interview
»Auf Schröder kann niemand verzichten«
Einsichten eines rot-grünen Wahlkämpfers – ein Gespräch mit dem Nobelpreisträger Günter Grass über mögliche Koalitionen, den Mythos von der Vollbeschäftigung und die Angst, dass sich jemand verzählt hat
Günter Grass: Hallooo! Ich bin guter Laune!
DIE ZEIT: In Ihrer Wahlkampfrede sprachen Sie davon, im Laufe Ihres Lebens eine »Vielzahl mittelgroßer Niederlagen« erlitten und ebenso viele »nicht kleinere Siege« errungen zu haben. Was bedeutet dieser Wahlausgang für Sie?
Grass: Für mich ist klar, dass niemand auf einen so starken Bundeskanzler wie Gerhard Schröder verzichten kann. Wenn das in einer Großen Koalition nicht möglich ist, geht nur eine Ampelkoalition. Warum nicht? Die FDP ist geübt im Umfallen. Als stärkster Koalitionspartner könnte sie drei Minister bekommen, dafür gibt es sicher auch einen Ehrgeiz. Außerdem hätte sie in einer solchen Regierung die Möglichkeit, sich auf ihre wirklich liberalen Positionen zurückzubesinnen. Das hielte ich unter einem Kanzler Schröder für möglich.
ZEIT: Aber Schröder und seine Partei haben vier Prozent verloren. Dennoch stellt er den Anspruch zum Weiterregieren. Finden Sie das richtig?
Grass: Er ist der Wunschkandidat der Bevölkerung. Ich sehe niemanden im anderen Lager, der auch in krisenhaften Situationen souverän – entsprechend der Souveränität der Bundesrepublik – diese Position wahrnehmen kann.
ZEIT: Jetzt gibt es schon Stimmen, die sagen, Stoiber könne eh besser mit Schröder als mit Merkel.
Grass: Auch das ist eine Möglichkeit. Ich halte ohnehin die CDU/CSU-Konstellation, in der sie gemeinsam als stärkste Partei auftreten, für einen gelinden Schwindel. Wenn die FDP partout nicht will, warum nicht mit den Grünen und der CSU?
ZEIT: Wieder, wie bei der Wahl in NRW, hat Schröder verloren – und bestimmt doch die Debatte. Ganz schön anmaßend, oder?
Grass: Ein politisches Naturtalent, davon gibt’s nicht so viele. Er hat sich nicht entscheidend einschüchtern oder deprimieren lassen. Das ist ein mutiger Mann.
ZEIT: Haben Sie für Schröder genauso gern Wahlkampf gemacht wie für Willy Brandt?
Grass: Das kann man nicht miteinander vergleichen. Brandt hat einen ganz anderen Hintergrund gehabt. Aber vor allem die außenpolitische Entwicklung Schröders hat mich motiviert, für ihn Wahlkampf zu machen. Doch mit diesem positiven Ergebnis habe ich nicht gerechnet. Es ist nicht nur eine Niederlage der Umfrageinstitute, sondern auch der Medien. Einen solchen Niedergang des Journalismus hab ich in der Bundesrepublik noch nicht erlebt. Brandt hatte sehr starken Gegenwind, aber er hatte die ZEIT auf seiner Seite, den stern, den Spiegel, die Süddeutsche. Schröder hat bis auf einen Teil der ZEIT gegen alle großen Medien kämpfen müssen und das unbeirrbar getan.
ZEIT: Es gibt eine linke Mehrheit in Deutschland. Überrascht Sie das?
Grass: Nein, bei der sozialen Lage ganz gewiss nicht. Dass sind die horrenden Fehler, die Frau Merkel gemacht hat: Sie hat versucht, sich an die FDP anzugleichen und sie mit Kirchhof sogar noch zu übertrumpfen. Und dazu haben die Wähler, die ja rechnen können, rechnen müssen, nein gesagt.
ZEIT: »Auf unterwürfige Weise lächelt man sich nicht ins Kanzleramt«, haben Sie über Angela Merkel gesagt. Aber die Wähler wollen sie dort sehen.
Grass: Das tut man einfach nicht, einen Antrittsbesuch in Washington zu machen und den Bundeskanzler gegenüber Bush schlecht zu machen! Ich habe sie deswegen eine Petzliese genannt, und ich bleibe bei diesem Ausdruck.
ZEIT: Und wenn sie nun Kanzlerin wird?
