Am Eingang des Petrified Forest National Park in Arizona bat ein Schild die Besucher, keine Souvenirs aus dem versteinerten Wald mitzunehmen, sonst müsse man den Park bald schließen. Dem Psychologen Robert Cialdini von der Arizona State University stieß dies sauer auf. Der Mann, eine Autorität auf dem Gebiet der Überredungskunst, experimentierte deshalb mit verschiedenen Schildern vor dem Park. Und stellte fest, dass die ursprüngliche Version nur schadete, sie ermunterte die Besucher beim Test dazu, mehr ausgelegte Versteinerungen abzuschleppen. Dem Schild entnahmen sie, Klauen sei hier ortsüblich – und folgten der Sitte. Cialdini hält es deshalb für falsch, Fehlverhalten zu bekämpfen, "indem man es als bedauernswert verbreitet darstellt". Das sei zwar "verständlich, aber abwegig".

Auf verständliche Abwege geraten nicht nur Amerikaner. Beispielsweise prangerte der Sozialverband VdK vor zwei Jahren auf Großplakaten an: "60 Prozent aller Betriebe beschäftigen keine/n über 50". Das sollte die Bevölkerung und Arbeitgeber "nachdenklich machen". Fragt sich nur, zu welchem Schluss die Bosse dabei kamen. In die gleiche Falle tappen laut Cialdini auch Kampagnen, die den erschreckend hohen Konsum an Alkohol und Zigaretten beklagen. Es ist eben ein tückisches Unterfangen, seine Mitmenschen auf den rechten Weg führen zu wollen. Im Extremfall bewirkt man das Gegenteil des Erhofften.

So testete Greg Maio von der Universität Cardiff Anzeigen gegen rassistische Vorurteile im psychologischen Labor. Die Werbung war jener der britischen Commission for Racial Equality nachempfunden. Ausgerechnet Teilnehmer mit zwiespältigem Verhältnis zu anderen Volksgruppen fühlten sich bestärkt: Sie demonstrierten hinterher mehr Vorurteile, als wenn sie statt der politisch korrekten Anzeige eine für Mobiltelefone gesehen hätten. Als Grund nennt Maio, die antirassistischen Anzeigen hätten keine überzeugende Argumentation geboten, sondern nur kurze Slogans.

Noch verhängnisvoller wirkte ein Aufklärungsversuch des ZDF Anfang der achtziger Jahre zum Thema Selbstmord. Jede Folge der Serie Tod eines Schülers zeigte eingangs, wie sich die Titelfigur vor einen Zug wirft. In den Wochen danach stieg die Zahl der Eisenbahnsuizide signifikant an, bei älteren Schülern um 175 Prozent. Als ein Privatsender die Serie trotz Warnungen erneut ausstrahlte, wiederholte sich das Drama.

Der Verdacht, kontraproduktiv zu wirken, umgibt auch die klassische Drogenaufklärung: Regt es die Schüler nicht zum Probieren an, wenn ein Polizist mit Musterkoffer ihnen die faszinierenden Substanzen vorstellt? Tatsächlich konsumierten Schüler nach einigen frühen Präventionsprogrammen mehr Drogen als jene aus Kontrollgruppen. Beim Alkohol besteht der gleiche Verdacht. Ein Team um David Foxcroft von der Oxford Brookes University prüfte vor drei Jahren 56 Studien aus sechs Ländern zur Alkoholprävention bei Jugendlichen. Immerhin zeigten vier Studien negative Wirkungen – beispielsweise tranken die Schüler später mehr. Diese Resultate könnten allerdings auch Zufall sein.

Die eigentliche Hiobsbotschaft lautet: Die allermeisten Anstrengungen konnten keine Erfolge nachweisen. Bei zwanzig Initiativen fand Foxcroft "Belege für Wirkungslosigkeit". Was die restlichen auf kurze und mittlere Sicht brachten, ließ sich nicht sicher sagen. Die Befunde waren ausgesprochen gemischt und oft "nicht überzeugend". Lediglich acht Programme hatten überhaupt geprüft, ob ein eventueller Nutzen länger als drei Jahre anhielt, nur eines davon beurteilt Foxcroft als vielversprechend. Ähnlich wenig scheinen die meisten schulischen Antirauchprogramme auf Dauer zu bewirken. Sarah Wiehe von der Indiana University School of Medicine zog vor kurzem eine düstere Bilanz: Nur bei acht Programmen weltweit – darunter kein deutsches – wurde überhaupt geprüft, ob sie nachhaltig wirken. Wieder war nur eines erfolgreich, bei allen anderen gingen die Erfolge rasch in Rauch auf. So fiel auch das ausgefeilte Hutchinson Smoking Prevention Project durch, das amerikanischen Schülern von der dritten bis zur zehnten Klasse 56 Unterrichtseinheiten angedeihen ließ. Zur traurigen Bilanz trug auch DARE (Drug Abuse Resistance Education) bei, das wohl bekannteste Drogenpräventionsprogramm der Welt. Es kostete Milliarden und erreichte zeitweise drei Viertel der US-Schüler. Schon Anfang der neunziger Jahre bewiesen Untersuchungen, dass die Schüler dank DARE zwar mehr über Drogen wussten, aber unbeeindruckt weiter Rauschgift und Tabak konsumierten. Vor vier Jahren änderte DARE seinen Ansatz – mit noch ungewissem Ausgang.

In Deutschland würde ein ähnliches Desaster womöglich gar nicht auffallen, denn der Nutzen von Drogenpräventionsprogrammen wird bestenfalls oberflächlich untersucht. "In Deutschland wird ja kaum überprüft", klagt Privatdozent Reiner Hanewinkel vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT) in Kiel. "Jeder kann sagen, wir haben ein schönes Programm."