Ich träumte, ich solle gekreuzigt werden«, notiert Theodor W. Adorno Ende Mai 1942. »Die Kreuzigung fand bei der Bockenheimer Warte, nahe der Universität statt. Der ganze Vorgang war frei von Angst. Bockenheim glich einem sonntäglichen Dorf, totenhaft friedlich, wie unter Glas. Ich betrachtete es auf dem Spaziergang zum Richtplatz mit der größten Aufmerksamkeit. Ich glaubte nämlich, aus dem Aussehen der Dinge an diesem meinem letzten Tag etwas Bestimmtes über das Jenseits entnehmen zu können. Ich erklärte aber zugleich, man müsse sich dabei vor vorschnellen Schlüssen hüten. Im übrigen hatte ich die Sorge: ob ich am Abend vor der Kreuzigung zu einem großen, ungemein eleganten Diner, zu dem ich geladen war, beurlaubt würde, sah dem aber mit Zuversicht entgegen.«

Der Text, der für die Dauer eines Traumes aus der amerikanischen Emigration nach Frankfurt zurückführt, ist charakteristisch für zwei gegenläufige Tendenzen, die Adornos Traumprotokolle im Ganzen bestimmen: Albträume, Exekutionen kreuzen sich mit dem fragilen Versprechen von Glück: »Ich bin der Märtyrer des Glücks.«

Adornos Traumprotokolle sind in einem schmalen, aber höchst lesenswerten Band enthalten, der jetzt über die in Band 20.2 der Gesammelten Schriften dokumentierten Texte hinaus aus einem nachgelassenen Konvolut zusammengestellt worden ist. Die Notate beginnen im Januar 1934, noch vor der Emigration erst nach England, dann in die USA, und sie enden kurz vor Adornos Tod im Wallis im April 1969 in Baden-Baden, mit einem Traum, in dem Jürgen Habermas als psychoanalytischer Cicerone, der vor Krebs warnt, auftritt. Adorno war ein aufmerksamer Traumbeobachter. Er hat seine Träume jeweils gleich beim Erwachen niedergeschrieben. Seine Frau Gretel hat, unerachtet des bisweilen sexuell heiklen Materials, die handschriftlichen Texte abgetippt. Nur sprachliche Mängel wurden für die Publikation korrigiert. Des Versuches einer Selbstdeutung, der Traumtheorie hat Adorno sich hier glücklicherweise weitgehend enthalten; die Protokolle sind tatsächlich »authentisch«. Ihre Bedeutung liegt nicht darin, dass sie einen völlig neuen Adorno dokumentierten. Die Grundmotive seines Denkens – das Eingedenken des Unausdenklichen, das mit dem Namen von Auschwitz verbunden ist, die Selbstermunterung »Bangemachen gilt nicht« und das Festhalten am unabgegoltenen Versprechen des Glücks – sind gegenwärtig. Aber die Texte bieten in ungeschützter Form gewissermaßen einen Adorno von innen.

Traumatische Hinrichtungsszenen kehren mehrfach wieder. »Ich träumte, ich wäre in einem KZ«, notiert Adorno zwölf Jahre nach Kriegsende. »Ich hörte eine Gruppe jüdischer Kinder ein Lied singen, dessen Text lautete: ›Unsre gute Mamme ist noch nicht gehängt.‹« Aber der Träumende selber wird etliche Male unter teils grausamen, teils skurrilen Bedingungen exekutiert. Allerdings fehlt es auch an aktiven Hinrichtungsszenen nicht. Ende März 1944 findet »in einer Arena unter meinem Befehl die Hinrichtung einer großen Anzahl von Nazis statt«. In einer weiteren Szene ist unklar, »ob die Opfer«, »eine Schar nackter, athletischer junger Männer«, Faschisten oder Antifaschisten sind. Ein »Guillotine-Automat«, Erbschaft kafkascher Strafkolonien, sorgt für buchstäbliche Kopflosigkeit.

Noch dominanter als die Hinrichtungs- sind die Bordellträume. Adorno, wie Horkheimer im Metier erfahren, nimmt kein Schamblatt vor den Mund. Beispielsweise wird ihm, wenn er oral geliebt werden wolle, die Anschaffung einer »Schwanz-Wasch-Maschine« nahe gelegt. Aber es bleibt durchweg bei den Präliminarien. Die obligaten Zensurhindernisse türmen sich auf. Eine unverhoffte Heidegger-Debatte im Puff nötigt dazu, das Etablissement zu verlassen. Der »Jargon der Eigentlichkeit« verhindert auch das befriedigende sexuelle Erlebnis. Figurationen der »verfluchten« Mutter, die ihn geboren (28. November 1955), sorgen für Versagung. Träume sind nur Tendenzen zu Wunscherfüllungen, wie Jan Philipp Reemtsma in seinem weit ausgreifenden Nachwort beobachtet, ohne wirkliche Wunscherfüllung zu sein.

Die Liebes- und Todesmotive verbinden sich in den bewegenden Träumen, die mit Adornos Frau Gretel verknüpft sind. Im ersten Traum des Bandes stürzt das Paar im Engadin mit einem Autobus ab: »Ich fühlte mich weinen, indem ich sprach: ich hätte so gern noch mit Dir weitergelebt. Da erst erkannte ich, dass mein Leib völlig zerschmettert war. Mit dem Tode wachte ich auf.« Im angeschlossenen Traum, Oxford 1936, ist Adornos geliebte Tante Agathe sich nicht mehr so sicher wie früher, dass »wir uns nach dem Tode wiedersehen« werden. Am 16. Juni 1960, in der Nacht vor einer Abreise, träumt Adorno: »Dass ich von der metaphysischen Hoffnung nicht ablassen mag, ist gar nicht, weil ich so sehr am Leben hinge, sondern weil ich mit G. erwachen möchte.« Der Traumwunsch gilt dem geteilten Erwachen, auch wenn das Erwachen das Ende der Träume ist.