Königsdisziplin
Die neue Sportart Schachboxen soll Körper und Geist zum Äußersten treiben
Iepe Rubingh, 31, ist amtierender Weltmeister im Schachboxen. Er ist außerdem der Erfinder dieser Sportart, Gründer des ersten Schachbox-Clubs der Welt und Ausrichter der Schachbox-Europameisterschaft, die erstmals am 1. Oktober ausgetragen wird.
Schachboxen ist genau das, was der Name besagt, eine Verbindung aus Schachspiel und Boxen. Den von Iepe Rubingh ersonnenen Regeln zufolge geht ein Schachboxkampf über elf Runden, und zwar abwechselnd zwischen beiden Disziplinen. Auf eine vierminütige Runde Blitzschach folgen, nach einer Umziehpause von 60 Sekunden, zwei Minuten Boxen. Danach geht’s wieder zurück ans Schachbrett und so weiter – bis einer der beiden Kontrahenten entweder k. o. oder schachmatt ist.
Seinen Weltmeistertitel errang der aus den Niederlanden stammende Rubingh vor zwei Jahren beim ersten Titelkampf in Amsterdam durch Schachmatt in der elften Runde. »In der siebten Runde sah es für mich übel aus«, erzählt er bei einer Tasse Tee in einem Berliner Café. »Mein Springer war auf F5 gefesselt. Also versuchte ich, den Kampf boxerisch zu entscheiden.« Rubingh hat alles auf Video festgehalten. In der vorletzten Runde treibt er seinen Gegner Jean Luis, genannt Luis The Lawyer, in die Seile und trifft ihn schwer. Luis The Lawyer taumelt und wird angezählt. Der Gong ertönt, die Boxer ziehen ihre Handschuhe aus und setzen sich ans Schachbrett, das gerade wieder mitten im grell ausgeleuchteten Ring aufgestellt wurde. Der vom Faustkampf gezeichnete Luis verliert die Nerven und macht den entscheidenden Fehler. So bleibt das allseits erwartete K. O. aus, statt Luis fällt sein König, Rubingh ist Weltmeister.
Die Frage, was das Ganze eigentlich soll, kennt Rubingh schon. Er lehnt sich lächelnd zurück, nippt noch mal an seinem Tee und holt dann ganz weit aus: Er interessiere sich für die Dialektik von Körper und Geist, für antike Ideale, für Olympia und für die Symbiose von Sport und Kunst.
Vor seinem Durchbruch als Schachboxer hat sich Iepe Rubingh vor allem als Aktionskünstler einen Namen gemacht. Mal riegelte er – aus künstlerischen Gründen – viel befahrene Kreuzungen in Berlin und Tokyo mit weiß-rot gestreiften Bändern ab, 2002 verwandelte er mit allerlei Plastikschläuchen einen Baum in bester Berliner Lage in einen sprudelnden Springbrunnen und feierte dies als Das Wunder von Berlin .
Seine Schachbox-Vision geht zurück auf seine Kindheit. Damals entdeckte er in dem Comic Le froid équateur die Schilderung eines surrealen Turniers, das zwischen Boxen und Schachspiel wechselte. Später, als Erwachsener, betrieb er beides jahrelang als Hobby. Vor genau zwei Jahren veranstaltete er den ersten Schaukampf, zuerst in Berlin, dann in Amsterdam und Tokyo.
Sein Berliner Schachbox-Verein SBC hat 14 Mitglieder. Dort unterrichtet der Weltmeister persönlich, etwa mit dem Spiel »25-Meter-Schach« (Blitzschach, bei dem die Uhr 25 Meter vom Brett entfernt steht).
Dem Laien mag es widersprüchlich erscheinen, dass Boxer erst mühsam einen Denksport erlernen, um sich dann im Ring dumm und dämlich zu hauen. Ganz falsch, sagt Rubingh, die Denkfähigkeit leide nicht, vielmehr verbessere die körperliche Fitness die Blutversorgung des Gehirns. »Den Wattekopf hat man erst am nächsten Tag.«
Ihn faszinieren vor allem die Parallelen: »In beiden Sportarten geht es um Aggressionskontrolle.« Er nimmt die Fäuste hoch, lässt die Schultern rollen. »Beim Boxen musst du die Knockout-Punkte präzise treffen. Auch beim Schach darf man nicht übermütig werden.«
Er wisse zwar nicht, ob Schachboxen jemals eine olympische Sportart werden könnte – aber wenn das geschehe, »dann wird es die Königsdisziplin sein«.
- Datum 22.09.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.09.2005 Nr.39
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