Grass: Gut, dann müssen wir mit einer Petzliese als Bundeskanzlerin leben. Und das wird sicher nicht einfach sein. Himmelherrgott! Die politischen Talente sind hier nicht so dicht gesät, und wir haben mit dem Schröder eines, das im In- wie im Ausland eine starke Position einnimmt. Also bleiben wir doch bei dem Mann.
ZEIT: Die Möglichkeit einer Großen Koalition besteht immer noch. Wie sind Ihre Erinnerungen an die Große Koalition von 1966 bis 1969?
Grass: Ich bin damals dagegen gewesen. Ich sah ungern, dass ein aktiver Nazi wie Kiesinger als Bundeskanzler neben einem Emigranten wie Brandt saß. Im Nachhinein muss ich sagen, dass diese Große Koalition ein paar Dinge zuwege gebracht hat, die ich ihr nicht zugetraut hätte. Aber das lag sicher auch daran, dass die Sozialdemokraten mit Heinemann als Justiz- und Brandt als Außenminister die Weichen gestellt haben für eine sozial-liberale Koalition.
ZEIT: Welche Aufgaben muss eine neue Regierung – egal, wie sie aussieht – als Erstes angehen?
Grass: Sie muss die innenpolitischen Reformen fortsetzen. Sie muss die Fehler bei Hartz IV – vor allem bei Leuten, die jahrelang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben und jetzt benachteiligt werden – korrigieren. Aber die Richtung ist richtig. Wir müssen zu einer Bürgerversicherung hinkommen. Und eine veränderte Bevölkerungsstruktur berücksichtigen. Und dann etwas, das nach der Pisa-Studie von allen anerkannt wurde: Wir brauchen die Gesamtschule als Ganztagsschule, um die Bildungsungerechtigkeit aufzuheben. Das ist ja inzwischen sogar von einigen CDU-Leuten anerkannt worden.
ZEIT: Im Wahlkampf haben Sie noch einmal das Lied von der Zivilisierung des Kapitalismus angestimmt. Wird die neue Regierung das hören wollen?
Grass: Das Kartellrecht muss erneuert werden, es ist zahnlos. Es muss doch Dinge vermeiden können, die im Grunde antikapitalistisch sind! Überall entstehen Monopole, gerade im Energiebereich. Da gibt es keinen Markt mehr. Das muss gebrochen werden. Und ich bin für eine Börsensteuer. Ich bin dafür, dass die Gewinne, die dort abgeschöpft werden, steuerlich belastet werden.
ZEIT: Alle politischen Parteien erhoffen sich von einem Wirtschaftswachstum die Lösung aller Probleme. Was, wenn trotz besserer Konjunktur drei Millionen Arbeitslose bleiben?
Grass: Wir müssen uns von diesem Wunschziel Vollbeschäftigung verabschieden und zu einem anderen Begriff von Arbeit kommen. Man kann nicht Automation in allen Bereichen forcieren und gleichzeitig auf Vollbeschäftigung setzen. Ich bin zum Glück nicht in der Position, aber wenn ich Bundeskanzler wäre, würde ich zum Beispiel für mehr gut ausgebildete Altenpfleger sorgen, die auch ordentlich entlohnt werden. Das ist eine Aufgabe, die sich der Öffentlichkeit stellt und die auch Arbeitsplätze schafft. Dann: erneuerbare Energien. Auch dort sind Arbeitsplätze entstanden. Diese Dinge muss man forcieren. Das ist ja in den letzten Wochen beinahe untergegangen: Wir stehen gar nicht als Letzte in der Welt mit der roten Laterne da. Von der Weltbank ist die rot-grüne Regierung gelobt worden, weil sie Reformen angepackt hat.
ZEIT: Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, die sich nicht mehr ausschließlich über Arbeit definiert?
Grass: Das ist mit das Schwierigste. Das betrifft auch mich. Auch ich habe mein ganzes Leben als Arbeit definiert. Ich bin ein schlechter Freizeitmacher. Allerdings würden mir einige Dinge einfallen, die ich in der Freizeit dann täte, wenn ich nicht dauernd schreiben oder basteln oder modellieren würde. Das ist ein langfristiges Problem, das kann man nicht per Gesetzesbeschluss lösen.
ZEIT: Die Ära Rot-Grün ist in jedem Fall zu Ende. Was wird von ihr bleiben?
Grass: In jedem Fall der Atomausstieg und das Eintreten für erneuerbare Energien. Dass man die Reformen angefangen hat, zu denen es keine Alternative gibt. Und die Leistungen in der Außenpolitik. Mit welcher Häme ist Schröders und Fischers Nein zum Irak-Krieg bedacht worden – heute sind wir dankbar dafür, dass die beiden uns vor der Verwicklung in diesen Krieg bewahrt haben.
