Gögglingen

Die Sage ist falsch und geht so: Als Napoleon im Zuge des dritten Koalitionskrieges 1805, vom Rhein kommend, auf Ulm vorrückte, da machte er Rast im Gasthof zum Ritter im Dorf Gögglingen. Dort entdeckte er in seinem Salat eine Schnecke - und verurteilte den unglücklichen Wirt sogleich zum Tode. Nur dem Umstand, dass die Tochter des Wirtes die französische Sprache beherrschte, war es zu verdanken, dass der Vater am Leben blieb, so steht es noch heute nachzulesen auf den Papiertischdecken, die zahlreich im Ritter ausliegen.

Ein rührendes kleines Drama, das mit der Aufforderung verbunden wird, doch einmal die französische Zwiebelsuppe des Hauses oder den Rostbraten Napoleon zu versuchen. Vor der Tür wirbt ein Schild mit dem prominenten Gast: In diesem Haus gastierte Kaiser Napoleon I. im Jahre 1805 aus Anlaß der Schlacht um Ulm bei Oberelchingen. Und zuweilen tritt ein klein gewachsener Schauspieler in französischer Uniform auf und bringt die Kundschaft zum Lachen. Die Gögglinger sind stolz auf ihre Vergangenheit, sagt der Ortsvorsteher Markus Mendler.

Der Wirt des Ritters und seine geschichtshungrigen Gäste wären wohl unbehelligt geblieben, würde sich nicht die Stadt Ulm seit einiger Zeit auf den Gedenktag 200 Jahre Schlacht von Elchingen vorbereiten. Wahr ist nämlich, dass nach dem Sieg der Grande Armée bei Elchingen am 20. Oktober der österreichische Oberbefehlshaber Leutnant von Mack zur Kapitulation gezwungen wurde, woraufhin Napoleon der Nachwelt den Satz hinterließ: Der Tag von Ulm ist einer der größten in der Geschichte Frankreichs.

Leider gehört zu dem großen Gedenktag ein Rahmenprogramm. An dessen Organisation wiederum beteiligt sich der Historiker Thomas Schuler, der seit vier Jahren an dem Buch Napoleons Blitzkrieg nach Bayern arbeitet. Schuler hat jeden einzelnen Tag des Feldzugs rekonstruiert. Napoleon übernachtete mal im Pfarrhaus von Oberfahlheim, mal bei einer Bäuerin in Oberhaslach. Was fehlt, ist auch nur der kleinste Hinweis auf einen Ort mit Namen Gögglingen.

Dies ist umso erstaunlicher, als Schuler neben den rund 40 000 Briefen, die Napoleon zeit seines Lebens geschrieben hat, auch die Kriegstagebücher seines Marschalls Ney sowie vielfältige historische Aufzeichnungen örtlicher Pfarrer und Mönche zur Verfügung standen. Nachdem er all das durchforstet hatte, beschied Schuler: Napoleon war niemals in Gögglingen, und er hat dort niemals einen Salat gegessen. Die Geschichte mit der Schnecke ist seiner Kenntnis nach vor etwa 30 Jahren erstmals aufgetaucht. Sie sei ein schwäbisches Märchen, in die Welt gesetzt wohl von einem geschäftstüchtigen Wirt.

Die betrübliche Kunde hätte den Gögglingern nun zu einiger Zerknirschtheit Anlass geben können, stattdessen wehren sich einige vehement gegen die Zerstörung der Mär mit Bonaparte in der Hauptrolle. Trotzig verweist der Ortsvorsteher auf ein aktuelles Veranstaltungsfaltblatt der Ulmer Stadtverwaltung, das als historische Quelle freilich von zweifelhaftem Wert ist. Auch Gastronom Stefan Fischer, obwohl er den Ritter erst vor zweieinhalb Jahren gepachtet hat, sagt unbeirrt: Ich gehe davon aus, dass es stimmt.