Die Sonne steht tief an diesem Nachmittag, sie sind schon seit ein paar Stunden auf der Straße, sie rasen nach Westen, immer nach Westen, den amerikanischen Weg entlang, auf die Sonne zu, diesen hungrigen Feuerball. Die Luft scheint zu brennen, eine Explosion von Hitze und Licht über der kalifornischen Wüste, etwas wird verglühen heute, und etwas wird entstehen.

Kurz hinter Bakersfield haben sie einen Strafzettel bekommen, sie fuhren mehr als 65 Meilen pro Stunde und nicht die 45, wie es hier vorgeschrieben war, sie sind schon sehr viel schneller unterwegs gewesen an diesem Tag, Jimmy liebte es, schnell zu fahren, und das Auto ist ein neuer silberner Porsche Spyder, mehr als 6000 Dollar hat er gekostet. Sie haben die Nummer 130 groß vorne draufgemalt und an die Seite, der Star und sein Mechaniker, und bis zum Rennen am Wochenende muss der Wagen ordentlich eingefahren sein. Der Polizist, der sie anhielt, hieß Oscar Hunter, und wie fast alles im Leben von James Dean hat das eine Bedeutung. Jeder Name, jede Geste, jedes Zeichen, alles ist Schicksal.

Er jagte den Ruhm, er wollte nichts mehr als das, er wusste, was er dafür tun musste. Er musste sterben.

Der Tod von James Dean, vor 50 Jahren am 30. September 1955, in jenem Wrack, an jenem Holzpfahl, wo die Route 46 und die Route 41 sich kreuzen, dieser brutale, tragische, alberne Tod war kein Unfall. Jedenfalls nicht, wenn das Wort Unfall nur beschreibt, dass ein Student mit seinem blauen Ford an einer Straßenkreuzung abbiegt und ein außerirdisch leuchtender offener Porsche ihm in die Seite rast.

Der Tod von James Dean im Alter von 24 Jahren hat seit jenem Nachmittag jede Zufälligkeit verloren. Es ist Fügung aus ihm geworden, dieser Tod ist das Ende und der Anfang einer der großen Geschichten, die sich die westliche Welt des späten 20. Jahrhunderts von sich selbst erzählte, die Geschichte vom verlorenen Sohn, von Trotz, Auflehnung und Vergebung, ein Rätsel, ein Opfer. Etwas Märtyrerhaftes und Erlösendes hat dieser Tod, ein Sog aus dieser Welt hinaus, dem die nachgaben, die sich auf Hochhausdächern an den Händen fassten und ihm nachfolgten, von Hamburg bis Tokyo, die schlimme, schöne, ewige Verzweiflung der Jugend.

"So stehen sie heute noch da, einer neben dem andern, vor den Spiegeln der Herrentoilette, und sie blicken ihr Spiegelbild an und sehen James Dean, die meuternde Frisur, die tiefsitzenden schwimmenden Augen des Ausgestoßenen, den bitteren Ausdruck des Geschlagenen im Gesicht, die Lippen höhnisch verzogen." John Dos Passos hat diesen Teil einer Rebellion beschrieben, die über die Jahre psychoanalytisch bestens ausgeleuchtet wurde und tatsächlich aber wohl weniger mit Vatermord oder Muttersuche zu tun hat und mehr mit einer Art existenzieller Eitelkeit. "Sie ziehen die Taschenkämme, sie wühlen in ihrem Haar und klatschen es hin, einer wie der andere, auf den Millimeter genau, hingerissen tauchen ihre Augen in die Augen im Spiegel, sie verzerren den Mund zu einer Grimasse der Verachtung, jeder Fan ein gottverdammter Narziss, verliebt in sein eigenes Bild, jeder ein kleiner James Dean."

Dieses Schillern, diese Veränderung, diese Weigerung, sich festzulegen

Der Spiegel, in den sie schauen, zeigt jedes Mal etwas anderes und doch das Gleiche. James Deans helles, schnelles, dunkles Leben ist eine Geschichte, die jede Zeit neu liest und anders, von der vergeblichen Romantik der Rebellion, über das existenzialistische Pathos und den Widerstand gegen die Verhältnisse bis zum Geschlechterbild so zwischen Kind und Mann, bis zum Schillernden in seiner Sexualität, bis zur Frage, ob er mit Männern gelebt hat und trotzdem die schöne Pier Angeli lieben konnte, die Schauspielerin, die einen anderen heiratete und später zerbrochen ist und früh gestorben wie so viele, die seinen Weg gekreuzt haben. James Dean wusste um diese Wirkung, er wusste um seine Wandelbarkeit, das war Teil seiner Methode, Teil seiner Schauspielkunst: Er wusste, dass er Wachs sein würde in den Händen der Menschen, damit sie ihre Sehnsüchte daraus formen konnten.

Das ist das Zeitgemäße an James Dean, dieses Schillern, diese Veränderung, diese Weigerung, sich festzulegen – dieses vielleicht eigentliche moderne Gefühl, die Ambivalenz.

"But I’m a million different people from one day to the next", so spuckte es Ende der neunziger Jahre Richard Ashcroft heraus in seiner melancholischen Hymne Bittersweet Symphony, ein Titel auch für Deans Leben. Der Kopf hängend und dabei trotzig, der Gang schleppend und dabei federnd, so unentschieden aggressiv, so autoaggressiv, so geht Ashcroft in dem Video seiner Band The Verve die Straße hinunter, die Jeans, die Lederjacke, die Pose, das Erbe des lange toten Bruders: "I can’t change my mold, no, no, no, no, no, no".