ZEIT: Politisches Engagement heißt in Wahlzeiten zwangsläufig, für eine Partei zu trommeln. Wären Sie nicht gerne mal unabhängig davon?
Grass: Ich habe mich nicht für eine Partei eingesetzt, sondern für Rot-Grün. Ich bin froh, zum ersten Mal jüngere Autoren gewonnen zu haben, mit mir gemeinsam aufzutreten. Die haben das zum Teil zum ersten Mal gemacht – mit Bravour. Und sie haben ihren Respekt vor der Realpolitik ausgesprochen, vor den Funktionären und Politikern.
ZEIT: Die jüngeren Schriftsteller werden für das Engagement an Ihrer Seite belächelt.
Grass: Ich bin das gewohnt.
ZEIT: Da müssen die durch?
Grass: Natürlich! Wer sich an die Öffentlichkeit wagt als Schriftsteller, der begreift, dass das ein Risikoberuf ist. Es gibt ja immer die Tendenz im Feuilleton, die Schriftsteller als zuständig für Utopien und Visionen in einen Nebenraum einzusperren.
ZEIT: Wofür sind Sie denn zuständig, für Visionen oder Realpolitik?
Grass: Wissen Sie, das schließt sich ja nicht aus. Brandt ist ein Beispiel dafür. Er war Realpolitiker, der gleichzeitig die Kraft und die Voraussicht hatte, dass eine deutsche Einheit möglich ist, wenn man mit der Gegenseite ins Gespräch kommt. Das ist ein Stück Vision gewesen, das sich als Realpolitik bewiesen hat. Später hat er im Auftrag der Vereinten Nationen den Nord-Süd-Bericht erstellt, von dem wir heute erkennen, dass er völlig richtig war – aber wir haben ihn nicht beherzigt. Schon damals hat er eine Weltinnenpolitik, eine neue Weltwirtschaftsordnung gefordert. Wenn das realisiert worden wäre, hätten wir nicht den Terrorismus von heute.
ZEIT: Wenn Frau Merkel doch noch Kanzlerin wird und Sie zu einem Gespräch ins Kanzleramt bittet – würden Sie hingehen?
Grass: Aber natürlich! Wenn es zu einem politischen Gespräch kommen kann. Aber nur zum Schautanzen trete ich da allerdings nicht an.
ZEIT: Trotz der guten Laune – befürchten Sie nun auch irgendetwas?
Grass:
Dass sich jemand verzählt hat.
Das Gespräch führte
Christof Siemes
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39
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SPD, GRÜNE und die bayerische CSU - Schröder, Stoiber als Vizekanzler und Fischer, das ist die einzige Alternative die Aussicht auf Erfolg hat. Auch Frau Hildegrad Hamm-Brücker hat zuletzt bei Beckmann diese Kombination favorisiert. Edmund Stoiber muß im Interesse von Deutschland und Bayerns über seinen Schatten springen. Deutschland braucht ihn und die CSU. Seehofer könnte ihm dabei helfen. Als Ministerpräsidenten haben Schröder und Stoiber schon so manches Problem gut lösen können und erfolgreich zusammen gearbeitet. Es geht doch!
Rot-grün ist abgewählt worden und die SPD hat herbe Verluste einstecken müssen. Woher der Bundeskanzler den Anspruch hernimmt, dass nur er ein Anrecht auf die Kanzlerschaft hat und eine stabile Mehrheit herbeischaffen kann, ist mir schleierhaft. Etwas mehr Bescheidenheit und die Einsicht, dass man die Wahl verloren hat, täte bei der SPD schon gut. Die Art und Weise, wie man mit dem politischen Gegner umgeht, mit dem man ja evtl. in einer großen Koalition zusammenarbeiten will, ist schon erschreckend. Auch Herr Grass sollte sich eingestehen, dass die Ära Schröder einmal zu Ende geht.
Herr Grass, das ist doch absurd. Die CSU geht doch in keine Koalition mit der SPD ohne die CDU. Und wenn, das würde innerhalb der Union großen Ärger geben. Wahrscheinlich droht Merkel Stoiber dann mit der Gründung einer Bayern-CDU. Das könnte wiederum in Zukunft einen Sitz der CSU im Bundestag stark gefährden. Herr Grass, wenn Sie das hier lesen: Sie glauben doch nicht ehrlich, das es soweit kommen könnte?
Die Anzeichen für einen wirklichen Epochenwandel verdichten sich immer mehr. Das wird ein Fest für die Menschheit werden, denn wer hätte gedacht, daß sich die Bürger in demokratischen Wahlen, die in Zeiten unhaltbarer Versprechungen abgehalten werden, von den Schaumschlägern des Neoliberalismus einfach keine Notiz genommen wird. Bravo!
