Das kann doch wohl nicht wahr sein! Nur wenige Stunden ist es her, dass er seinen Rückzug verkündet hat. Und schon vermisse ich ihn. Dabei ist Joschka Fischer wirklich die Pest. Oft hat er einem schon (verbal) in die Magengrube gehauen, noch bevor er guten Tag sagt. Oder stattdessen. Er polemisiert, er überwältigt, er ist ständig am Netz, er nervt. In seinen dicken Phasen klaut er einem das Essen vom Teller, in seinen dünnen Zeiten macht er einem das Steak madig. Er kann sich nicht benehmen, oder nein, er kann schon, aber er will nicht.

Unmöglich zu ihm ein rein professionelles Verhältnis zu pflegen. Fragen stellen, Notizen machen, ins Büro gehen und etwas niederschreiben – so geht das mit ihm nicht. Er fordert die Auseinandersetzung, intellektuell und immer auch: Mann gegen Mann. Wobei er natürlich meist gewinnt. Gewinnen ist ein Hobby von ihm. Oder eine Angewohnheit. Irgendwann, als ich mal nicht richtig aufgepasst habe, muss so etwas wie Zuneigung zu diesem unmöglichen Menschen entstanden sein. Ich habe das nie mehr ganz wegbekommen.

Vor zwanzig Jahren, sagte Fischer am Dienstag, habe er mit der Unterschrift unter den ersten rot-grünen Koalitionsvertrag (in Hessen) seine Freiheit mit der Macht getauscht, nun wolle er zurücktauschen. Vor zwanzig Jahren haben wir uns auch kennen gelernt. Ich war ein friedensbewegter Student, er auf dem Weg zum "ersten grünen Minister des Planeten", wie seine Hauspostille Pflasterstrand schrieb. Ich habe ihn damals von links kritisiert, aber wahrscheinlich hat er nicht mal richtig zugehört. 1988 fing ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Antje Vollmer im Bundestag an. Es war eine wilde, ziemlich neurotische Phase der Grünen. Ab und an kam Fischer aus Wiesbaden angereist, nie allein, immer als Fischer-Gang. Er versuchte, Ordnung zu schaffen, vergeblich. Dann flogen die Grünen aus dem Bundestag. Meine zwei Jahre Politik waren zu Ende. Fischer regierte und schmollte in Hessen.

Vier Jahre später, 1994, zog die Ökopartei wieder in den Bundestag ein, Fischer wurde Fraktionschef. Ich hatte meinen Beruf gefunden und war Korrespondent der Wochenpost. "Schreib über die CSU, Bernd, von den Grünen verstehst du nichts!" Das war seine übliche Begrüßung auf der Straße. Es war eine gute Zeit für ihn. Die Grünen wurden konzeptionell immer besser, und er steuerte als selbst noch recht junger Patriarch die jüngeren Abgeordneten.

1998 war es dann so weit. Außenminister. Fischer veränderte sich äußerlich und innerlich, es begann die Zeit der wirklich dramatischen Ereignisse. Das zu erleben war etwas ganz besonderes für einen Journalisten. Wenn es darauf ankam, wurde der Außenminister zugleich begnadeter Situationist und handelnder Philosoph. Bei einer Reise nach Israel; am 1. Juni 2001, sprengte sich ein junger Palästinenser vor einer Diskothek, dem Dolphinarium, in die Luft. Sie lag ganz in der Nähe unseres Hotels in Tel Aviv. Viele junge Leute starben. Am Morgen nach dem Anschlag besuchten wir den Tatort. Es roch nach Blut, Fischer war aschfahl, dachte an seine Kinder, die im selben Alter waren wie die Opfer.