicht nur Irland einen so niedrigen Wert. Trotz starker Zuwanderung ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt entspannt. Der Europaservice der Bundesagentur für Arbeit verspricht Auswanderern in der Schweiz Nettogehälter, die 65 Prozent über den deutschen liegen. Doch der Arbeitsvermittler Felix Sigrist warnt vor zu hohen Erwartungen: »Ein goldenes Leben führt nur, wer sein Schweizer Gehalt in Deutschland ausgibt.« Denn auch das Preisniveau ist höher und liegt etwa ein Drittel über dem deutschen.
Am kommenden Sonntag entscheiden die Eidgenossen in einer Volksabstimmung darüber, ob sie ihren Arbeitsmarkt auch für die Bürger der zehn neuen EU-Staaten öffnen. Zwar gälte die volle Freizügigkeit für die Osteuropäer erst von 2011 an, also nach einer langen Übergangsfrist. Dennoch ist im Alpenland darüber ein heftiger Streit entbrannt, denn es geht zugleich um die Zukunft der Beziehungen zur EU – und auch um die Zukunft der deutschen Einwanderer.
1992 verwarfen die Schweizer den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum, dem neben den EU-Staaten auch Norwegen, Island und Liechtenstein angehören. Die Regierung beschloss, den Weg der wirtschaftlichen Annäherung mit einer Reihe bilateraler Abkommen zu beschreiten: etwa dem Staatsvertrag über den Personenverkehr, der den Deutschen seit dem vergangenen Jahr weitgehende Freizügigkeit garantiert. Freilich bestanden die Schweizer darauf, bei jeder EU-Erweiterung per Referendum darüber entscheiden zu können, ob die neuen Unionsbürger auch bei ihnen willkommen sein sollen. Zwar akzeptierte die Europäische Union diese Klausel, doch sie empfände ein Nein der Schweizer am Sonntag als Ohrfeige, zumal es dem Kernprinzip der Union widerspräche: der Nichtdiskriminierung. Wieso sollten sich die Schweizer ihre EU-Einwanderer aussuchen können, während die Mitgliedstaaten zur Öffnung des Arbeitsmarkts verpflichtet sind?
Die Schweizer Regierung will die Europäische Union nicht verärgern und ist so nervös wie schon lange nicht mehr vor einer Volksabstimmung. Zwar gaben bei der jüngsten Umfrage nur 39 Prozent der Bürger an, gegen die Öffnung votieren zu wollen, doch wenige Tage vor der Abstimmung sind noch viele unentschieden. Eine wuchtige Koalition aus Parteien und Wirtschaftsverbänden wirbt deshalb kräftig für die Zustimmung. Auch die Gewerkschaften haben sich der Kampagne angeschlossen, nachdem sie der Regierung ein weit reichendes Gesetz gegen Lohndrückerei abtrotzen konnten.
Die Opposition gegen die Ostzuwanderung ist zwar überschaubar – aber nicht minder lautstark. Als Einzige der großen Parteien will die rechtspopulistische Schweizerische Volkspartei (SVP) die weitere Öffnung des Arbeitsmarktes verhindern. Im Widerspruch zu zahlreichen wissenschaftlichen Prognosen malt sie die Gespenster Masseneinwanderung und Massenarbeitslosigkeit an die Wand. In der Abstimmungsschlacht verweist SVP-Präsident Ueli Maurer gern auf die »monatlich 3500« Deutschen, die schon jetzt ins Alpenland »strömen« – gewissermaßen als Anfang vom Ende der Schweizer Behaglichkeit. In der Europäischen Union hört man solche Töne gar nicht gern. Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner warnte die Schweizer bereits im Sommer vor einem Nein. Dann »hätten wir ein Problem«, sagte sie und deutete an, dass die Union erwägen könnte, alle bilateralen Abkommen zu kündigen, die Beziehungen zum Alpenland in eine tiefe Krise zu stürzen – und damit auch den Zugang der Deutschen zum Schweizer Arbeitsmarkt zu kappen.
Siehe auch Leben, Seite 70
- Datum 22.09.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39
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