Die deutschen Wähler haben gesprochen, aber was haben sie gesagt? Vor allem, was sie nicht wollen. Keine kalte Marktwirtschaft. Mit Einheitssteuer und Kopfprämie hat sich Angela Merkel als Radikalreformerin angeboten, doch in in der "Schicksalswahl" wurde Schwarz-Gelb nur von einer Minderheit nachgefragt. Die Bundesbürger wünschen sich einen starken Staat, der Wohlstand mehrt und sozialen Ausgleich schafft.

Deutschland können sie damit nicht meinen.

Die hiesige Bürokratie ist längst zu einem seltsamen Konstrukt mutiert: Sie ist groß und schwach zugleich. Der deutsche Staat greift sich fast die Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung, er beschäftigt 4,8 Millionen Beamte und Angestellte, mehr als jedes Unternehmen der Welt, er unterhält 36493 Schulen, 267 Hochschulen und 290625 Krankenhausbetten. Er hat Schulden in Höhe von 1,5 Billionen Euro angehäuft.

Doch wozu das alles?

Dieser vermeintlich kraftvolle Staat konnte nicht verhindern, dass in Deutschland der Abstand zwischen Arm und Reich wächst. Dass weniger der Intellekt als die soziale Herkunft über den Bildungsabschluss entscheidet. Dass das Gesundheitssystem extrem teuer ist, aber nur Mittelmäßiges leistet.

Ob Schwarz-Rot, Rot-Grün-Gelb oder Schwarz-Gelb-Grün: Wie auch immer die nächste Regierungskoalition aussieht, ganz gleich, ob die Anhänger oder Kritiker der Deregulierung dominieren – sie wird versuchen müssen, dem deutschen Staat neue Leistungsstärke zu verleihen. Aber lassen sich Umverteilung und Wohlstand überhaupt noch vereinen? Oder bedeutet ein starker Staat im Zeitalter der Globalisierung automatisch eine schwache Wirtschaft?

Die Computerprogramme kommen aus Indien, die Spielsachen aus China, die T-Shirts aus Bangladesch. Die Welt ist zum Dorf geworden, und die Deutschen stehen auf einmal als Dorfdeppen da. Sie sind zu teuer, zu langsam, zu unflexibel. Schon die hiesigen Nettolöhne liegen um ein Mehrfaches über den polnischen Bruttogehältern. Wie soll der Staat da noch Abgaben erheben? Was bleibt der Bundesregierung da anderes übrig als ein Wettlauf um noch niedrigere Steuern und Sozialabgaben?

Viel. Die neue Dominanz der Billigländer ist nur ein kleines Stück der Wahrheit. Zwar machen Textilien aus Asien und Maschinenbauteile aus Osteuropa manchen Unternehmen das Leben schwer. Aber die Importe aus Billiglohnländern fallen längst nicht so sehr ins Gewicht, wie die Angst vor der Globalisierung Glauben macht. "Der Großteil des Welthandels findet nicht zwischen reichen und armen Nationen statt, sondern innerhalb der Industrieländer", sagt der Berliner Ökonom Volker Nitsch, Autor mehrerer Studien zum Thema. Tatsächlich stammen 70 Prozent der nach Deutschland importierten Produkte aus Westeuropa, den USA oder anderen reichen Ländern. Aus China kommen nur 5,7 Prozent.

Aber ist es nicht so, dass deutsche Maschinenbauer inzwischen längst selbst in Osteuropa und Asien ihre Fabriken bauen und von dort aus den Weltmarkt bedienen? "Von den Lohnkosten her könnte man das vermuten", sagt Henning Klodt, Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Tatsächlich aber gehen nach Angaben der Bundesbank 86 Prozent der deutschen Direktinvestitionen in andere Industrieländer, vor allem nach Westeuropa (60 Prozent) und in die USA (23 Prozent).

Niedrige Löhne und geringe Steuern sind nur zwei von vielen Motiven, die Firmen ins Ausland treiben. "Hinter den Direktinvestitionen stehen meist wettbewerbsfähige Unternehmen, die in wachsenden Auslandsmärkten expandieren wollen", so Klodt. Oft sichern sie damit Jobs zu Hause.

Wenn die Welt also tatsächlich ein Dorf ist, dann eines, in dem die jeweiligen Nachbarn noch immer viel unter sich ausmachen. Egal, ob es um den Verkauf von Industrieprodukten oder um die Ansiedlung von Unternehmen geht, die größten Konkurrenten des Standorts D sind die USA, Großbritannien, Schweden oder Dänemark. Also andere hoch entwickelte Volkswirtschaften. Im Gegensatz zu Deutschland sind diese Länder auch im Zeitalter der Globalisierung ökonomisch erfolgreich. Das sagt viel über den Zusammenhang zwischen dem Umfang des Staatssektors und der ökonomischen Stärke eines Landes aus: Es gibt diesen direkten Zusammenhang nicht.