belletristik Liebe zum Würmlein Mensch

Marion Poschmanns erstaunlicher Roman über eine verwirrende Reise nach Magnitogorsk

Die deutschsprachige Literatur der neunziger Jahre hat ebenso gern wie gehäuft über die eigene »weiche« Jugend berichtet. »Alltag« hatte man von ihr eingefordert, und brav gab sie die Erinnerung an die eigenen kleinen Erfahrungen weiter. Marion Poschmanns würde angesichts der Jugend der Verfasserin, geboren 1969 in Essen, gut in dieses Minimalschema passen. Doch schon die Umrisse der Story deuten auf anderes. Ein studentisches Fräulein reist zum hinfälligen Riesenkraftwerk Magnitogorsk am Ural, das Papa, zuständig für die Verteilernetze dort, behandeln soll. Hauptreisegrund der jungen Frau ist allerdings das fehlende Geld zu Hause, das sie in orientierungslose Melancholie versetzt hat, die Arbeit an einer Promotion erschwert.

Eine wenig aufregende Ich-Erzählerin, denkt man sich, doch das stimmt nur zur Hälfte. Ihr Jung-Akademikertum spielt im Buch keine Rolle, und sie ist durchaus zwiespältig, keinesfalls sympathisch dargestellt. Nicht die Einfühlung in eine Generationenhaltung ist das Ziel. Dieses snobistische mittelhohe Töchterlein, das »Zicke« nicht auf dem T-Shirt tragen muss, tritt in der russischen Provinz mit einem wetterfesten roten Mantel, dünnen schwarzen Strümpfen und vielen pikierten Wahrnehmungen auf; als klassische Misanthropin und ebenso gebremste wie gehübschte Variation auf die muffig-kaputten Männer des Houellebecq. Wie deren kleine Schwester glänzt die Ich-Erzählerin mit giftigen Spitzen gegen alle ihr anvertrauten Figuren. Liebe zur eigenen Roman-Bevölkerung bedeutet hier nicht deren nette Deskription, sondern Konzentration auf das anvisierte Ziel, das arme Würmlein Mensch.

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Der eigentliche Held des Buches ist die russische Wirklichkeit

An erster Opfer-Stelle stehen Herr Theodor Cziczinsky und seine Frau. Theodor ist ein gemütlicher Hausvater, der in der Fremde nicht allein sein kann und sich daher die mit flauschigen rosa Pantoffeln und tiefem Ausschnitt versehene, schon etwas ältere russische Lehrerin Vera als Geliebte hält. Schön, wie Poschmann Theos miesen Versuch ausmalt, die Ich-Erzählerin mittels deutscher Familienfotos von der Ehrenhaftigkeit seines Seitensprungs zu überzeugen, um sie für die Beaufsichtigung der ihn besuchenden Hausmütterchen-Gattin zu gewinnen. Wunderbar aber auch Theos Triumph, wenn er, im eigenen überquellenden Fett, zu seinem Fünfzigsten eine Party springen lassen darf.

»Theo pflegte ein Gefühl von Autonomie und Freiheit, er hockte in einem goldenen Tabernakel aus Selbstgefälligkeit und Exzess, wusste sich umringt von Netzstrümpfen, Häufchen von Blusen, winzigen Röcken. Leicht bekleidete Frauen stießen mit ihm an, große rote Münder lachten, schwarze Augen jubelten, weil es ihn gab, ihn, Theodor, Spender einer weiteren Runde, Ursache nicht mehr versiegender Freude, Spender von Tanzmusik.« Selten hat ein gestandener Kleinbürger in der jüngsten deutschsprachigen Literatur ein derart opulentes Porträt erhalten.

Doch der eigentliche Held des Buchs ist die russische Wirklichkeit, und es macht die Qualität dieses Buches aus, dass es versucht, mit ihr klarzukommen. Von anfangs etwas hilflosen Klassifikationen, »graue Blocks, modellhaft, unpersönlich«, spannt es auf seinen dreihundertzwanzig Seiten einen weiten, immer intensiveren Bogen. Vom Werksgelände geht es über die Hotelexistenz der Deutschen auf die Märkte der Stadt, je nach Wetterlage in schwarzen, schwefelgelben oder roten Rauch gehüllt, »Fleisch auf blutigen, wässrigen Tischen, rosa und rot marmoriertes saftiges Muskelfleisch, in dem Knochen steckten, Haken, Spieße. Enthäutete Kuh- und Pferdeschädel.« Frauengespräche in rustikalen Dampfbädern stehen neben Bildern der Freundschaft zu einem todkranken Russen, mit dem die Ich-Erzählerin durch die verpestete Gegend streift. Sie begleitet Konstantin zu seiner Großmutter, die ihn, in aller Hilflosigkeit, mit Wacholderbeeren und Blättern von Nachtschattengewächsen zu retten versucht. Höhepunkt der Reise in die Vergiftung ist die Begegnung mit dem Sperrgebiet um das Atomkraftwerk Tscheljabinsk, das die Ich-Erzählerin mit ihrem Vater am Ende besucht. Die Sprache des Buchs bleibt dabei so variantenreich wie all die Schauplätze, die es entwirft. Neoexpressionistische Poesie des Massiven für die Industriewelt steht neben einem spröden Realismus für die bescheidenen Interieurs.

Ab und zu verliert die Ich-Erzählerin ihren offenen Blick auf die Wirklichkeit, schon liegt sie schief. Etwa als sie sich in der Glorifizierung des Chefs der deutschen Ingenieure versucht und in phrasenhaften Kleinmädchenfantasien von dessen »herrischer Eleganz« und »hoher Energie« schwärmt. Natürlich steigt die Ich-Erzählerin mit der angehimmelten Autorität ins Bett, und beim Sex auf hübsch beranktem Jugendstilteppich brechen auch noch »morsche Stämme aus großer Höhe herab, stöhnend, mit beängstigender Unersättlichkeit«. Mit Blümlein verbrämte Körper, so geht das über Seiten und gilt als Beschreibung eines ekstatischen Liebesakts.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39
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  • Schlagworte Liebe | Belletristik | Literatur | Russland
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