Es mag ja sein, daß der Bundespräsident, der immerhin mit seiner Vorfahrtsregelung für Arbeit irgendwie zu der Notwendigkeit dieser Neuwahlen beigetragen hatte, nicht ganz richtig verstanden wurde. Denn der Gedanke, daß der Wille zur Vollbeschäftigung ja nicht unbedingt in Beschäftigungstherapie ausarten sollte, ist wohl hoffentlich noch erlaubt. Da gibt es für intelligente Menschen ja dann schließlich doch noch Besseres zu tun.
Dies endlich zu begreifen ist die Aufgabe unserer Zeit.
Diese ganze Vollbeschäftigung, die durch den journalistischen Druck erzeugt wird, der erst falsche Deutungen mitproduziert und dann die wegen des Wahlergebnisses angeblich so verwirrten Bürger einer Kanzlerin zuführen möchte, ist doch der Wahnsinn!
Was hätte wohl Niklas Luhmann zu sagen, wenn er diese Kommunikationskatastrophe noch hätte miterleben dürfen?
Vielleicht, das die Realität der Massenmedien durch kopierte Meinungen im Endeffekt zum Stillstand aller Gehirne in dieser Republik beigetragen hat, es aber vereinzelt noch Helden gibt, die sich darum einen Dreck kümmern.
Der "Kulturoptimist" Schröder wäre so einer.
Deshalb wird er uns auch in das "Neue Deutschland" geleiten.
Auf einen eitlen Pfau wie Gerhard Schröder, der die Politik nur als Kulisse seiner Selbstdarstellungskünste begreift kann das Land sehr gut verzichten. Der Höhepunkt der Schröderschen Arroganz war am Sonntag Abend zu besichtigen. Man muß sich fragen, ob er glaubt, daß ihm das Amt des Bundeskanzlers persönlich gehört. Eine anmaßendere und dreistere Verdrehung von Tatsachen habe ich bei einem Spitzenpolitiker noch nicht erlebt.
Lieber Herr Grass, bei allem Respekt vor Ihrer Lebensleistung, ich hoffe nur, daß der Unfug, den die SPD und Schröder uns in den letzten Wochen und insbesondere Tagen nach der Wahl erzählt haben, endlich aufhört. Leider gehören auch Ihre Ansichten in dem Interview dazu. Diese sind ebenso lebensfremd und unrealistisch, wie die Kanzlerbemühungen von Herrn Schröder. Glauben Sie, Herr Grass, allen Ernstes, daß Herr Schröder mit 38,5% Stimmen im Mai weniger Legitimation hatte, als jetzt mit 34% und einer Koalition mit der CSU? Machtwahn sollte man bitte schön auch so benennen, und Herr Schröder scheint in den letzten Wochen dem Wahn endgültig ausgeliefert zu sein. Gott sei Dank zeigt uns die Geschichte, daß solche Leute früher oder später immer gehen - leider in Schimpf und Schande, weil sie den Absprung zum passenden Zeitpunkt verpasst haben.
Zeitweise erscheinty es, als haben sich unser noch amtierender Bundeskanzler und Herr Grass das Textbuch geteilt. Wie furchtbar die Lage Deutschlands wirklich ist, zeigt sich jetzt, wenn einder der besten Schriftsteller Deutschlands in die Bresche springen muss, um zu verhindern, dass die Neoliberalen einen Sieg, der kein Sieg ist, in einen Regierungsauftrag umzumuenzen. Sieht eigentlich keiner, das unser Sozialsystem trotz aller seiner Schwaechen es wert ist, erhalten zu bleiben?
Ich lebe selbst seit 2 Jahren in Spanien und kann die Politik in Deutschland aus der Ferne betrachten. Allerdings erschreckt es mich, wie tief das Land durch unseren jetzigen Bundeskanzler sinken musste. Statt sich wirklich mit den Problemen des Landes auseinanderzusetzen, bauscht sich Hr. Schroeder mit der anmassenden Haltung eines brunfenden Hirsches auf. Eigentlich sollte Hr. Schroeder, wenn er sich um die Belange und Themen seines Volkes kuemmern wuerde, keine Zeit mehr fuer Brunftgehabe oder sonstiges Geschwaetz und Schlechtmachen seiner Amtskollegen haben.
SCHADE, Herr Schroeder, aber das hat nichts mehr mit Politik zu tun.
Irene Kelz, Bayern
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